Ausstellungsbesprechungen

Der Skulpturenradwanderweg Sculptoura zwischen Waldenbuch und Dätzingen

Ein mächtiges Vogelnest auf meterhohen Stelen, die großen Dichter Schiller und Goethe gemeinsam in Stahl sowie Quadrate und Würfel in allen Größen und Farben erwarten den Besucher des neu eröffneten Skulpturenradwanderweg zwischen Waldenbuch und Dätzingen in Baden-Württemberg. Dieser darf bis September 2015 begangen oder befahren werden. Günter Baumann weist in seiner Eröffnungsrede auf die Schmankerl der Strecke hin.

Im Gegensatz zu einem Skulpturenweg, der eine überschaubare Anzahl von Kunstwerken beim Flanieren habhaft macht, erfordert ein Skulpturenradweg den Gang oder doch besser die Fahrt und den Lauf in die Natur hinein. Ich hatte mehrfach die Möglichkeit, mit im Dienstauto zu sitzen, aber dem Naturschutz zuliebe ist es – natürlich – im Sinn des Wegs, ihn mit eigener Kraft zu bewältigen. Da es sich um einen ausgewiesenen Radweg handelt, ist das Revier für manche hier im Waldenbucher Schloss schon eine bekannte Ausflugsstrecke: zusammengerechnet haben wir über 30 Kilometer vor uns. Wer sie zum ersten Mal zurücklegt, wie auch immer, wird einige Überraschungen erleben – dazu komme ich noch. Denn ohne Frage ist der Weg eine Erlebnistour: In den Medien waren bereits Beispiele dafür genannt worden – ein Aufreger hier, Leserbriefe dort, aber auch und vor allem viele, meist euphorische Stimmen am Wegrand. Von heute auf morgen ist so ein Überlandpfad mit zig Kunstwerken nicht aufzustellen, und so wuchs die Neugier über die letzten Wochen spürbar an. Erlebnis meint aber auch ein sinnliches Vergnügen, das in der eigenen, konditionellen Leistung besteht: Durch die Natur radelnd oder laufend nehmen wir die Kunst anders, sinnlicher wahr als im klimatisierten Museum. Was bleibt auch anderes übrig, wenn einen die Bremsen jagen und der Regen unser bildungshungrig angereichertes Naturbedürfnis flutet – auch die physischen Herausforderungen gehören zum Weg.

Nach 30 Kilometern betrachten wir etwa die spinnwirbelgleich nach oben sich emporschraubende und in sich wieder zurückzwirbelnde Stahlplastik von Gerlinde Beck aus der eigenen Bewegung heraus. Der eine wird im Glücksrausch der Hormone diese energetisch-ekstatische Hommage an die Tänzerin Dore Hoyer mit einem Gefühl des Triumphs verbinden, der andere wird wohl unbewusst eine Tanzpassage Dore Hoyers nachempfinden können, die »so fern – so weit« heißt und wie viele der bewegungssinnigen Werke Gerlinde Becks auch ein Ringen um die Form im Raum problematisieren. Den Autofahrern ist die Plastik übrigens vom Verkehrskreisel vor Dätzingen bekannt. Dorthin wird sie auch wieder zurückkehren, wenn der Skulpturenradweg voraussichtlich im September 2015 in seine naturgemäße Grundbestimmung rückgeführt wird. Bei der Gelegenheit darf ich noch zwei Kunstinstitutionen nennen, die gleichsam den musealen Anfangs- und Endpunkt der Sculptoura darstellen: zum einen hier in Waldenbuch das Museum Ritter, das unter anderen mit seiner Direktorin, Dr. Barbara Willert, vertreten ist, sowie auf der anderen Seite des Skulpturenwegs die Galerie Schichtenmaier im Schloss Dätzingen, für die ich Dr. Kuno Schlichtenmaier hier begrüßen darf. Immer wieder suchen die Künstlerinnen und Künstler zum einen auf der Strecke das Quadrat, was sich aus der Nähe zum Unternehmen Ritter herleitet.

Eher beiläufig nimmt man denn auch die Waldenbucher Arbeiten von Herbert Volz, »Quadrate in Bewegung«, oder Timm Ulrichs, »Die Quadratur des Kreises«, wahr, die nicht direkt zum Skulpturenradweg gehören, sich aber gut eingliedern lassen. Der Skulpturengarten im Schloss Dätzingen zum andern bietet sich schon aufgrund der Fülle an Freiplastiken an, die den Skulpturenweg nun am Ausgang zieren: Es sind dies Arbeiten von Gerlinde Beck, Walter Rempp, Manuela Tirler, Otto Herbert Hajek, Wilhelm Loth, Hans Steinbrenner, Jürgen Brodwolf und Christoph Freimann. Wie gesagt, ist es ein weiter Weg von hier bis dorthin. Doch müssen Sie nicht bange sein, Sie müssten sich nun zu sportlichen Höchstleistungen berufen fühlen. Ich darf Ihnen versichern, dass wir uns im Anschluss an die Redebeiträge nur auf einen symbolischen Kurs begeben, der gut zu Fuß absolviert werden kann.

Bevor ich diese Kurzroute genauer skizziere, will ich doch auch noch allgemein zum ersten Teil des Wortduos »Skulpturenradweg« etwas sagen – immerhin geht es wesentlich um Plastiken, unter Berücksichtigung der besonderen Platzierung unter freiem Himmel. So hatte es einiges an Symbolik, dass die Sculptoura beim Aufbau ausgerechnet mit einem weithin, vor allem zur Autobahn hin, sichtbaren Vogelnest aus Holz ihren Anfang nahm. Das gezimmerte und gebaute Objekt macht deutlich, dass es hier eben um Kunst in der Natur, aber auch, dass es ein Stückweit um Natur in der Kunst geht. Ein Vogelnest steht für Geborgenheit, für Schutz, aber auch für einen Neubeginn – mit einigem Pathos kann man sagen: für den frühesten Spielplatz des Lebens. Zum andern ist das Nest ein in der Natur und oft sogar auch im urbanen Raum geschaffenes (Kunst-)Werk mit Mitteln aus der Natur. Da wir längst wissen, dass daraus nicht die schlechtesten Baumeister hervorgehen, wundert es nicht, dass sich Künstler von jeher in der Natur umgeschaut haben, was dort alles gebaut wurde. Mathias Schweikle, der Schöpfer des Vogelnests, gehört dazu. Er bringt neben der künstlerischen noch eine weitere Begabung mit: Er ist ein gestandener Handwerker. So kommt es, dass wir hier ein sehr genau vom natürlichen Vorbild inspiriertes Kunstwerk haben, das notfalls – sollten ein paar übergroße, eingebildete oder märchen- wie sagenhafte Vögel nisten wollen – eine artgerechte, stabile Heimat bieten könnte, und das andrerseits alles hat, was ein Kunstwerk im Freien braucht: kreative Eigenart, Symbolkraft und eine außerordentliche Wirkung. So ist es auch legitim, wenn neben professionellen Kunstwerken auch Gruppenarbeiten mit in den Weg integriert wurden, die als Gemeinschaftsarbeit von künstlerischen Leitern und kreativen Laien entstanden sind: Ich denke an das rote Spinnennetz der Kunst- und Werkschule Schönaich, das sich in einem Waldabschnitt über den Radweg spannt, oder an die bunt bemalten Raben und Eulen, die auf dem Weg nach Holzgerlingen paradieren.

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Auch die Bandbreite der Plastik in ihrem Selbstverständnis zur und in der Natur ist enorm: Auf der einen Seite finden sich Arbeiten wie das Holzlabyrinth des schon genannten Mathias Schweikle oder den drei sogenannten »Wasserhüterinnen« von Theresia K. Moosherr, die die Nähe zur Natur bis zur Verschmelzung suchen, indem die Künstler auf ihre für den Menschen existenziell wichtige Funktion hinweisen. Auf der anderen Seite stehen Plastiken, die sich gegen die Natur behaupten und gerade nicht im Einssein, sondern im dualistischen Miteinander ihre Berechtigung haben: So baut Max Schmitz ganz im Sinne architekturaler Raumgewinnung konstruktivistisch-konkrete Kunstwerke, die sich selbstbewusst in Szene setzen. Dazu gehört auch Hans Dieter Bohnet, dessen monumentale Stahlplastik »Kraft und Bewegung« explizit für einen urbanen Raum in Böblingen geschaffen wurde, der unwiederbringlich verloren ist. Deren Platzierung hat in der Presse bereits Furore gemacht – Sie haben es sicherlich gelesen. Dort wurden alle Bedenken und Befindlichkeiten angesprochen, dass ich mich kurz fassen kann: Kunst kann – wie eben angedeutet – aus der Natur heraus entstehen, aber sie muss sich ihr nicht anbiedern. In diesem Fall sollte sie sich aber behaupten neben ihr. Das ist bei Schmitz wie Bohnet wunderbar gelungen.

Wie immer sich die Kunst zeigt, kann man sie auch schlicht nur genießen. Skulpturenwege gibt es viele. Aber es gibt selten Skulpturen-Radwege, weshalb ich noch einmal auf das Besondere eingehen will. Bis zum Herbst 2015 bietet er sich notgedrungen als Aneinanderreihung von Teilstücken und kunstvollen Ballungsräumen an. Die Segmentierung bringt es mit sich, dass es auch regionale bzw. kommunale Events gibt wie etwa ein Bildhauersymposium mit acht Bildhauern bzw. Steinmetzen, Aktionstage wie den in Aidlingen mit Uli Gsell und Birgit Rehfeldt oder Schaudarstellungen mit der Kettensäge sowie kleinere Kunstspaziergänge. Nebenbei bemerkt, wird es sogar einige Laufveranstaltungen auf der Strecke geben. Was hat ein solcher Weg, was andere nicht haben? Die Länge bringt es mit sich, dass viele Plastiken draufpassen: Über 60 Künstler werden rund 80 Arbeiten zeigen, rechnet man die Dätzinger Schlossskulpturen oder die mehrfach auftauchenden Würfel des Hamburger Künstlers HD Schrader als jeweilige Einzelnennung mit dazu – ein Who-is-who der Region und darüber hinaus, denn auch Künstler aus dem Stuttgarter Großraum sind vertreten. Ein zweites kommt dazu: Je länger der Kurs, desto abwechslungsreicher die Umgebung: Der Skulpturenweg verläuft durch Schönbuch und Heckengäu – zu allen plastischen Ausdrucksformen kommt also eine vielfach malerische Landschaft dazu, wobei man die kulturellen Wegmarken wie die Schlösser von Waldenbuch, Mauren oder Dätzingen nicht übergehen darf. Eigens abgesteckte Blühquadrate lässt die Natur regelrecht künstlerisch tätig werden. Nicht zuletzt hat man den Vorteil, dass man auf weiten Wegen nicht irgendwo anfangen oder aufhören muss, sondern markante Eckpunkte festlegen kann. So fungieren die einzelnen Bildwerke wie markante Meilensteine auf dem Weg vom Museum zur Galerie oder umgekehrt: einerseits die bedeutendste Sammlung quadratisch-praktisch-guter Kunst, und andrerseits die wichtigste Galerie im Landkreis.

Die Fülle an Möglichkeiten, die ein solcher Weg bietet, macht auch erfinderisch – Details aus dem Programm habe ich angedeutet. Die Künstler selbst aufzuzählen oder gar vorzustellen, führt zu weit. Nur so viel: Landartkünstler wie Rudi Domidian oder Gertrud Buder sind genauso dabei wie ausgewiesene Großplastiker wie beispielsweise Lutz Ackermann, der dem Quadrat mit Hilfe einer Kugel kräftig zusetzt. Auch der Altdorfer Hans Bäurle ist mit von der Partie, der im öffentlichen Raum des Landkreises sicherlich schon die meisten Zeichen gesetzt hat. Den Besucher erwarten zahllose stelenhafte Arbeiten, etwa von Rotraud Hofmann, Vera Reschke oder Susanne Gaspard, die wie Wächter den Weg säumen, es gibt aber auch rein visuelle Überraschungen. Das »Frühstück im Freien« von Hellmuth Ehrath oder »Herr Zimmer« von Birgit Feil oder auch Bohnets erwähnte Arbeit konfrontieren den Betrachterblick auf unterschiedliche Weise. Meine Favoriten sind Ehraths Frühstücksszene mit seinen typischen stählernen Gliederfiguren, wenn man vom Waldinneren nach draußen auf die Weggabelung läuft oder fährt, sowie die zwei monumentalen Stahlköpfe von Wolfgang Thiel, Goethe und Schiller auf Abwegen darstellend, wie sie bühnenbildreif aus dem Kornfeld herausragen. Den Waldenbuchern muss ich wohl nicht sagen, dass Goethe auch ihnen ins Stammbuch geschrieben hat. Jedermann wird sich sein eigenes Favoritenfeld abstecken. Die genannten Motive stehen auch stellvertretend dafür, dass abstrakte und figurative Plastiken gleichermaßen zu finden sind. Vom Ruhekissen eines Dieter Kränzlein bis hin zur scheinbar aufflammenden Stahlplastik einer Manuela Tirler – was abstrakt und was gegenständlich, was naturhaft und was reine Kunst ist, lässt sich dabei nicht immer klar trennen. Skurriles findet sich – etwa bei Linda Krimmel – genauso wie Urtypisches – ich denke an die Betoneier Renate Hoffleits oder den Hörnerreif Karl Hegers.

Geografisch spannt sich der Künstlerbogen im Landkreis zwischen Leonberg bis Herrenberg, einmal mit einer starken Bildhauerriege, die mit Ingrid Dahn, Birgit Feil, Hans Mendler, Hans Daniel Sailer und Max Schmitz prächtig besetzt ist, zum andern mit renommierten Plastikern wie Thomas Dittus und Linde Wallner. Die Böblinger stehen in nichts nach: zu nennen sind Susanne Gaspar, Vera Reschke, Marinus van Aalst. Aus den Nachbarkreisen muss ein knapper Blick auf die Künstler aus Stuttgart genügen: Gert Fabritius, Ingrid Hartlieb, Rotraud Hofmann, Wolfgang Thiel, Daniel Wagenblast, um nur eine Handvoll aufzulisten. Sie alle, auch die hier nicht aufgezählten, tragen dazu bei, dass die Region als wunderbarer Standort für Bildhauer ins Bewusstsein gebracht wird. Bereits verstorbene Künstler wie Gelinde Beck, Hans Dieter Bohnet, Hellmuth Ehrath, Otto Herbert Hajek u.a. sind dagegen Garanten für eine zum Teil lange Tradition plastischer Gestaltung – viele ihrer Arbeiten sind im öffentlichen Raum präsent. Ins Schwärmen und Staunen kann man auf unserer Radlstrecke kommen: Uli Gsell, den Sie alle mittlerweile als Schöpfer der Loriot-Säule mit nachgereichtem Steinmops kennen, thront über der Landschaft, bzw. nicht minder poetisch: im Kornfeld – tatsächlich hat er einen »Thron« in seiner ihm eigenen minimalistischen Steinbearbeitung aufgestellt. Michaela A. Fischer hat eine »Waldfee« beigetragen, die sich allerdings aufs Feld hinaus gewagt hat. Oder nehmen Sie Mendlers »Himmelsgucker« oder Wagenblasts »Weltenfahrer«, die uns Betrachtern den Blick vorgeben. Für diejenigen, denen dabei in der Natur entgeht, was so auf dem Boden kreucht und fleucht, wird durch Andreas Furtwänglers gigantische Spinne und Schmetterling daran erinnert. Dass selbst Landschaft zum Thema werden kann, zeigen Linde Wallner und Kurt Tassotti. Viele Namen wären noch zu nennen, alle gebührend zu würdigen, führt hier zu weit: Guillermo de Lucca, Thomas Dittus, Alexander Gerlach, Ingrid Hartlieb, Johannes Kares, Peter Römpert und Siegfried Ulmer.

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Doch will ich nun noch kurz auf die Plastiken zugehen, die um das Schloss in Waldenbuch herum zu sehen sind. Majestätisch erhebt sich im Hof eine abstrakte Figur von Ingrid Dahn, der man jedoch getrost menschliche Koordinaten zugestehen kann, empor. Dieser stählerne »Große Parabelkopf« vereint wie andere, vorwiegend in Plexiglas geschichtete Körper in ihrem Werk Raumorientierung und menschliche Situation. Bezugnehmend auf die Fortschritte der elektronischen Datenverarbeitung geht es ihr um die Darstellung einer »Ausweitung menschlicher Sinnesorgane und eine Entwicklung von Teilfunktionen des menschlichen Gehirns«, schreibt Dahn. »Meine Figuren ›von innen nach außen‹ zeigen diese Ausweitung. Parabeln dienen als Bauelemente, da sie sich stetig in den Raum fortsetzen.«

Ähnlich sieht Max Schmitz seine Koordinatoren und postkonstruktivistischen Inszenierungen, die in unterschiedlicher Motivik immer auch Grundsätzliches propagieren: »Bildhauerei heute ist die Lehre von Zuständen im Raum«. In diesem Sinne ist die Plastik »Pax«, die am Endpunkt unsres heutigen Schaulaufens steht, in ihrer Reduktion eine Inkunabel der abstrakten Kunst – doch zugleich ein höchst sensibles Sinnbild für die Gefährdung des menschlichen Zusammenlebens. Die Nachrichten dieser Wochen machen die Aktualität deutlich: In dem lateinischen Begriff »pax«, Frieden, steckt auch das Wort Pakt – das heißt, Frieden ist nicht einfach eine Waffenruhe, sondern ein verbriefter Vertrag und ein Wille dazu. Das Faszinierende im Werk von Max Schmitz ist, dass er seine Botschaft nicht über die Emotion übermittelt, sondern durch den mathematischen Verstand, der auch mit dem ursprünglichen Verständnis von Musik verbunden ist – so weit sind also die rhythmisch-musischen Formspiele der drei Figuren zwischen Schloss und Rathaus vom koordinativen Grundkonzept nicht entfernt: Sie heißen »Hemiole«, »Moment Musical« und »Duo«.

Beim Einstieg in den Skulpturenweg über die kleine Brücke steht noch einer jener berühmten Koordinatoren des Künstlers. Eine ganz andere Bildsprache verwendet HD Schrader mit seinen »Cubes«, die signalhaft ihre quasikubistische Geometrie stolz zur Geltung bringen, wie auch hier im Schlosshof, wo sich die Seitenbalken um eine Kastanie schmiegen. Irritierend in der Konfrontation des bearbeiteten und des gewachsenen Holzes, fragt man sich, wie die Symbiose gelingen kann. Weiter im Wegverlauf steht eine Dreierformation von Schrader, die er als »Woodwatcher« bezeichnet. »Woodwatcher«, so meint der Künstler, »bilden neuere Skulpturengruppen, ebenfalls aus dem Kubus entwickelt, als Artefakte der Zweiten Natur sind sie Mahnmale zum Schutz der ersten Natur, sind deren Wächter«.

Am kleinen Weiher, den wir passieren, hat Birgit Rehfeldt zwei Schwimmerinnen positioniert, die – so farbig sie auch daherkommen –, eine gewisse Sinnenfreude vermitteln, welche aber auch nicht davor gefeit ist, in ihrem Ansinnen zu scheitern. Kennzeichnend sind bei ihren kantigen Hölzern die Umsetzung einer kubistischen Formensprache in fließend-sprungfähige Bewegung. Vertritt sie noch am ehesten die Tradition der Plastik, gehen Ingrid Dahn und May Schmitz neue Wege der Abstraktion. Als dritte Position sind Gertrud Buder und Rudi Domidian alias Hundefänger auf dem Terrain der Zeichnung zu finden. Buders rund 80 Quadrate sind äußerst fragile Zeichen für die Natur, die auf poetische Weise das Werden und Vergehen der Dinge beschreiben: »Der Standort«, schreibt Buder, »ist so reizvoll wegen der Tatsache, dass die gemähte Wiese sich so deutlich von der Naturwiese abgrenzt. Die Würfel, die auf dem gemähten Gras liegen, sind aus Grashalmen gebunden, die von der Wiese stammen und durch den Trocknungsprozess hell werden und deshalb sichtbar sind.« Gertrud Buder macht sinnfällig, dass alles vergänglich ist – auch der Skulpturenweg. Domidians Reisigarbeit im Wald erinnert an archaische Zeiten und erlauben einen Einblick in die Lebensformen alter, naturfühliger Kulturen – nur das Absperrband zeugt davon, dass derartige Lebensentwürfe nicht zum Nulltarif zu haben sind. Mit dem Naturburschen namens ›Hundefänger‹ habe ich die Linie des Radwegs schon ein Stück weit in den Wald hinein verlassen. Aber auch die Waldstücke haben hier ihre kunstvollen Geheimnisse. Wer einen kleinen Abzweig machen will, kann ihn von den Woodwatchern aus machen. Auf einem Rundkurs, der auf die Hauptstrecke bei Ehraths Frühstücksensemble zurückführt, unterläuft man das bereits erwähnte, rote Spinnennetz der Kunstschule, das unter der Regie von Susanne Immer erschaffen wurde – ein weiteres wird sich in Kürze im naheliegenden Weiher spiegeln.

Der Skulpturenweg ist noch nicht abgeschlossen, so wird auch die Bodenseewassertrasse innerhalb der Neuweiler Viehweide noch bespielt werden. Zu sehen sind freilich schon die Quadratimprovisionen von Fero Freymark und die kulturträchtigen, teils pseudonymen Setzungen von Volker W. Hamann, die sich zwischen Keltenhügel und Baumstand zeigen.

Was macht, meine sehr geehrten Damen und Herren, Skulpturenwege und -plätze so wichtig? Freilich gibt es Museen für die Plastik. Allerdings fällt auf, dass diese Gattung nicht so häufig über einen längeren Zeitraum gezeigt wird wie etwa die Malerei. Museen mit einem Schwerpunkt auf der Bildhauerei gibt es wenige. Das liegt zum Teil daran, dass Skulpturen umrundet werden wollen, und sie brauchen Licht und Raum, um ihre Wirkung vollkommen entfalten zu können. Das macht das Sculptoura-Projekt auch so spannend: möglicherweise bildet es das längste und zugleich größte temporäre Freilichtmuseum für Skulptur im südwestlichen Baden-Württemberg. Hier trifft zu, was manche für eine Maxime der Betrachtung halten: Der Weg ist das Ziel. Nun ist es an Ihnen, diesen zu begehen.