Ausstellungsbesprechungen

Der große Wurf, Faltungen in der Gegenwartskunst

Der Obertitel zeugt von Raffinesse. »Der große Wurf« klingt nach großer Geste, großem Atem – und im zweiten Titel knittert die Größe zunächst ein: »Faltungen« hat etwas von Verengung, Kleinheit. Und doch verbindet sich das Faltthema mit dem großen Wurf zur bildlich-wörtlichen Handlung: Ob Tuch oder Schleier, Rock oder Netz – mit Schwung entwirft der Werfende, sprich Künstler oder hier Handelnde, ein faltenreiches Objekt bzw. Kunstwerk.

Jedoch nutzt die Ausstellung »Faltungen in der Gegenwartskunst« nicht die Chance, den Wurf als Hauptmotiv auch in Szene zu setzen, was sicherlich reizvoll gewesen wäre, denkt man an die Möglichkeiten der neuen Medien. Aber das sei nur als kritischer Unterton vorweg erwähnt, denn das eigentliche Thema ist ja die Faltung, die bislang wohl als Dissertationsentwurf hinsichtlich spätgotischer Faltenwürfe bei Madonnenfiguren usw., aber kaum im Hinblick auf die Gegenwartskunst und dann gleich in Ausstellungsbreite gesehen wurde. Zudem wird sie hier im Kontext der Architektur und der Naturwissenschaft dargestellt, was zwar durch deren statische Ausrichtung aus dem großen Wurf allenfalls ein – man muss hier auf ein Heidegger-Wort zurückgreifen - Geworfensein macht, aber auch ein Breitenspektrum eröffnet, das beeindruckt. Doch auch hier bleibt ein kleiner Makel, der sowohl von der im Titel implizierten Vorgabe wie auch vom erweiterten Spektrum angedeutet werden soll: Ausgespart bleibt hier – trotz naturwissenschaftlicher Ausrichtung – ein spannender geophysikalischer Bereich, der von der Land Art bedient werden könnte: Faltung im Sinne von Auffaltung, massiver Aufwerfung (konkret denke man an griechische Inseln, die immer noch wachsen).

 

Die Faltung meint hier ein Zwischenstadium, ein Schritt zwischen zweiter und dritter Dimension – von der materiellen Seite einfachen, wenn auch handwerklich durchaus hochkomplexen Papierarbeit (Origami, von japan. oru »falten«, kami »Papier«) bis hin zur großformatigen Blechfaltung. Die Fläche bricht sich Bahn, um Raum zu werden, ein Wort wird zur Denkfigur – und die findet in Krefeld gleich eine dreizehnfache Ausprägung. So viele knickende, sich oder andere(s) spiegelnde, etwas verschiebende, pressende Künstlerinnen und Künstler nehmen an der Schau teil. Manche haben eigens dafür Arbeiten konzipiert, wie beispielsweise Olaf Holzapfel mit einer raumfüllenden Installation, die wuchtig erscheint gegenüber dem poetischeren Raumteilern von Monika Sosnowska. Andere variieren das Origami-Motiv wie Michal Budny und Pierre Huyghe oder verbinden Fotografie und Collage mit architektonischer Tiefe wie Doug Aitken oder Rachel Whiteread, die Turnerpreisträgerin, die sich um das Verhältnis von Innen- und Außenraum bemüht. Von nahezu mystischer Räumlichkeit sind die C-Prints von Wolfgang Tillmans. Andere behandeln das Thema architektonisch – Garth James – oder symbolisch – Anri Sala. Künstler wie Bojan Sarcevic und Haegue Yang zeigen, dass man eine Faltung auch aus der Linie herausarbeiten kann, bei anderen verschwindet sie selbst aus dem Blick (Albert Weis u.a.) oder sie entmaterialisiert sich ins Traumhafte (Janaina Tschäpe u.a.). Viele der teilnehmenden Künstler, deren Arbeiten durchgehend auf hohem intellektuellem Niveau stehen, sind kaum über weite Kreise bekannt, was zu bedauern ist. Denn so ernst sie mit dem Stoff und dem Thema umgehen, so viel Spaß und Leichtigkeit schwebt über den Werken.

 

Das Haus Lange versammelt ein gutes Dutzend guter Künstler, die sich dem Thema angenommen haben. Da bleibt es nicht aus, dass viele Namen fehlen – Wolfgang Thiel, der in der Picasso-Nachfolge Bleche in ihrer abstrakten Grundform zu figurativen Darstellungen faltet, beispielsweise. Aber es ist gerade die luftige Platzierung der Arbeiten, die dadurch einen enormen Charme ausstrahlen. Zudem kann der Besucher im Kaiser-Wilhelm-Museum noch weitere Beispiele im Umfeld der Faltungsschau entdecken. Auf jeden Fall sind die Faltungen meist Ausdruck von Kreativität, aber auch von Fragilität und Labilität im Sinne des Zerdrückbaren, Zusammengedrängten, In-sich-Gekehrten, des nicht mehr Ebenen und noch nicht Blockhaft-Bleibenden.

 

Der Katalog zeigt neben den ausgestellten Werken auch die Bezüge zur Architektur und bietet – farblich abgehoben – einen Überblick über die Geschichte der Faltung in der Kunstgeschichte. Als Ergänzung zur Ausstellung ist er nicht zuletzt deshalb empfehlenswert.

 

 

 

Öffnungszeiten

Dienstag bis Sonntag 11 - 17 Uhr

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