Ausstellungsbesprechungen

Das neue Museum August Macke Haus in Bonn und die Ausstellung »Helmuth Macke im Dialog mit seinen expressionistischen Künstlerfreunden«

Die Bundesstadt Bonn, wie sich die ehemalige Hauptstadt der alten Bundesrepublik Deutschland seit der Übersiedlung des Parlaments- und Regierungssitzes nach Berlin nennt, verfügt über ein breites Spektrum musealer Einrichtungen. Bereichernd ist im vergangenen Jahr das Museum August Macke Haus hinzugekommen, das sich nicht nur der Erbepflege des Bonner Expressionisten verpflichtet, sondern dank seines Erweiterungsbaus auch großzügig inszenierte Sonderausstellungen zeigen kann – so zur Zeit eine Schau des fast vergessenen Malers Helmuth Macke, Vetter des früh verstorbenen August Macke. Rainer K. Wick ist dort gewesen.

Seit einem halben Jahr besitzt Bonn ein neues Museum, dessen Herzstück das schon seit fast drei Jahrzehnten museal genutzte Wohn- und Atelierhaus des expressionistischen Malers August Macke ist, in dem der Künstler von 1911 bis 1914, also kurz vor seinem frühen Tod im Ersten Weltkrieg, mit seiner Familie lebte und einen großen Teil seiner Meisterwerke schuf. Angesichts der relativ beengten räumlichen Verhältnisse in dem schmalen, mehrgeschossigen Stadthaus an der Bornheimer Straße war schon früh der Wunsch nach einem Erweiterungsbau aufgekommen. Mit dem Erwerb des Nachbargrundstücks im Jahr 2004 war ein erster Schritt in diese Richtung getan, doch dauerte es noch mehr als ein Jahrzehnt, bis es zum ersten Spatenstich kam. Vorangegangen waren Jahre konzeptioneller Überlegungen, planerischer Aktivitäten und beharrlicher Bemühungen der Direktorin des Macke-Hauses, Klara Drenker-Nagels, die Finanzierung dieses Projektes sicherzustellen. Nicht zuletzt durch das besondere Engagement des mit Bonn eng verbundenen Guido Westerwelle, früherer Vorsitzender der FDP, Vizekanzler und Außenminister im Kabinett Merkel II, gelang es, die erforderlichen Mittel für einen Erweiterungsbau aufzubringen. Neben Bundesmitteln flossen Gelder des Landes Nordrhein-Westfalen, der Nordrhein-Westfalen Stiftung, des Landschaftsverbands Rheinland, verschiedener Förderinitiativen der Sparkassen und last not least zahlreicher privater Geldgeber.

An das ehemalige Wohn- und Atelierhaus August Mackes, in dessen sorgfältig restaurierten Räumen eine multimedial inszenierte, außerordentlich ansprechend gestaltete Dauerausstellung über das Leben und das Werk des Künstlers informiert, schließt sich nun – entworfen von dem Bonner Architekten Karl-Heinz Schommer – ein etwa dreimal so großer, schnörkelloser Anbau an, der sich dem historischen Macke-Haus stilistisch nicht anbiedert, sondern als moderner Funktionsbau dazu bewusst kontrastiert, sich in seiner Maßstäblichkeit allerdings am Altbau orientiert. Hier befinden sich das neue Entree, ein Saal für Vorträge und audiovisuelle Vorführungen, das Museumscafé und der Museumsshop, die Verwaltungsräume, das museumspädagogische Atelier, das Archiv, die Bibliothek, die Depots und vor allem Räumlichkeiten, die ausschließlich für Sonderausstellungen vorgesehen sind. Das Ensemble aus Alt- und Neubau bildet nun eine Art Dreiflügelanlage mit einem kleinen Garten. Eine hohe, freistehende Glasfassade hält in diesem intimen »Hortus conclusus« den Lärm des auf dem Hochstadenring vorbeiflutenden Straßenverkehrs fern.

Nachdem das neue Museum August Macke Haus im Dezember 2017 mit der schönen Sonderausstellung »August Macke und Freunde – Begegnung in Bildwelten« eröffnet wurde, kann in Bonn noch bis zum 17. Juni 2018 die sehenswerte Ausstellung »Helmuth Macke im Dialog mit seinen expressionistischen Künstlerfreunden« besichtigt werden. Der Künstler ist für die meisten Besucher eine Überraschung, stand der aus Krefeld stammende Vetter von August Macke doch zeitlebens im Schatten seines berühmten Bonner Verwandten. Es ist das Verdienst der Kunsthistorikerin Ina Ewers-Schultz, das facettenreiche Werk dieses kaum bekannten rheinischen Expressionisten in einer beeindruckenden Schau der Öffentlichkeit näher zu bringen.

Helmuth Macke wurde 1891 geboren, war also vier Jahre jünger als sein Vetter August. Künstlerisch begabt, trat er 1906 als Schüler in die Krefelder Handwerker- und Kunstgewerbeschule ein, wo u.a. der bedeutende niederländische Jugendstilkünstler Johan Thorn Prikker lehrte. Dessen antiakademischer Unterricht war für den jugendlichen Kunstjünger ebenso anregend wie das progressive Ausstellungsprogramm Friedrich Denekens, Direktor des Krefelder Kaiser Wilhelm Museums, der sich nicht scheute, auch die modernen Franzosen zu zeigen, die im damaligen Deutschland bekanntlich einen schweren Stand hatten. Helmuth Macke freundete sich mit seinen Kommilitonen Heinrich Campendonk, Walter Giskes und Wilhelm Wieger sowie mit dem in Berlin lebenden Krefelder Maler Heinrich Nauen an – Künstlern also, die als mehr oder minder prominente Repräsentanten des sog. Rheinischen Expressionismus gelten. In manchen frühen Bildern Helmuth Mackes sind Einflüsse des Neoimpressionismus und Vincent van Goghs unverkennbar. Später, in Bonn und in Tegernsee, wo August Macke ab November 1909 eine Zeitlang mit seiner jungen Frau Elisabeth lebte, wurde dann der intensive künstlerische Austausch des Malers mit dem älteren Vetter spürbar. Im Rahmen seines Aufenthalts in Bayern kam Helmuth Macke mit Franz Marc sowie anderen Akteuren des späteren Münchner »Blauen Reiters« – Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Alexej Jawlensky, Marianne von Werefkin – in Kontakt; auch diese Begegnungen gingen an dem jungen Künstler nicht spurlos vorbei. So zeigt das Gemälde »Drei Pferde« von 1913 thematisch und formal deutliche Anklänge an die Pferdebilder Franz Marcs, um nur ein Beispiel herauszugreifen. Ina Ewers-Schultz, Kuratorin der Ausstellung und Autorin mehrerer Beiträge in dem schönen Begleitbuch, stellt fest, dass Marc zeitweise die Rolle als »väterlicher Ratgeber und Mentor« übernahm, »die zuvor August Macke ausgefüllt hatte«. Wenig später, 1912, waren es dann in Berlin die »Brücke«-Maler Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein und insbesondere Erich Heckel, in deren Sog Helmuth Macke geriet. Mit Heckel entwickelte sich sogar eine tiefe, lebenslang andauernde Freundschaft, und Karl Schmidt-Rottluff wurde später sein Trauzeuge. Obwohl der Künstler mannigfaltige Anregungen seiner Malerkollegen und -freunde aufnahm, gelang es ihm, diese zu einer produktiven Synthese zu führen und ein eigenständiges, ausdrucksstarkes Werk hervorzubringen.

Dies zu betonen passt umstandslos in den aktuellen kunstwissenschaftlichen Diskurs, der sich gegen die gängige Praxis der Kunsthistoriographie richtet, die geradezu obsessiv nach »Einflüssen« oder »Abhängigkeiten« fahndet und damit »dem Künstler die Autonomie« raubt, wie Christine Tauber vom Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte in ihrer am 25.04.2018 in der FAZ erschienenen Philippika »Der Einfluss hat noch zu viel Einfluss« festgestellt hat. Sie spricht dort von »Strömungsirrlehre« und bezeichnet damit in kritischer Absicht ein Phänomen, das in dem für Oktober 2018 angekündigten Buch »Einfluss, Strömung, Quelle« (herausgegeben von Ulrich Pfisterer und Christine Tauber, transcript verlag) vertiefend ausgelotet werden soll.

Doch zurück zu Helmuth Macke. Dass er sich trotz chronischer Selbstzweifel auch selbstbewusst zu inszenieren verstand, belegt sein eindrucksvolles »Selbstbildnis mit Palette« von 1910/11. Nach dem Krieg folgte ein mehrjähriger Aufenthalt des Künstlers in Bonn, wo er sich an der Sichtung des umfangreichen Œuvres seines schon im zweiten Kriegsmonat gefallenen Vetters August Macke beteiligte. Neben kraftvollen Porträts (zum Beispiel der Eheleute Hoff, 1920) entstanden Landschaften, Stadtansichten, Stillleben und figürliche Kompositionen, zum Teil expressiv aufgeladen, zum Teil tektonisch gebändigt und mit kubischen Farbformen spielend (»Landschaft bei Bonn«, 1922). Mit dem Heraufkommen der »Neuen Sachlichkeit« Mitte der 1920er Jahre vollzog sich bei Helmuth Macke eine Entwicklung »vom Expressiven zum Sachlich-Lyrischen« und weiter zu einer »naturalistisch-neusachlichen Gestaltungsweise« (Ewers-Schultz). 1929 erhielt er den begehrten Rompreis, der mit einem einjährigen Aufenthalt in der Villa Massimo verbunden war, 1933 ließ er sich am Bodensee nieder – übrigens ein Rückzugsgebiet für etliche moderne Künstler wie beispielsweise Otto Dix oder Erich Heckel, die mit der NS-Diktatur in Kollision gerieten. Unter ungeklärten Umständen fand Helmuth Macke im September 1936 bei einer Bootsfahrt auf dem Bodensee den Tod. Im Zuge der Aktion »Entartete Kunst« wurden von den Nationalsozialisten zahlreiche seiner Werke beschlagnahmt, ein großer Teil, vor allem frühe Arbeiten, wurden 1943 bei einem Bombenangriff auf Krefeld zerstört. Dass es dennoch gelungen ist, aufschlussreiche Einblicke in das vielfältige und umfangreiche Werk eines zu Unrecht fast vergessenen Malers zu vermitteln, macht den besonderen Wert dieser ausgezeichnet kuratierten, durch Werke befreundeter Künstler angereicherten Bonner Ausstellung aus.