Buchrezensionen

David Trigg: Die Kunst zu lesen, Prestel 2018

In ihre Lektüre versunken, sind Lesende zugleich an- und abwesend, changieren sie doch zwischen der realen Welt und der Welt des Textes. Diese geheimnisvolle Pose hat bildende Künstler schon immer fasziniert und dazu angeregt, die Leseerfahrungen in ein visuelles Erlebnis zu übersetzen und zu deuten. David Trigg hat Bilder von Lesenden aus unterschiedlichsten Epochen zusammengestellt und kommentiert. Ida Brückner hat sich diese bildhafte Anthologie angesehen und durchgelesen.

David Trigg versteht „Die Kunst zu lesen“ als ein „Loblied auf einen revolutionären und doch alltäglichen Gegenstand“ ― auf Bücher und ihre Leser. Damit betont er gleich zu Anfang die Ambivalenz von Büchern, die als bloße Gegenstände zunächst unscheinbar wirken und doch eine ungemeine Schlagkraft und Bedeutung entwickeln können. Nicht zuletzt deswegen faszinieren sie schon seit der Antike Maler und Bildhauer. Sie dienen als Symbole für Gelehrsamkeit und Bildung, aber auch für Reichtum oder Frömmigkeit. Versehen mit dieser Symbolkraft, charakterisieren sie vor allem einen: ihren Leser. Dieser erscheint mal verträumt oder nachsinnend, mal konzentriert oder gelangweilt.

David Trigg geht es um diese Faszination, die von Büchern und ihren Lesern ausgeht. Er unternimmt keine kulturgeschichtliche Aufarbeitung der Kulturtechnik des Lesens und ihrer Darstellungsweise, sondern möchte vor Augen führen, dass über Grenzen und Epochen hinweg gelesen wurde. Er sieht dabei in Buch und Leser Kristallisationspunkte, deren Darstellungen „eine gemeinsame Humanität vor Augen führen, die Kulturen und Epochen verbindet.“

Dazu ordnet er die Bilder nicht chronologisch, sondern lässt sie in epochenübergreifende Dialoge miteinander treten: Auf einer Doppelseite finden sich meist zwei Bilder einander gegenübergestellt, die zumindest eine Gemeinsamkeit besitzen ― sei es die Körperhaltung der Figuren, das Interieur oder die dargestellte Szene. So treten einerseits überraschende Ähnlichkeiten in Gestik und Ausdruck, andererseits aber auch Unterschiede in Malweise und Symbolik hervor. Auf diese Weise zusammengestellt, lassen die Bilder sich gegenseitig in einem neuen Licht erscheinen und evozieren eine unkonventionelle Lesart.

Als Beispiel sei das Zusammentreffen von Gustave Courbets „Porträt des Charles Baudelaire“ von 1848 mit dem „Porträt des Kopisten Eadwine aus dem Canterbury-Psalter“ (um 1150, unbekannter Künstler) genannt. Der Dichter Baudelaire sitzt an einem Tisch, auf dem sich mehrere Mappen und Bücher stapeln. Daneben steht eine Schreibfeder griffbereit. Im Mund eine Pfeife, liest er konzentriert in einem aufgeschlagenen Buch, das er gegen die Tischkante stützt. Auch der Kopist Eadwine blickt konzentriert in ein aufgeschlagenes Buch vor ihm. Wie bei Baudelaire ist sein Oberkörper leicht vornübergebeugt und die Beine zeigen schräg am Tischbein vorbei. Allerdings sitzt er an einem Schreibpult, auf dem das Buch ordentlich abgelegt ist. In seinen Händen hält er mittelalterliches Schreibgerät, womit er gerade im Text arbeitet. Auf der einen Seite sieht man also einen lesenden Dichter der Moderne, auf der anderen einen kopierenden Mönch des Mittelalters. Während das eine Bild den Eindruck kreativen Chaos‘ hervorruft, zeugt das andere von ordnungsgemäßer Pflichterfüllung im Kontext des mittelalterlichen Christentums. Doch stellt sich durch diese Gegenüberstellung plötzlich die Frage, inwieweit der Dichter Baudelaire als ein Kopist einer (zumindest für ihn) gültigen Wahrheit gelten kann und andersherum Eadwine als ein poetischer Wortarbeiter (im Sinne der griechischen Poiesis als Kunstfertigkeit und erlernbares Hervorbringen von etwas Neuem, Abgeschlossenem). Es sind diese unkonventionellen Momente und Sichtweisen, die nicht zuletzt den Reiz von Triggs Buch ausmachen.

Ganz ohne Kontextualisierung kommt „Die Kunst zu lesen“ jedoch nicht aus. Es finden sich unter einigen Abbildungen erklärende Erläuterungen sowie eingangs ein kurzer Abriss über die Historie des Lesens als Kulturtechnik und ihrer Adaptionen in der Kunst. Zu Beginn liefert er eine Bildbeschreibung von Arcimboldos „Der Bibliothekar“ (um 1566), um die Ähnlichkeit zwischen der Sicht des 16. Jahrhunderts auf zwar sammelnde, aber nicht lesende Bibliothekare und modernen Bibliophilen aufzuzeigen. Die Darstellung von Menschen mit ihren Büchern spiegelte schon immer auch die Art und Weise des Zugangs zur Welt und des Verständnisses von ihr wider, die nicht nur inhaltlich in Texten ihre Artikulation fanden, sondern auch von diesen repräsentiert wurden. Dabei ist die Wirkung von Metaphern wie der mittelalterlichen des „Buchs des Herzens“ auch noch heute spürbar, wenn es heißt, man lese in jemanden wie in einem Buch.

Doch natürlich war der Umgang mit Texten und Büchern und ihrer Symbolik über die Jahrhunderte hinweg einem Wandel unterworfen. Im frühen Mittelalter entwickelte sich der Codex als Darstellung der biblischen Texte zu einem traditionellen christlichen Symbol. Geschrieben und gelesen ‒ vornehmlich kopiert ‒ wurde vor allem von Mönchen in den klösterlichen Skriptorien. Alles andere als moderne Leser oder Autoren, wurden auch die Evangelisten vielmehr als Medien Gottes angesehen, die dessen Wort aufzeichneten. Mit dem Aufkommen der ersten Universitäten im Spätmittelalter und der Renaissance erweiterte sich dann der Leserkreis. Außerhalb der Klöster wurden Bücher vermehrt zu Privateigentum, wenn auch einer kleinen, vermögenden Minderheit. Dies verstärkte sich noch durch Gutenbergs Weiterentwicklung der Druckerpresse. Im Zuge des Humanismus bildete sich das Bild des Gelehrten heraus. Verkörperten Bücher auf früheren Darstellungen die Heilige Schrift, charakterisierten sie nun den Bildungsstatus ihrer Besitzer. Durch die Loslösung von der Verkörperung des göttlichen Wortes wurden Bücher zu ästhetischen Objekten, die mit neuen Symboliken aufgeladen werden konnten. Zunächst Gegenstände des Glaubens, des Wissens oder des Reichtums, tauchten sie in den Stillleben des 17. Jahrhunderts als Vanitas-Motive auf und gemahnten daran, dass das menschliche Wissen vergänglich ist.

Mit Luthers Bibelübersetzung hatte sich der potentielle Leserkreis und damit auch der Kreis der dargestellten Leser erneut erweitert. So tauchten Frauen als private Bibelleserinnen auf, während vorher meist nur Maria oder andere Heilige als weibliche Leser abgebildet wurden. Im 17. Jahrhundert schließlich entwickelte sich die private Lektüre zu einer weltlichen Beschäftigung und die moderne Gattung des Romans entstand. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde diese Lektüre zum Vergnügen und zur Zerstreuung zu einer Domäne der Frauen, die von ihren männlichen Leserkollegen oft als Gefahr für Moral und Sittlichkeit eingestuft wurde. In der Kunst spiegelt sich das in Bildern wie „Die Lesende“ von Federico Faruffini (um 1865) wider, wo eine junge, lesende Frau in einer unordentlichen Umgebung und rauchend gezeigt wird. Dieses Bild änderte sich im 20. Jahrhundert erneut, wo das Buch dank kostengünstigeren Herstellungsmethoden zu einem Massenprodukt wurde und Eingang in alle Gesellschaftsschichten fand. Auch in der Kunst änderte sich der Umgang mit Büchern. Als billiger, künstlerischer Rohstoff trat vermehrt ihre Materialität in den Fokus und es entstanden Skulpturen und Installationen aus Büchern. Das Buch wurde in seiner Gegenständlichkeit zu einem Reflexionsmoment über seine Symbolik und Verkörperung der abendländischen Wissenskultur.

Fortsetzung von Seite 1

Zum Schluss seiner Einleitung geht David Trigg noch auf die mutwillige Zerstörung von Büchern ein. Die symbolische Vergänglichkeit des menschlichen Wissens der Vanitasbilder fand in den Bücherverbrennungen des Nationalsozialismus wohl ihre erschütterndste Umsetzung durch den Menschen. Doch weist Trigg darauf hin, dass es Bücherverbrennungen schon früher gegeben hat, wie die biblische Schilderung von Paulus‘ Vorgehen gegen unchristliche Schriften in Ephesos zeigt. Doch trotz immer wiederkehrender Zerstörungsaktionen hat sich das Buch, hat sich (später) die Literatur immer wieder behaupten können und wird es entgegen aller Digitalisierungswellen auch weiterhin, so Triggs optimistisches Fazit.

Leider ist anzumerken, dass David Trigg in seinem historischen Überblick in Teilen eine etwas zu vereinfachte Kulturgeschichte des Lesens und des Buches schreibt. Ein Großteil seiner Erläuterungen bezieht sich auf die Zeit des Mittelalters und der (frühen) Neuzeit, wohingegen die Entwicklungen der Moderne relativ kurz abgehandelt werden. Im Fokus steht das Buch in der christlichen Tradition. Auch die mit Beschreibungen versehenen Einzelbilder sind meist religiös konnotierte Abbildungen. Abgesehen von einigen heutigen Installationen kommen dagegen profane Darstellungen und die dortige Bedeutungsvielfalt von Büchern und Lesern etwas zu kurz. Vielleicht liegt das daran, dass angenommen wird, dass dem heutigen Betrachter und Leser Darstellungen von profanen Lesesituationen vertrauter und damit auch ohne jede Erklärung zugänglich sind. Dieser Umstand mag sich seiner These einer gemeinsamen Humanität verdanken. Doch stellt sich die Frage, ob diese postulierte Gemeinsamkeit über Jahrhunderte hinweg nicht etwas überstrapaziert respektive etwas zu naiv angenommen wird. Zwar erläutert er die unterschiedlichen Symboliken und ihre Entwicklung, doch tut er dies nur auf einem sehr allgemeinen Niveau. Er blendet zum Beispiel vollkommen aus, dass bis zum 12. Jahrhundert laut gelesen wurde und ein stilles Lesen als unvollkommen galt. Das laute Lesen galt unter anderem als Ekstasetechnik, während sich erst später die Vorstellung einer Contemplatatio mittels stillen Lesens etablierte. Oberflächlich mögen sich die Abbildungen Lesender in den verschiedenen Epochen also gleichen, nehmen sie doch oft ähnliche Körperhaltungen ein. Tatsächlich handelt es sich aber um gänzlich unterschiedliche Lesepraktiken. Ebenso wird übergangen, dass das Buch im Mittelalter weit mehr war als ein bloßes Symbol der Heiligen Schrift. Der materielle Buchkörper, die Schriftzeichen galten nicht nur als Träger, sondern wurden vielmehr als tatsächliche Verkörperung von Gottes Wort angesehen, das in ihnen eine Materialisierung erfahren hatte. Dieser Umstand wirft nochmal ein neues Licht auf mittelalterliche Darstellungen von Heiligen und Evangelisten mit Büchern.

Eine detailliertere Aufarbeitung dieser Thematik insbesondere im Hinblick auf ihre künstlerischen Darstellungsweisen wäre sicherlich interessant und wünschenswert gewesen. Ähnliches gilt für die späteren Zeiten und Lesepraktiken. Doch ist auch zu sagen, dass „Die Kunst zu lesen“ dies wahrscheinlich nicht leisten kann und auch nicht will. Denn es handelt sich nicht um eine (literatur-)historische Arbeit über die Kulturtechnik des Lesens, die der eigentliche Ort einer solchen Untersuchung wäre. Es ist in erster Linie ein Buch, das für Buch- und Literaturliebhaber gedacht ist. Als solches führt es in die faszinierenden Bildwelten von Lesenden und ihren Lektüren, in die schier unermessliche Welt der Bücher, ihrer Geschichte und Geschichten. In diesem Sinne ist „Die Kunst zu lesen“ eine Empfehlung an jeden Bücherfreund allemal wert.

Titelangaben

David Trigg
Die Kunst zu lesen
Prestel, ISBN: 978-3-7913-8478-8, Ladenpreis 22,00 €