Ausstellungsbesprechungen

Der Arp ist da! Der Max ist da!

Zwischen dem 28-jährigen Hans Arp (1886-1966) und dem fünf Jahre jüngeren Max Ernst (1891-1976) begann 1914 eine lebenslange Freundschaft, in deren Verlauf sie immer wieder an gemeinsamen Projekten und Veröffentlichungen arbeiteten. In zwei Ausstellungen, die bis 22. Februar 2015 laufen, laden das Max Ernst Museum Brühl und das Hans Arp Museum in Rolandseck den jeweiligen Freund zu Gast ins eigene Haus. Rainer K. Wick hat die Schauen besucht.

Kurz nachdem sich der 1891 in Brühl bei Köln geborene Max Ernst im Jahr 1922 in Paris niedergelassen hatte, entstand dort ein großformatiges Bild mit dem Titel »Rendezvous der Freunde«, auf dem sich der Künstler im Kreise seiner dadaistischen und – späteren – surrealistischen Freunde porträtierte. Er selbst sitzt auf den Knien Dostojeweskis, im Hintergrund erscheinen Raffael als Vollender des Klassischen in der Malerei der italienischen Hochrenaissance und der Begründer der »Pittura metafisica« Giorgio de Chirico als Vorreiter des Surrealismus. Johannes Theodor Baargeld figuriert als Mitbegründer der Kölner Dada-Gruppe, Paul Éluard, Philippe Soupault, Louis Aragon und André Breton treten als zentrale Figuren der zwei Jahre danach, 1924, gegründeten Surrealisten-Gruppe auf, und am rechten Bildrand hat als einzige Frau Gala Éluard Platz gefunden, die eine Affäre mit Max Ernst hatte und später Salvador Dalí heiratete. Es handelt sich bei diesem Gemälde um einen kunstgeschichtlich traditionsreichen Topos, nämlich den des Freundschaftsbildes.

Was das »Rendezvous der Freunde« anbelangt, so ist interessant, dass in der zweiten Reihe unmittelbar hinter Max Ernst stehend eine Person auftaucht, die der Künstler im Jahr 1914, noch vor dem Großen Krieg, kennengelernt hatte und mit der er eine lebenslange, mehr als 50 Jahre andauernde Freundschaft pflegte: Hans Arp. So ist es sicherlich alles andere als zufällig, dass Ernst den Freund in seiner unmittelbaren Nähe platziert hat. Dem hundertjährigen Jubiläum des Beginns dieser exemplarischen Künstlerfreundschaft ist nun eine Doppelausstellung im Arp Museum in Rolandseck und im Max Ernst Museum in Brühl gewidmet. Ergänzt durch hochkarätige Leihgaben präsentiert dazu das Max Ernst Museum aus seinen Beständen Arbeiten von Ernst in Rolandseck, das Arp-Museum zeigt repräsentative Exponate aus seiner Sammlung in Brühl. Die Entfernung zwischen beiden Museen beträgt nur rund 40 Kilometer, und ein Besuch beider Ausstellungen lässt sich verkehrstechnisch gut miteinander verbinden, da das Max Ernst Museum in unmittelbarer Nähe des Brühler DB-Bahnhofs liegt und das Arp-Museum mit seinem eleganten Richard Meier-Neubau sogar über einen eigenen Gleisanschluss verfügt (25 Minuten Fahrzeit mit der Mittelrheinbahn).

Abgesehen von den biografischen Verflechtungen zwischen den beiden Künstlern, die Julia Freiboth und Jürgen Pech in dem voluminösen Katalogbuch minutiös dargestellt haben, sind vor allem die künstlerischen Gemeinschaftsprojekte und Parallelaktivitäten von Interesse, die die Koordinaten der Doppelausstellung in Brühl und Rolandseck bestimmen. Schon Anfang der 1920er Jahre setzte eine intensive Zusammenarbeit zwischen dem 1886 in Straßburg geborenen Hans Arp und dem fast sechs Jahre jüngeren, anfänglich den Rheinischen Expressionisten um August Macke nahestehenden Max Ernst ein. Vor dem Hintergrund des gerade erfahrenen Krieges entstanden 1920 die ersten sogenannte Fatagaga-Collagen – Kollektivschöpfungen, bei denen die Zusammenarbeit der Künstler darin bestand, dass Ernst die Collagen anfertigte und Arp dazu kurze, syntaktisch zum Teil korrekte, semantisch aber äußerst verrätselte Texte verfasste.

»Fatagaga« ist die Abkürzung von »Fabrication de tableaux gasométriques garantis«. Und so wie sich in dieser Wortprägung die ganze Absurdität des Dadaismus äußert, die nichts anderes war als der Aufschrei der Künstler und deren Antwort auf den Irrsinn des Weltkriegs und dessen Folgen für Individuum und Gesellschaft, so sind diese Fotomontagen in ihrer Heterogenität und Disparatheit auch im Bildnerischen und Sprachlichen Ausdruck einer fremd gewordenen, unbegreiflichen Wirklichkeit. Ein prominentes Beispiel dafür ist die Fotocollage »hier ist noch alles in der schwebe« aus dem Jahr 1920, die, den Surrealismus vorwegnehmend, vor der Himmelsfolie in der Begrifflichkeit Hans Arps einen schwebenden »Skelettfisch« und einen »Darmdampfer« zeigt. Max Ernst hat in dieser Arbeit einen Ausschnitt aus dem Foto eines britischen Gasbombenangriffs verwendet, um 180 Grad gedreht und die Giftwolke so angeordnet, dass sie anscheinend aus dem Schornstein des »Darmdampfers« ausgestoßen wird.

Fortsetzung von Seite 1

Für Max Ernsts 1926 unter dem Titel »Histoire naturelle« (Naturgeschichte) publizierte Frottagen, Graphitstift-Durchreibungen, die dem surrealistischen Credo vom sogenannten Psychischen Automatismus sehr nahekamen, schrieb Hans Arp einen kongenialen Einführungstext, der selbst als »literarische Frottage« (Thomas Lischeid im Katalog) gelesen werden kann, und 1930 schuf Ernst unter Verwendung alter Holzstiche fünf surrealistische Collagen zur Illustration des Gedichtbandes »weisst du schwarzt du« von Hans Arp, deren stilistische Verwandtschaft mit seinen berühmten Collageromanen aus den späten 1920er und frühen 1930er Jahren unverkennbar ist. 1939 folgte unter dem Titel »L’homme qui a perdu son squelette« (Der Mann, der sein Skelett verlor) ein literarisches Gemeinschaftsprojekt, an dem nicht nur Arp und Ernst mitwirkten, sondern an dem auch andere Dadaisten und Surrealisten wie Marcel Duchamp, Paul Éluard sowie Leonora Carrington beteiligt waren und das als Produkt eines aus dem Unbewussten gespeisten kollektiven Schreibprozesses auch aus produktionsästhetischer und kunstsoziologischer Sicht von besonderem Interesse ist.

Im Jahr 1954 erhielten auf der XVII. Biennale in Venedig als Anerkennung für ihr Lebenswerk Hans Arp den Großen Preis für Skulptur, Max Ernst den Großen Preis für Malerei (obwohl er in Venedig auch Skulpturen ausstellte) und Joan Miró den Großen Preis für Grafik. Im Zentrum der aktuellen Doppelausstellung stehen nun, 50 Jahre danach, in Brühl Arbeiten von Arp und in Rolandseck Arbeiten von Ernst, die auf der Biennale präsentiert wurden. 19 der 24 seinerzeit in der Lagunenstadt gezeigten Werke von Hans Arp bilden den Kern der Brühler Ausstellung – Freiplastiken und bemalte Holzreliefs mit frei fließenden, biomorphen Formen, wie sie typischer für das Œuvre des Künstlers nicht sein könnten. Was hier dem Kurator Jürgen Pech gelungen ist, ist eine bemerkenswerte Teilrekonstruktion der damaligen Schau, die auf der Grundlage erhaltener alter Fotos möglich wurde. Das Arp Museum zeigt neben bedeutenden Gemälden von Ernst aus den 1940er bis 1960er Jahren auch einige herausragende Plastiken des Künstlers, u.a. die eindrucksvolle Bronze »The King playing with the Queen« von 1944.

Zu einer letzten großen Parallelaktion von Arp und Ernst kam es im Jahr 1960 in einer Doppelausstellung der beiden Künstler in der Kölner Galerie Der Spiegel, die einmal mehr die geistige Verwandtschaft der beiden Freunde und eine Vorstellungswelt aufscheinen ließ, die durch das Spielerische, durch Humor und feine Ironie geprägt war. Es handelte sich um ein Ereignis, das – so Jürgen Pech im Katalog –zu einem »Fest der Freundschaft« wurde. Einer Künstlerfreundschaft, die als die längste, spannendste und facettenreichste des 20. Jahrhunderts gelten kann. Rückblickend erinnerte sich Max Ernst nach mehr als 40 Jahren an seine Erstbegegnung mit Hans Arp 1914, beide hätten sich damals »an der Hand genommen« und einen »Freundschaftspakt« geschlossen, der erst mit dem Tod von Arp im Jahr 1966 sein Ende fand.