Ausstellungsbesprechungen

Der Naumburger Meister – Bildhauer und Architekt im Europa der Kathedralen, verschiedene Orte in Naumburg, bis 2. November 2011

Wer kennt Sie nicht, die böse Stiefmutter aus Disneys »Schneewittchen«? Doch den wenigsten ist bekannt, dass ihr Aussehen auf die Stifterfigur der Uta im Naumburger Dom zurückgeht, einst geschaffen vom Naumburger Meister. Mit einem großartigen detektivischen Gespür sind die Kuratoren nun den Stationen des mittelalterlichen Bildhauer-Architekten in Frankreich und Deutschland gefolgt. Rowena Fuß hat sich die Ergebnisse dieser Spurensuche angesehen und ist überwältigt.

Der Werktrupp von Bildhauern und Steinmetzen, mit dem sich der Name „Naumburger Meister“ verbindet, nahm innerhalb des Bauhüttenwesens des europäischen Mittelalters eine herausragende Stellung ein. Nach der Ausbildung an der Reimser Kathedrale führte sein Weg über die Burganlage von Coucy und die Kathedrale von Noyon nach Metz. Lothringen bildete in den 1220er Jahren schließlich das Sprungbrett nach Mainz, Naumburg und zuletzt Meißen.

Um den Spuren des Kollektivs folgen zu können, hat man in den Ausstellungsorten Schlösschen am Markt, dem Dom St. Peter und St. Paul sowie dem Stadtmuseum Hohe Lilie Bauskulpturen von allen bekannten Wirkstätten zusammengetragen. Zudem bietet der rekultivierte Domgarten mit dem „Garten des Naumburger Meisters“ die Möglichkeit direkt den Vergleich zwischen der Natur und der in Stein gehauenen Pflanzenwelt zu ziehen. Denn die Weinreben, Früchte und das Eichenlaub an den Kapitellen der westlichen Chorschranke sind minutiös von der Natur abgeschaut. Die Säulen gleichen Stämmen und die auf ihnen ruhenden Bögen werden zu Baumkronen.

Diesem „Naturalismus“ im 13. Jahrhundert steht auch ein verändertes Konzept der Sünde bei, welche ein individuell menschliches Gesicht erhält. So sind der Trumeau-Christus und die ihm beistehende Gottesmutter sowie der Jünger Johannes am Westlettner von starken Gefühlen ergriffen, die sich in ihrer Mimik widerspiegeln. Das Gesicht der Maria ist von tiefen Sorgenfalten gezeichnet. Voller Gram verweist sie mit der linken Hand auf ihren leidenden Sohn am Trumeaupfeiler. Dieser wendet sich ihr suchend zu. Gemeinsam vermitteln sie dem Gläubigen ausdrucksstark, dass Christus für die Gläubigen leidet und für sie gestorben ist. Wer an ihn glaubt, ist von der Sünde erlöst und findet Glückseligkeit im Himmel. Johannes kann den Anblick Christi dagegen nicht ertragen und wendet sich mit kummervollem Gesicht ab.

Die Passion Christi und die Erlösung im Jenseits führen nun in den Westchor mit den berühmten Stifterfiguren. Besonders an der Uta wird deutlich, dass der Naumburger Meister zwei Konventionen bedienen musste: einmal die höfische und einmal die kirchliche. So hält Uta ihren Mantelkragen leicht vor ihr Gesicht, was eine genuin höfische Geste darstellt. Bewegung entsteht durch ein leichtes Beugen der Knie, die Falten in der Kleidung oder den klassischen Kontrapost, vor allem aber durch die Mehrdeutigkeit der Miene, der intensive Studien in antiken Quellen zur Physiognomie vorausgingen.

Dass der Meister seine Ausbildung in Reims absolvierte, bezeugen die Prophetenfiguren in den Archivolten des nördlichen Querhauses der Kathedrale. In der Ausstellung sind sie im Raum zu sehen, der die Ausstrahlung der Kathedrale von Reims beinhaltet. Die Propheten sind innerlich erfasst von ihrer Mission und bringen dies in ihrer Mimik zum Ausdruck. Diese Fähigkeit des Naumburger Meisters, dem Staunen eine innere Bewegung zu verleihen, unterscheidet ihn von anderen Künstlern seiner Zeit.

Fazit: Lassen Sie sich die Gelegenheit alles zu erfahren, was bis dato zum Naumburger Meister gesagt werden kann, nicht entgehen! Dafür sollten Sie allerdings viel Zeit einplanen. Zudem sei der opulente Katalog zur Ausstellung, der auf alle Stationen ausführlich in Bild und Text eingeht, allen empfohlen, die die Masse an Erkenntnissen zum Naumburger Meister in Ruhe noch einmal studieren möchten!

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