Ausstellungsbesprechungen

Die 80er. Figurative Malerei in der BRD, Städel Museum Frankfurt am Main, bis 18. Oktober 2015

In diesen Tagen widmen sich verschiedene Ausstellungen einem Jahrzehnt, in dem die Kunst zu neuen Ufern aufbrach: den 80ern. Ob BRD-Kunst oder DDR-Kunst, das Jahrzehnt vor dem Mauerfall ist in aller Munde. Einen Beitrag zum Diskurs leistet das Städel-Museum. Lotus Brinkmann hat ihn sich angesehen.

Mein Besuch des Städels war ein klassischer Fall unterwanderter Erwartungen. Ich hatte die vorab zugesendeten Presseinformationen sowie die Werbeplakate, mit denen Frankfurt vor Städel-Ausstellungen vollgeklebt ist, ignoriert und ging von einer Begegnung mit Immendorff, Baselitz, Richter, Polke … den üblichen Vertretern figurativer Malerei in Deutschland aus. Nun wurde ich darüber belehrt, dass ich mich mit dieser Sichtweise mal wieder als komplett »old school« outete, gehören die genannten Maler doch bereits zur Lehrergeneration der heuer in der Ausstellung vertretenen Künstler, deren Namen mir zu einem großen Teil gar nichts sagten.

Dabei hatten die expressiven Werke dieser um 1950 geborenen Künstlergeneration Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre für großes Furore gesorgt. Die Bilder, deren Themen primär aus dem unmittelbaren Umfeld der Künstler entstammten, verbreiteten sich im internationalen Kunstmarkt rasend schnell »wie ein Virus«. Genauso schnell verschwanden sie deshalb aus den Galerien in private Sammlungen, wurden seitdem kaum öffentlich gezeigt, obwohl ihnen bereits wenige Jahre später Museen erste Retrospektiven widmeten.

Erwachsen geworden in den 80ern in einer Familie, die ihre Freizeit nicht in Galerien verbrachte, blieb ich uninfiziert und auch später während des Kunstgeschichtsstudiums waren Salomé, Rainer Fetting oder Christa Näher kein Thema, entstammten sie doch noch zu sehr der Gegenwart und die jüngsten im Studium behandelte Strömungen waren Land Art und Minimal Art. Gegen unsinnliche Kunst wie letztere oder auch die Konzeptkunst, die die 70er Jahre dominierte, setzten die jungen figurativen Maler ein Zeichen. Zeitgleich entstanden in mehreren Orten der BRD Zentren, in denen sich Künstler mit ähnlichen Ideen zusammen fanden, auch wenn ihre Produktion im Großen und Ganzen recht heterogen blieb, weshalb es der Kunstkritik auch nicht gelang, ein einheitliches Label für sie zu finden. »Junge Wilde«, »Neo-Expressionisten« oder »Heftige Malerei« waren Begriffe, unter denen man sie zu bündeln versuchte.

So nähert sich die Frankfurter Ausstellung dem Phänomen aus zwei Richtungen: Einerseits fasst sie die Künstler geographisch nach den drei großen Zentren Berlin, Hamburg, Rheinland zusammen, andererseits gliedert sie sie thematisch. Trotz aller Heterogenität sollen gemeinsame Strukturen ihrer Arbeiten sichtbar gemacht werden, zu denen ihre ungezügelte Wucht und ihre Kompromisslosigkeit in der Auseinandersetzung mit dem tradierten Medium der Malerei gehören. So bildet ein Raum mit (Selbst-)Porträts den Auftakt der Ausstellung. Bereits hier zeigt sich die große Bandbreite der Künstler vom klassischen Sujet des »Selbstportrait mit Palette« Albert Oehlens über das ironisch-irritierende »Die Mutter von Joseph Beuys« des – leider nur seiner Bekanntheit nach – langlebigsten Virus‘ der Ausstellung Martin Kippenberger bis zu den krasseren Underground-Themen »Selbstbildnis im Kino onanierend« von Werner Büttner oder Luciano Castellis »Berlin Nite«, auf dem er sich zusammen mit Salomé abbildet.

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Ein gemeinschaftliches Gemälde der beiden Letzteren sowie weitere Arbeiten Salomés bilden auch einen Schwerpunkt im Raum, der dem Körperdiskurs gewidmet ist. Diese zeigen Aktdarstellungen, die relativ offen ihre Homoerotik zur Schau stellen. Andere Bilder hinterfragen die Geschlechterverhältnisse zwischen Mann und Frau. Beinhalten diese Arbeiten sekundär eine politische Dimension, so finden sich im zweiten Stock der Ausstellung verschiedene Gemälde, die sich explizit mit der faschistischen Vergangenheit Deutschlands, aber auch anderen nicht-demokratischen Systemen auseinandersetzen. Dabei setzen die Künstler nicht allein auf Schockwirkung, sondern vermitteln drastische Themen auch mit einem Augenzwinkern, wie beispielsweise Kippenbergers »Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen«.

Die Wuchtigkeit und gestische Unmittelbarkeit der überwiegend recht großformatigen Gemälde machen es dem Besucher unmöglich, sich ihrer radikalen Wirkung zu entziehen. So kommt es, dass ich am Ende der Ausstellung zwar mit unterlaufenen, aber keineswegs enttäuschten Erwartungen nachdenklich über ein mir künstlerisch fast entgangenes Jahrzehnt das Städel verlasse.

Der zur Ausstellung erschienene umfangreiche Katalog umfasst neben Beiträgen der beiden Kuratoren Martin Engler und Franziska Leuthäußer (Letztere mit Erörterungen zu den Kunstszenen in den drei maßgeblichen Zentren Berlin, Hamburg, Rheinland) Aufsätze von Kunsthistorikern und Ausstellungsmachern, die die 70er und 80er Jahre schon professionell begleiteten sowie ein von Martin Engler moderiertes Podiumsgespräch vom Januar 2015. Die einführenden Beiträge von Engler und Zdenek Felix versuchen, eine Definition für die gezeigte Kunst zu finden. Dabei folgen sie dem überwiegenden Tenor der Ausstellung, der eine Verbindung zwischen den doch sehr heterogenen Werken herausarbeitet und sie gleichzeitig gegen die figurative Malerei der Vorgängergeneration abzugrenzen versucht.

Tatsächlich vermittelt sich während des Lesens jedoch mehr und mehr der Eindruck einer Kontinuität der Kunstgeschichte – kein großer Bruch zwischen den «Neo-Expressionisten» und den älteren figurativen Malern in Deutschland. Weiterhin binden die Essais die Malerei der 80er in den größeren Kontext des internationalen Kunstgeschehens ein, zeigen Inspirationen und Parallelen beispielsweise zum Abstract Expressionism und zur Pop Art auf, schön auf den Punkt gebracht vor allem in einer «Ethnologie der Jungen Wilden» von Walter Grasskamp. Einen weiteren guten Eindruck von der Stimmung und Atmosphäre in der deutschen Kunstszene Ende der 70er/Anfang der 80er vermittelt auch das Podiumsgespräch, bei dem die Teilnehmer – Akteure des damaligen Kunstbetriebs – aus dem Nähkästchen plaudern.