Ausstellungsbesprechungen

Der schwäbische Impressionismus und Wege zur Abstraktion

Im Vergleich zum französischen Impressionismus nimmt die deutsche Variante wenig Raum in der Ausstellungslandschaft ein. Besonders arg ist es um lokale Ausprägungen bestellt. Günter Baumann leistet daher Entwicklungsarbeit und stellt Ihnen den schwäbischen Impressionismus und dessen Rolle als Wegbereiter der abstrakten Kunst anhand von zwei Ausstellungen in Stuttgart und Schwäbisch Gmünd vor.

Um den deutschen Impressionismus ist es im öffentlichen Bewusstsein schlecht bestellt, sieht man von einer Hand voll Namen ab: Das Dreigestirn Liebermann, Corinth und Slevogt ist zwar berühmt, liegt aber als sozusagen deutsche Abteilung des von Frankreich her als licht und luftig bekannten Stils nicht automatisch in der richtigen Schublade des Bildgedächtnisses – optisch wiegen französische Werke schwerer. Als Zentrum wird man zudem allenfalls auf Berlin tippen, drum herum beginnt dann schon das Rätselraten.

Was den schwäbischen Impressionismus angeht, kann man geradezu Aufbauarbeit betreiben, weil viele seiner Vertreter in den letzten Jahrzehnten in die Depots der Museen abgewandert sind. Erst in jüngster Zeit tauchen die einen oder anderen Namen wieder an exponierter Stelle auf, die ein verhaltenes Licht auf eine Malerei werfen, die die Wende vom Realismus des 19. Jahrhunderts in die Moderne vorbereitete – ohne direkt zur Avantgarde zu gehören. Neben Otto Faber du Faur, Christian Landenberger, Otto Reiniger oder Gustav Schönleber gehört Hermann Pleuer (1863–1911) zu den süddeutschen Meistern, die erneut in den Fokus der Kuratoren rückten: Sowohl die Stuttgarter Staatsgalerie als auch das Museum im Prediger in Schwäbisch Gmünd widmen dem Künstler eine Ausstellung. Als Spezialist für Eisenbahnen war Pleuer keineswegs ein Eigenbrötler, sondern konnte sich auf Claude Monets Begeisterung für das einst modernste Verkehrsmittel der Welt berufen. Den Hintergrund muss man sich heute allerdings erst vor Augen führen: Der Dampf und Lärm erfüllte die Bahnhöfe, die Loks durchpflügten die noch unverbrauchte Naturlandschaft – Faszination und Schrecken lagen nahe beieinander.

Das Gmünder Museum verfügt über einen Bestand von über 30 Arbeiten Hermann Pleuers – so wird seine Vorstellung ein Heimspiel, denn in der Stauferstadt wurde er vor 100 Jahren, 1911, geboren. Und Stuttgart, wo der Maler starb, kann auf den bevorzugten Wirkungsort verweisen – das Gleisfeld des Bahnhofs. Dabei handelte es sich jedoch nicht um das Gelände des heutigen Bahnhofs, das in den kommenden Jahrzehnten unter die Erde verlegt wird, sondern um das alte Bahnareal weiter in der Innenstadt, das freilich mit Einweihung des Bonatz-Bahnhofs im ersten Drittel des 20. Jahrhundert ein ähnliches Schicksal hatte: Es wurde abgerissen und überbaut. Daneben malte und zeichnete Pleuer auch am Stuttgarter Nordbahnhof. Wo auch immer, Pleuers Hauptmotiv gehört zur Lokalgeschichte Stuttgarts, und für manche Betrachter bieten seine Arbeiten ein gutes Stück Nostalgie. Es gelingen ihm aber erstaunliche, von der Palette her fast antiimpressionistische, und zugleich aus sich heraus leuchtende Impressionen: Der »Nordbahnhof im Schnee« (1906) etwa gilt als Musterbeispiel der schwäbischen Schule, die hart an der Grenze zur Abstraktion das gegenständliche Motiv in Ehren hält. Die betont erdfarbige ›Peinture‹, d.h. das Interesse an der malerischen Qualität, lässt an europäische Strömungen denken, die Haager Schule beispielsweise: Und als sei es mehr als Zufall, ging aus dieser Vincent van Gogh hervor, wie Adolf Hölzel in dem behäbig-schweren Impressionismus in Schwaben seine Wurzeln hatte.

Die Gmünder Ausstellung macht bei dem Eisenbahnmotiv nicht Halt und zeigt darüber hinaus grandiose Mondlicht-Darstellungen wie radikale Nachtstücke; selbst die Bahnhofsinterieurs weiten sich zu regelrechten Salondarstellungen aus. Außerdem stellt die Kuratorin dem Pleuerschen Werk Arbeiten der Zeitgenossen Peter Jakob Schober und Paul Mahringer an die Seite, die zwar nicht dessen Qualität erreichen, aber das schwäbisch-impressionistische Lokalkolorit unterstreichen. Die Kabinettausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie ergänzt die Zugstudien und -skizzen um Aufnahmen aus dem ehemaligen Maschinenwerk Esslingen, einer damals berühmten Lokomotivschmiede. Im Vergleich zeigt sich hierbei auch das detaillierte technische Interesse Pleuers an der Bahn, das weit über die Darstellung einer Industrielandschaft hinausging.

Die präsentierte Sammlung von Pleuers Zeichnungen und anderen Arbeiten auf Papier stammt weitgehend aus dem Besitz seines Förderer Franz Freiherr von Koenig-Fachsenfeld, der die Freiluftmalerei zu Beginn des 20. Jahrhunderts wacker gegen das konservative Publikum verteidigte. Ihm ist es auch zu verdanken, dass der schwerhörige Maler sich frei auf dem Stuttgarter Bahngelände bewegen konnte, um seine Skizzen anzufertigen – so entstanden einzigartige Perspektiven und strukturelle Capriccios, die noch heute einen großen Reiz ausüben (wobei man zur Bewunderung keineswegs Modelleisenbahnfan sein muss). Im Schloss Fachsenfeld wird ab April eine Dauerausstellung eingerichtet, die mit etwa 90 Arbeiten gut genug bestückt ist, um über die beiden Ausstellungen hinaus eine Vorstellung vom Gesamtwerk zu vermitteln.