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Degas. Intimität und Pose - Hamburger Kunsthalle, Hubertus-Wald-Forum

Frauen- und Mädchenkörper - vom Drill des Balletttrainings geformt, mit Hingabe bei der täglichen Toilette gepflegt oder schamlos die eigene Intimität preisgebend - Edgar Degas‘ (1834-1917) Vorliebe für das Nicht-Repräsentative des weiblichen Körpers, statt für seine Objektivierung als Bewegungsformel oder soziale Metapher, war wenig zeitgenössisch. Susanne Gierczynski über die Ausstellung, die noch bis zum 3. Mai zu sehen ist.

Die Hamburger Schau zeigt neben diesen mal mehr mal weniger apart bewegten Figurinen eine Reihe von Pferde- und Reitermotiven in Gestalt von 73 bronzenen Originalabgüssen des französischen Künstlers und damit den kompletten Bestand der überlieferten Kleinplastiken Degas‘. Sämtlich undatiert, verweisen die zu Lebzeiten des Künstlers der Öffentlichkeit vorenthaltenen Kleinplastiken auf ihren Stellenwert innerhalb Degas‘ Œuvre: Sie galten ihm als (spontane) dreidimensionale „Skizzen“ und bei zunehmenden Sehverlust im Alter als formklärendes Mittel. Immer aber erlebt man die »spielerische Herausforderung der Schwerkraft« (103), wie William Tucker im Katalog treffend bemerkt.

Ergänzt um eine reiche Auswahl an Pastellen, Gemälden und Monotypien, hat die Hamburger Ausstellung die modellierten Arbeiten in Kontext zu Degas‘ zweidimensionalem Schaffen gestellt. Die impressionistische Absicht, die Suggestion des flüchtigen Augenblicks einer unablässigen Bewegung zu geben, gelingt Degas im Dreidimensionalen nicht minder überzeugend als auf der Leinwand oder dem Papier.

Dass die Exponate der bronzenen Bewegungsstudien der »Tänzerinnen« das Herzstück der Ausstellung darstellen, signalisiert die eingängige Präsentation im zentralen Raum des Forums: Auf hochgestellten, weichgeschwungenen Tischen, die der Besucher gut umlaufen kann, um die Figurinen in der gebotenen Allansichtigkeit zu besehen, erschließt sich die Faszination Degas‘ an der Vielfalt beweglicher Stellungen des weiblichen Körpers. Raumgreifend oder in sich ruhend auf das eigene existentielle Zentrum bezogen, spiegeln die Plastiken zugleich den Eindruck einer „flüchtigen“ Bewegung wider, die - in impressionistischer Manier - das Prozessuale betont.

Aufsehenerregend - wie schon 1881 bei ihrer ersten Präsentation in der Öffentlichkeit - ist »Die kleine Tänzerin von 14 Jahren« (1878-81). Leicht unterlebensgroß, von Degas selbst als Wachsfigur ausgestellt, heute im Bronze-Nachguss, steht auf einem einfachen Sockel das zierliche, durchtrainierte Geschöpf einer Heranwachsenden. Obwohl das Mädchen die vierte Ballett-Position einnimmt, ist ihr Standmotiv alles andere als „vorschriftsmäßig“: Selbstbewusst reckt sie das Kinn vor, die Schultern sind leicht zurückgenommen, die Hände an den herunterhängenden Armen sind im Rücken ineinander verschränkt. In der Hüfte leicht eingeknickt, wirkt das Standbein verkürzt, während das vorgestellte Spielbein umso länger hervortritt. Mehr als nur ein Akzidenz, kommt schließlich die Bekleidung hinzu - kurzer Rock, ärmelloses Oberteil (Katalog wie Ausstellung bleiben eine Beschreibung der Materialien schuldig!) und Satinschleife, die Degas dieser Figur beigab. Was Zeitgenossen als eine Art Affront erlebten, wirkt heute geradezu magisch: Durch das Mittel der Bekleidung entsteht der uneinlösbare Anspruch auf lebensvolle Authentizität der Figur, die in keinem Moment ins Anekdotische abrutscht. Eine »Aktstudie für die bekleidete Tänzerin« belegt Degas‘ Interesse an der Eigenwilligkeit des körperlichen Gestus, der durch die Ballettschulung zwar auf das Sich-darstellen - wenn man so will „Posieren“ - hin angelegt, zugleich aber von individueller Befindlichkeit erfüllt ist. Bleibt die Frage, wo die eingenommene »Pose« mit ihrer Repräsentationsabsicht in die »Intimität« individueller Befindlichkeit übergeht und warum Degas diese Schnittstelle thematisierte.

Mit drei weiteren Themengruppen »Bei der Toilette«, »Bühne, Boudoir, Bordell« und »Pferde und Jockeys«, erschließt die Ausstellung mittels Druckgrafiken, Pastellen und Ölmalerei unterschiedliche Werkgruppen innerhalb Degas‘ Œuvre, die immer wieder überraschend in der räumlichen Perspektivität, der Wahl des Bildausschnitts oder des Betrachter-Standpunktes sind.

Als sinnenfreudiges Erlebnis und als Entdeckung eines impressionistisch affizierten plastischen Werkes ist die Ausstellung unbedingt sehenswert.