Ausstellungsbesprechungen

Das Fundament der Kunst – Die Skulptur und ihr Sockel seit Alberto Giacometti. Städtische Museen Heilbronn, bis 31.1.2010; Gerhard-Marcks-Haus, Bremen, 28.2. –23.5.2010 und Arp Museum Bahnhof Rolandseck, 24.6. – 24.10.2010

Seit langem ist der Gemälderahmen kein unbeschriebenes Blatt mehr – ganz im Gegensatz zum Sockel von Skulpturen. In der Tat: Am Rahmen kann man kaum vorbeischauen, oft genug trägt er wesentlich zur Wirkung eines Bildes bei, während man immer noch schnell über den Unterbau einer Plastik hinwegsieht. Dass dies ein eklatantes Versäumnis ist, zeigt diese Ausstellung in einem weiten Bogen von Giacometti ausgehend, neben Rodin einer der »Väter« des eigenständigen Sockels. Günter Baumann war vor Ort.

Es ist schon eigenartig, dass dieses Thema so lange ausgeblendet wurde, und ausgerechnet heute, wo doch Skulpturen gar nicht mehr zwingend einen Sockel benötigen und so selbstbewusst wie nie unmittelbar auf dem Boden (der Realität) stehen können, ganz zu schweigen davon, dass etliche eher flüchtige bzw. vergängliche Materialien gar keine Grundlage, keinen Halt für Sockel bieten (das hat Parallelen in der Gesellschaft und in der Politik: Heute werden einstmals hochgejubelte Personen eher vom Sockel gestürzt, als dass man ihnen einen errichtet). Umgekehrt ist es ein Faktum, dass spätestens seit der Moderne Sockel und Plastik gleichwertig nebeneinander auskommen – extrem bei Constantin Brancusi –, und dass sogar zuweilen dieser Sockel als Fundament selbst die plastische Form übernimmt – nur stellvertretend seien Ulrich Rückriem, Yuji Takeoka oder Heimo Zobernig genannt.

Nun darf man nicht glauben, dass das Thema eine Selbstverständlichkeit sei, die nur viel zu spät angepackt worden wäre. Es ist angesichts unzähliger Materialien mit noch mehr Kombinationsmöglichkeiten kein leichtes Unterfangen. Es verlangt den Ausstellungsmachern schon Souveränität und Herzblut ab. Heilbronn ist hierfür aber durchaus ein passender Ort – wie sonst nur die Kunsthalle in Mannheim, haben die dortigen Städtischen Museen sich als Sammlungshochburg für Skulptur etabliert und ihre Schwerpunkte danach ausgerichtet. Dieter Brunner, der mit Annette Ludwig für die Sockel-Schau verantwortlich zeichnet, hat schon mit so mancher spannenden Schau die Gattung aufgemischt: Vor Jahren zeigte er beispielsweise ‚Plätze’ als Thema der Kleinplastik – damals ein Novum. In diesen für die Gattung etappenbildenden Ausstellungen geben die Plastiken stets mehr von sich preis, als der Betrachter sonst von ihnen erwartet. Die vielfach eingesetzte Sockelparade etwa erhöht die Bildhauerarbeiten, macht sie zu eitlen, ausgesetzten, drapierten, lehnenden, liegenden, leuchtenden Objekten. Wer diesen Teil der Plastik nicht wahrnimmt, hat nur die halbe Figur (oder was sich auch immer auf dem Postament befindet) gesehen.

Es dürfte die erste Ausstellung sein, die sich in diesem Ausmaß der verkannten »besseren« Hälfte der Skulptur widmet. Der Vorteil gegenüber dem Pendant in der Malerei, dem Rahmen, ist, dass das Postament selbst eine plastische Gestalt hat und somit leichter aus dem Image des Accessoires herauskommt: Der Sockel schreibt seine eigene Geschichte, die so vielfältig ist wie die der eigentlichen Plastik. Wer die Heilbronner Ausstellung sieht, wird in Zukunft auch die Kunst mit anderen Augen sehen – auf diese Weise bekommt der Titel »Das Fundament der Kunst« auch eine kategoriale Bedeutung. Unter den Künstlern sind neben Giacometti und Rückriem vertreten: Hans Arp, Stephan Balkenhol, Anthony Caro, Mark Dion, Sylvie Fleury, Rainer Kriester, Bertrand Lavier, Axel Lieber, Markus Lüpertz, Heinz Mack, Pierre Manzoni, Jonathan Meese, A. R. Penck, Karin Sander, Peter Sauerer, Daniel Spoerri, Jean Tinguely, Timm Ulrichs, Erwin Wurm u.a.m. Der brillante Katalog vermittelt darüber hinaus Einblicke in die Geschichte des Sockels seit der Antike, wo man sich mit schnöden Würfel- und Säulenformen begnügte, aber dem »Ding« seinen Namen gab – etymologisch hängt das Wort »Sockel« über das Schuhwerk mit der Socke zusammen. So betrachtet, kommt diese exzellente Ausstellung gut beschuht daher.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten Städtische Museen Heilbronn
Dienstag – Freitag: 10 - 13 , 14 - 17 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertag: 11 - 17 Uhr