Kataloge, Rezensionen

Der Aufklärer Jean-Antoine Houdon als Vorläufer der modernen Plastik - Eine kleine Bücherschau

In einer kleinen Bücherschau hat sich unserer Autor Günter Baumann mit der Plastik von Houdon bis Giacometti beschäftigt und stellt erstaunliche Verbindungen fest.

Würde man sich eine hypothetische Skulpturenschau erfinden mit dem Titel »Von Giacometti bis Maurizio Cattelan«, wäre der Zirkel geschlossen: Von Cattelans Marmorinstallation »All« (2008), die in jüngster Zeit im Kunsthaus Bregenz zu sehen war, ließe sich ein Bogen zurück zu Jean-Antoine Houdons »Winter« von 1783 schlagen. Der Gedanke könnte einem schon kommen, denn folgt man drei Ausstellungen der vergangenen Jahre, von denen die eine über das Werk Houdons gerade im Musée Fabre in Montpellier ausläuft, dann ist es schon verlockend, das Band zu flechten von dem französischen Aufklärer bis in die Moderne. Die Grundlagen sind nicht abwegig. Modern war Houdon schon in seinem Selbstverständnis – er wusste sehr wohl, wie er seinen Nachahmern zuvor kam, er prägte den Plastiken seinen kommerziellen Stempel auf. Das war nötig, immerhin genoss er in ganz Europa einen guten Ruf. Als einer der gefragtesten Porträtisten schuf er mit seiner Winter-Allegorie, auch bekannt als »Die Fröstelnde«, zudem eine Inkunabel seiner Zeit, die aber auch die Gemüter spaltete: Den einen war die aufreizende Darstellung Grund zur entrüsteten Erregung, den andern zur prüden Aufregung. Der Katalog, der anlässlich einer Ausstellung im Frankfurter Liebieghaus zu dessen 100. Bestehen entstand, ist die 300-seitige Hommage an einen meisterhaften Bildhauer, der hierzulande zum Geheimtipp gedämpft wurde. Freilich, in Frankreich machten ihn seine vielen Darstellungen von Jean-Jacques Rousseau unsterblich, auch in den USA punktete Houdon mit seinem Porträt von Georges Washington. Und in Deutschland? Nicht allein das nahezu impressionistisch-gegenständliche Bildnis von Willibald Gluck – gleichwohl kein Philosoph und kein Staatsmann, sondern »nur« ein Musiker – rechtfertigen einen Überblick über das bildhauerische Werk. Die Frankfurter Schau, die dann nach Montpellier ging, trug 40 Arbeiten des Bildhauers und aus seiner Zeit zusammen. Der Katalog, der den Spuren des ganzen Werks nachgeht, umkreist insbesondere den »Winter« (und den weniger aufreizenden »Sommer«) in all seinen Entwürfen, Varianten und Ansichten, sodass am Ende ein formvollendeter, technisch brillanter und überlegter Plastiker vor dem geistigen Auge des Betrachters auftaucht. So bleibt die nur mit einem Tuch halbwegs verhüllte »Fröstelnde« zwar die sinnlich ergreifende Figur, aber schon dieses um Kopf und Oberkörper geschlungene und nach hinten fallende Tuch ist eine skulpturale Pracht: Schönheit pur, die gegenwärtig wieder von sich reden macht (etwa bei dem erwähnten Cattelan-Werk). Der Katalog zeigt sowohl im Bild wie in den Fachtexten, die Houdon in seine Zeit betten, dass von da aus ein überraschend behänder Weg ins 21. Jahrhundert führt.

Es mag Zufall sein: die Karlsruher Kunsthalle hat diesen Weg beschritten, wobei ausrücklich keine organisatorische Verbindung auszumachen ist. In zwei Ausstellungs- und Katalogprojekten hat sie »einen Höhenweg durch die Geschichte der Plastik« (Pia Müller-Tamm) bis hin zu Giacometti mitgezeichnet. Bereits 2007 startete ein erster historischer Abriss, der Jean-Antoine Houdon an den Anfang setzt, das Ende hieß zunächst Auguste Rodin – zwei Ausnahmekünstler mit internationaler Wirkung. 2009/10 folgte die Fortsetzung, die von Rodin ausgehend noch einmal weitergeführt wird bis zu Giacometti. Zusammen gerechnet kommt das Opus auf rund 800 Seiten, das zwar im ersten Teil mit Absicht frankreichlastig ist, und im zweiten Teil erst ins gesamteuropäische Feld übergeht. Hintergrund der ersten Publikation war der 90. Todestag Rodins, der Anlass war, die Vorgeschichte dieses bedeutendsten Wegbereiters der modernen Plastik zu beleuchten, was natürlich die Konzentration auf Frankreich erklärt. Entlang an den Eckmarken der Eleganz und des gesteigerten Ausdrucks liefen mehrere Spuren auf das Werk Rodins zu, sie streiften hier den Realismus in karikaturhafter Überzeichnung, dort die Romantik, gaben sich da neubarock, dort klassisch. Am Ende dieser Jahrhundertreise erhob sich quasi monolithisch Rodin (und Degas auf einem Nebenhügelchen). Die Vorlieben bei der Materialwahl hatten sich dabei vom Marmor, den Houdon feiner als irgendwer zu behandeln wusste, zur Bronze verlagert – wobei man nicht vergessen darf, dass Houdon viele seiner Figuren auch in Bronze goss und dass Rodin auch ein Meister am Marmor war (ganz zu schweigen von den Terrakotta- bzw. Gipsentwürfen hier wie da). Was sich offenbar nur wenig gewandelt hatte, war seitens der Öffentlichkeit die Empörung über eine allzu freizügige Darstellung der weiblichen Figur, von der Künstlerwarte aus die Überzeugung, dass der Bildhauer letztlich der Wahrheit und nicht der Natur verpflichtet sei. Der Katalog zeigt die sich anziehenden und sich abstoßenden Strömungen vorbildlich auf, hatte dabei den Vorteil, zwei Fixpunkte am Anfang und am Ende im Auge zu behalten.

Weder eine Institution (Jubiläum des Liebieghauses) noch ein Künstler (Todestag Rodins) stand Pate bei der dritten Publikation, die zur Nachfolgeausstellung in Karlsruhe erschienen ist, welche bis zum Frühjahr 2010 zu sehen war. Es handelte sich diesmal um die Abschiedsvorstellung des Kurators Siegmar Holsten, eines ausgewiesenen Kenners der modernen Plastik. So gesehen bot sich eine Art offene Gesellschaft plastischer Positionen an, die zwischen etwa 1900 und 1950 entstanden sind. In einer Collage ergibt sich so ein Gesamtblick auf eine Gattungsgeschichte, die keiner Linie mehr folgt, sondern allenfalls Schwerpunkte und Wegmarken setzt; die Kapitel heißen: Gesichter, Klassische Figuren, Torsi, Gebärdenfiguren, Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, Zerlegende Blicke, Vom Raum durchdrungen, Schock und Charme der Dinge, Erfundene Urformen, Figürliche Raumzeichnungen, Konstruktive und Architektonische Skulpturen, Der Mensch im Raum. Jede dieser thematischen Ballungen kennt ihre zentralen, beispielgebenden Namen, und notwendig stehen Rodin und Giacometti eher zufällig beiderseits der Bildhauerparade. Vorbildlich treten die Protagonisten im Katalog in je eigene Beziehungen: Kolbe, Lehmbruck, Maillol auf der klassischen Seite; den Torso pflegen Brancusi, Lehmbruck und Rodin; exaltiert verausgaben sich Barlach, Bourdelle und wiederum Lehmbruck; expressionistisches Neuland betreten Gauguin, Kirchner und Zadkine; die unabweichbare Zersplitterung weisen Boccioni, Laurens und Picassso auf; es folgt der Triumph der Hohlform bei Archipenko und Moore; die Figuration setzte sich mit Duchamp und Max Ernst gegen die Bilderfinder um Arp, Brancusi oder Schwitters zur Wehr; Raumzeichnungen von Calder oder Gonzales setzten phantasievoll um, was die Konstruktivisten wie Bill, Obrist oder Rodtschenko mit dem Verstand zu klären versuchten; der Gewinner des Reigens scheint der surrealistisch und existenzialistisch (neu)geschaffene Mensch zu sein, wie ihn eben Giacometti am vollendetsten zeigte.

Unterschiedlichen Konzepten sind die vorgestellten Bücher unterlegt, aber letztlich entfaltet sich ein großartiger Bogen über die sich emanzipierende Geschichte der Plastik, die lange genug im Schatten der Malerei gestanden hatte. Es wäre schön, wenn in naher Zukunft dieser Bogen sinnfällig bis ins 21. Jahrhundert weitergeführt werden könnte. Vielleicht mit Catellan am Ende, der den Blick zurück aufzunehmen verstünde und zugleich neue Bahnen anstoßen würde …