Ausstellungsbesprechungen

Daumier und sein Paris. Kunst und Technik einer Metropole, Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts Baden-Baden, bis 20. März 2011

In Baden-Baden ist seit September 2010 eine Ausstellung zu dem französischen Maler Honoré Daumier zu sehen, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Pariser Bevölkerung mit seinen satirischen und gesellschaftskritischen Karrikaturen erfreute. Ob sich diese Ausstellung auch für den Betrachter des 21. Jahrhunderts lohnt, hat Günter Baumann herausbekommen.

Dank Honoré Daumier (1808–1879) sind die französischen Zeitschriften »La Caricature« und besonders »Le Charivari« heute noch im Bewusstsein als Medien schonungsloser Gesellschaftssatire. Dass unter seinen rund 4000 Blättern großartig dichte Themenkreise zu finden sind, zeigt die Ausstellung »Daumier und sein Paris«, in dem 2009 eröffneten Museum an der Baden-Badener Museumsmeile. In 220 Grafiken fühlt Daumier – so der Untertitel – der »Kunst und Technik einer Metropole« auf den Zahn. Zwar ist der Künstler (wie ausdrücklich auch das Museum) dem 19. Jahrhundert verpflichtet, aber der Witz, mal beißend, mal sarkastisch, mal ganz charmant, lässt noch den heutigen Betrachter schmunzeln. Mit seinem intellektuellen und zugleich bürgernahen Humor drückte er den turbulenten Ereignissen seinen Stempel auf: Das zweite Drittel des 19. Jahrhunderets war geprägt von nachrevolutionären Unruhen, von Wirtschaftskrisen mit großer finanzieller und existenzieller Not Einzelner, aber auch von großstädtischer Aufbruchstimmung (inszeniert von dem Stadtplaner Georges-Eugène Baron Haussmann) und von Krankheitsepidemien, aber auch von spektakulären Erfindungen wie dem Eisenbahnverkehr und der Gasbeleuchtung, in den Künsten der Fotografie und der Lithografie. Honoré Daumier war ein Kind seiner Zeit: er nahm nicht nur an Kriegen teil und nutzte die neuen künstlerischen Techniken, sondern er hatte über das Satireblatt »La Caricature« und das Abonnementmagazin »Le Charivari« auch die Basis, als bildnerischer Dokumentator aufzutreten, sozusagen als personalisierte Presseagentur. Es waren keine Massenblätter, aber das hohe Niveau gerade der Bildseiten – neben Daumier finden sich noch Namen wie Grandville oder Gavarni – sicherte einen exklusiven Leserkreis. Nebenbei hat die Ausstellung in Baden-Baden also auch ein Anliegen, der lithografischen Technik, einer Erfindung des Deutschen Alois Senefelder, nachzuspüren. Dem Besucher, der sich – aus heutiger Distanz – herzhaft über die ätzende Grafik amüsieren kann, erschließt sich also zugleich die Machart: Im Untergeschoss zeigt ein Film, wie eine Lithografie entsteht.

Und das eigentliche Thema? Das Paris des 19. Jahrhunderts wird unter der Lithokreide Daumiers lebendig (unterstützt von zeitgenössischen Stadtplänen). Er führt den Betrachter dabei weniger an den Sehenswürdigkeiten entlang als in die Spelunken, Hinterhofstuben und zu den Debattierclubs und Waschplätzen – überall da, wo man den vorwiegend »kleinen« Leuten aufs Maul schauen konnte. Denn die gewitzten Grafiken erhielten ihre Schärfe nicht zuletzt durch die Unterschriften bzw. untergeschobenen Dialogen. Die Schau ist also ein wunderbares Schau-Spiel, und sie ist ein großes, bildunterstütztes Lesevergnügen. Die moderne Metropole, Daumiers Paris, entpuppt sich dabei nicht selten als Zerrbild einer sich selbst überschätzenden Provinz, wo sich Miethaie, Winkeladvokate und betrogene Einfaltspinsel die Klinke in die Hand geben.

Bildunterschrift:

» Schauen Sie, das ist das einzige Junggesellen-Appartement, welches wir noch vermieten. Schauen Sie, ob es Ihnen entspricht. Ich muss Sie aber darauf hinweisen, dass wir den letzten Mieter wegen Schlampigkeit rauswerfen mussten.«

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