Ausstellungsbesprechungen

Der Dritte Blick. Fotografische Positionen einer Umbruchsgeneration, Stadtgalerie Kiel, bis 8. Mai 2016

Die politische Wende 1989 war für eine ganze Generation zugleich auch eine Wende in ihrem Leben. Diese »Wendekinder« erlebten ihre Jugend, aber auch das Erwachsenenalter in einem anderen System als dem ihrer Kindheit. Der Umbruch prägte ihr Leben und ist für die neun Fotografen der Ausstellung auch ein Thema in ihrer Kunst. Freya Leonore Niebuhr hat sich die Schau angesehen.

Im Jahr 2015 lag die deutsche Wiedervereinigung schon 25 Jahre zurück. Die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche, die aus diesem historischen Ereignis resultierten, beeinflussten das Leben der Bürger in Ost und West nachhaltig. »Der dritte Blick« macht diese Einflüsse sichtbar und zeigt Kunstwerke von neun Künstlern, die im Ostdeutschland der 70er und 80er Jahre geboren wurden und in der ehemaligen DDR aufwachsen sind. Sukzessive hat sich der Begriff »Wendekinder« oder »Dritte Generation Ostdeutschland« für Menschen dieser Generation etabliert, deren Biografie durch den Mauerfall geprägt worden ist. Nach der Wiedervereinigung fanden sie in der Bundesrepublik ein Zuhause.

Was beschäftigt diese Künstler innerlich und wie setzen sie sich künstlerisch mit Themen wie Identität, Kommerz und Existenz auseinander? Wie fühlt es sich an, in beiden Systemen beheimatet (gewesen) zu sein? »Der dritte Blick« gibt erste Antworten auf diese Fragen. Die Ausstellung in der Stadtgalerie Kiel entstand in Kooperation mit dem Berliner Verein »Perspektive hoch 3 e.V.« und wurde zuvor bereits im Willy-Brandt-Forum in Berlin gezeigt. Begleitend zu den präsentierten Fotografien und Videoarbeiten wird ein Film gezeigt, in dem Dörte Grimm und Nadja Smith die ausstellenden Künstler porträtieren und selbst zu Wort kommen lassen.

Julian Röder (*1981), der seine Kindheit in der sozialistischen DDR verbracht hat, thematisiert in seiner Arbeit »Human Resources« (2007-2009) die Oberflächlichkeit der Wirtschaft. Seine Farbfotografien, die Messearbeiter vor leeren Bildschirmen und leeren Stellwänden zeigen, vermitteln, wie kritisch der Künstler der globalisierten Wirtschaftswelt gegenübersteht. Die Fotografien verweisen durch die von den Screens entfernten Inhalte auf die fundamentlose Leere der kommerziellen Scheinwelt. Der Arbeitnehmer ist einer oberflächlichen Welt ausgesetzt, die durch das Streben nach Gewinnmaximierung und mangelnde Tiefe gekennzeichnet ist. Der Mensch verkommt unweigerlich zur Ware, ist ersetzbar. Die Künstlichkeit dieser Arbeitswelt wird nicht zuletzt durch die luxuriös glänzenden Goldrahmen verkörpert, die Röders inszenierte Farbfotografien einfassen.

Ereignisbezogen zeigt sich dagegen die schwarz-weiß Serie »Wüstungen« von Anne Heinlein (*1977), in der die Künstlerin sich mit dem Thema Zwangsumsiedlung an der deutsch-deutschen Grenze auseinandersetzt. Rund 10.000 Menschen wurden umgesiedelt, um für die Errichtung einer Grenze Platz zu schaffen. Seit 2010 fotografiert Heinlein auf den ersten Blick idyllisch wirkende Waldregionen, die zunächst besiedelt waren und zu DDR-Zeiten zwangsgeräumt wurden. Die Häuser und ihre Bewohner mussten Grenzanlagen weichen, deren Entfernung in den Jahren nach der Wende erfolgte. Heute ist hiervon nichts mehr zu sehen. Auch dieser Umstand ist das Besondere an den großformatigen und eindrucksvollen Fotografien konzeptionellen Charakters, künden sie doch von einer offenbar heilen Welt ohne direkt auf das brutale Ereignis der Zwangsumsiedlung hinzuweisen.

Mit einer weiteren Form des physischen Verschwindens setzt sich auch die 1981 geborene Künstlerin Margret Hoppe auseinander. Sie dokumentiert fotografisch Orte, an denen ehemals Kunstwerke von ostdeutschen Künstlern hingen, wie z.B. ein Stillleben Günter Brendels im Berliner Palast der Republik. Die DDR selbst hatte Künstler mit Arbeiten beauftragt, doch nach der Wiedervereinigung wurden viele dieser Werke für immer von ihrem Bestimmungsort entfernt. Wo einige von ihnen danach verblieben, verrät Hoppes Serie »Die verschwundenen Bilder«. Gerhard Richter, damals DDR-Bürger und Student, hatte 1956 als Diplomarbeit sein Werk »Lebensfreude« an eine Wand im Dresdner Hygienemuseum gemalt. Heute ist diese Wand weiß gestrichen, wie Hoppes Fotografie beweist. Als Richter aus der DDR flüchtete, wurde das Übermalen seines Kunstwerkes angeordnet. Zwar wurde es nach der Wende teilweise wieder freigelegt, doch Richter selbst sprach sich schließlich für ein erneutes Übermalen aus. Hoppes Farbfotografien aus den Jahren 2005 bis 2010 zeugen von Ikonoklasmus sowie Wertlosigkeit und dem politischen Bestreben, die Vergangenheit auszulöschen. Durch ihre Fotografien gelingt es, zumindest partiell die Geschichte der Kunstwerke fotografisch zu dokumentieren.

Übriggeblieben sind vielerorts auch architektonische Zeugnisse, die als Erinnerungsträger fungieren. Noch heute existieren Datschen, Plattenbauten und Ruinen, die nach der Wiedervereinigung ihren ursprünglichen Zweck verloren haben. Die Existenz dieser Gebäude inspirierte neben Margret Hoppe, die ein verwaistes ehemaliges Leistungssportzentrum ablichtete, auch Marc Marquardt (*1977) zu seiner Serie »Datschen« aus dem Jahre 2015. Aus der Freizeitkultur der DDR waren diese nicht wegzudenken. Marquardt setzt sich fotografisch mit ihnen auseinander, indem er die kleinen Bungalows unterschiedlicher Optik in schwarz-weiß aus stets gleicher Perspektive ablichtet. So schneidet er im weitesten Sinne auch die Themen Individualität und Homogenität an, die in der DDR von besonderer Bedeutung waren.

Bezüge zu der Zeit vor und nach der DDR stellt Luise Schröder, geboren 1982, her. Mit Hilfe von Sand, Wasser und Feuer bearbeitete sie 2011 im Rahmen ihrer Serie »Arbeit am Mythos« bestehende Fotografien von Dresden. Ein Film macht den Schaffensprozess sichtbar. Die Ergebnisse ihres experimentellen Tuns sind einzigartig und schließen neben der technischen Besonderheit auch einen konkreten Gedanken ein: Sand, Wasser und Feuer wurden bewusst ausgewählt, da sie in unmittelbarem Bezug zur sächsischen Hauptstadt stehen. Bei den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg und der Überflutung Dresdens im Jahre 2002 waren es jene Materialien, die das Stadtbild beeinflussten und zerstörten.

Die DDR existiert seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr, lebendig aber bleiben Assoziationen an Plattenbauten und Datschen, an die Stasi, an Grenzanlagen und -kontrollen sowie vieles mehr. Die an der Ausstellung »Der Dritte Blick« teilnehmenden »Wendekinder« sorgen mit ihren Arbeiten dafür, dass manch DDR-Klischee fotografisch dokumentiert wird und bringen dabei ihre persönlichen Erfahrungen in die Werke mit ein. Gerade für Jüngere, die nach der Wende geboren sind, ist die Ausstellung sehenswert und informativ. Die »Wendekinder« tragen zum gesellschaftspolitischen Verstehen bei und helfen eine kritische Auseinandersetzung mit dem geteilten Deutschland herbeizuführen. Sie schärfen das Bewusstsein für die damaligen Missstände und geben interessante Einblicke in Vergangenes.