Buchrezensionen, Rezensionen

Deyan Sudjic: Der Architekturkomplex. Monumente der Macht. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2006

Es ist die Symbolik von Bildern, die Deyan Sudjic zu seiner vorliegenden Publikation bewegt hat, allen voran ein besonderes Motiv: wie die Reichen und Mächtigen dieser Welt vor großformatigen Architekturmodellen stehen und ihre kühnen Bauherrenpläne träumen. Welche Rolle spielt Architektur als Repräsentationsmittel der Macht und welche Positionen nehmen in diesem Zusammenhang die Architekten ein? Kann Architektur überhaupt neutral oder autonom sein? Sudjic zufolge ist Bauen „die primäre und machtvollste Form der Massenkommunikation“ und deshalb auch immer ein Spiegel der Ambitionen, Motivationen und Machtansprüche ihrer Schöpfer.

Der Autor studierte Architektur an der University of Edinburgh, war Gründer des Designmagazins Blueprint und Architektur- und Designkritiker für Zeitungen wie den Observer oder The Guardian. Er betreute mehrere Ausstellungen über Architektur und Design, leitete die Architektur-Biennale in Venedig 2002 und ist seit August 2006 Direktor des Designmuseums London.
Ein profunder Kenner von moderner und zeitgenössischer Architektur also, aber auch ein scharfzüngiger Polemiker, der in seiner jüngsten Publikation nicht davor zurückscheut, mit Staatsmännern, einflussreichen Geschäftsleuten und Mäzenen sowie so manchen Stararchitekten unsanft ins Gericht zu gehen. Der englische Original-Untertitel des Buches, How the Rich and Powerful Shape the World, wird deshalb im Grunde genommen dem Charakter des Textes besser gerecht, der aus der Perspektive des persönlichen Statements mit teilweise satirischem Einschlag verfasst wurde.

Das Buch untersucht ausgewählte Fallstudien von Gebäuden und Baugeschichten, Architekten, Milliardären, Politikern und Diktatoren und sucht nach Erklärungen für die Obsessionen, die ihnen gemeinsam sind. Sudjics Diagnose lautet kurz und einprägsam: „Bauen ist das Mittel, durch das der Egoismus des Einzelnen in seiner reinsten Form ausgedrückt wird: der Architekturkomplex.“ In der Bautätigkeit manifestiert sich der Wunsch, die Welt der eigenen Vorstellungen gemäß zu gestalten, eine Wirklichkeit zu konstruieren „wie wir sie haben wollen, und nicht, wie sie ist.“

Inhaltlich erstreckt sich die Auseinandersetzung von Hitler, Stalin, Mao und Mussolini bis zu aktuellen Beispielen der Gegenwart. Sudjic stellt provokante, unbequeme Fragen, etwa über das Engagement von westlichen Architekten im neuen, aber immer noch kommunistischen China oder verweist an Beispielen aus Deutschland und Italien auf ein immer wieder brisantes Problem: Wie sollen demokratische Nachfolgeregierungen mit den Relikten einer dunklen Vergangenheit umgehen? Zerstören oder als Mahnmale der Geschichte bewahren?
Der Text lenkt unsere Aufmerksamkeit auch auf Schauplätze abseits der großen Weltöffentlichkeit und schildert Auszüge aus Bauprogrammen in der Türkei unter Kemal Atatürk in den 1930-er Jahren, im Iran unter Schah Reza Pahlewi am Vorabend der Revolution oder auf den Philippinen unter den Marcos. Er berichtet unter anderem von der Tradition der US-amerikanischen Präsidentenbibliotheken, worüber in unseren Breiten vermutlich weniger bekannt ist, ebenso wie über die umfangreichen baulichen Ambitionen der Rockefeller-Dynastie, die weit über das weltberühmte Center hinausgehen, das ihren Namen trägt. In den letzten Kapiteln kommen einige umstrittene Prestigebauten aus der jüngeren Zeit zur Sprache, beispielsweise Frank Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao, das mittlerweile stark in der Kritik steht, oder der britische Millennium-Dome, der die hochfliegenden Erwartungen seiner Befürworter nie erfüllen konnte.

Die Gegenüberstellung von diktatorischem Ungeist und kapitalistisch geprägter Unsitte lässt freilich die heikle Frage offen, ob und in welcher Form sich Abgrenzungen und Differenzierungen zwischen totalitärer, nationalistischer, demokratischer oder einfach nur prestigesüchtiger Architektur benennen ließen. Vielmehr entwickelt sich der Diskurs im Laufe der Lektüre zu einem bunten, breitgefächerten Panorama, zu einer kaleidoskopischen Chronologie der Eitelkeiten, Fehlentscheidungen, Missgeburten und der spektakulär gescheiterten Projekte.

Beeindruckend in der Detailfülle, fordert die rhetorische Brillanz der geschliffenen Pointen und der großflächig ausgemalten Tableaus freilich auch ihren Tribut, denn die dem Autor eigene Darstellung zwischen historischen Daten und subjektiver Wahrnehmung ist nicht frei von Ungenauigkeiten und missverständlichen Szenarien. Vor allem vermisst man eine klare Trennung von Mutmaßungen und Tatsachen, was den Vortrag stellenweise problematisch gestaltet.
Als geschichtliches Nachschlagewerk sollte man den „Architekturkomplex“ also nur unter Vorbehalt gebrauchen, ungeachtet der wichtigen Denkanstöße, die dieses Buch liefert.