Ausstellungsbesprechungen

Die Domiers. Der deutsche Künstlerkreis des Café du Dôme in Paris

Das Paris um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war das Mekka der Kunst – und noch bis zum 23. August wird auch das kleine, aber feine Kunsthaus Apolda Avantgarde in der Thüringer Provinz wieder zu einem kleinen Mekka der Moderne. Denn hier begibt man sich 100 Jahre zurück, und zwar an einen ganz bestimmten Ort: das Café du Dôme in Paris. Stefanie Handke ist ebenfalls einen Kaffee trinken gegangen.

Das Kunsthaus Apolda Avantgarde ist bekannt für seine liebevoll kuratierten Ausstellungen und auch die neue Schau macht da keine Ausnahme. Neben den Kunstwerken des Künstlerkreises rund um das Café du Dôme präsentiert es großformatige Fotografien der Gruppe und ihres »Wohnzimmers« im Pariser Viertel Montparnass. So gesellen sich Alltagsszenen aus dem Leben der deutschen Maler in Paris zu dem, was diese dort schufen.

Grundidee des Kunsthauses ist es, internationale Kunstgeschichte stets mit einem regionalen Bezug zu präsentieren und so in unmittelbare Nähe zum Besucher zu rücken. Das ist auch dieses Mal der Fall: Einer der ausgestellten Künstler, Eugen Hamm, wurde in Apolda geboren und verbrachte hier die ersten zwei Jahre seines Lebens. Er selbst ist eher unbekannt, bewegte sich aber unter den Dômiers in einer illustren Runde: Ida Gerhardi, Albert Weisgerber oder Hans Purrmann verkehrten in dem Café, das als eine Art Knotenpunkt der deutschen Künstlercommunity in Paris fungierte. Doch nicht nur die verkehrten hier, auch Sammler, Händler und Experten waren im Dôme zugange: Alfred Flechtheim, den man auch auf einer Straßenszene entdecken kann, Julius Meier-Gräfe oder Paul Cassirer.

Eine Vielzahl von Menschen und Kunstauffassungen traf sich hier also; und heterogen ist auch die Ausstellung. Eine impressionistische »Landschaft an der Seine« (1908) von Friedrich Ahlers-Hestermann, freundlich und lichtdurchflutet ist da zu sehen, aber auch eine Ida Gerhardi, deren Ölbild »Lüdenscheid. Blick zur Erlöserkirche im Winter« (o.J.) ganz eindeutig ihre Zeit in Paris widerspiegelt: Lebendige Farben machen die Winterszene zu einem lichten Erlebnis, das an den deutschen Akademien kaum zu finden war. Auch Albert Weisgerber verkehrte im »Dôme«; von ihm sind Impressionen des Pariser Straßenlebens, Varietészenen oder 7Drei Damen auf dem Sofa (1906) zu sehen.

Da fragt man sich, wo hier Gemeinsamkeiten zu finden waren. Erstes verbindendes Element für die Ausstellung ist natürlich das Café du Dôme, doch auch andere Schnittstellen lassen sich entdecken: Eine davon war die Académie Matisse. Sie war nur eine von zahlreichen privaten Malerschulen, die einen kompletten Gegenentwurf zu den staatlichen Kunstakademien im wilhelminischen Deutschland darstellten. Hier arbeiteten junge Künstler frei unter der Anleitung bekannter Maler wie Henri Matisse. Dessen Schule ist denn auch einer der Ausstellungsräume nachempfunden: drei Wände sind in grau gehalten, eine in rosa. Auf ihr entdecken die Besucher die Leitmotive der Korrekturen, die Matisse an den Arbeiten seiner Schüler vornahm: »harmonie – contraste – dégradation – mouvement – caractére du modèle«. Hier finden sich Skulpturen von Marg Moll (»Lovers«, 1928) ebenso wie ein beeindruckender Paravent (1920) ihres Mannes Otto und _____

Ein Raum ist ganz den Aktdarstellungen gewidmet. Die Aktklassen spielten zunehmend eine bedeutende Rolle und das Modellstehen verlor ein wenig von seiner Anrüchigkeit. Statt wie zuvor in standardisierten Posen, präsentierten sich Modelle nun auch in wechselnden Haltungen; das führte dazu, dass auch die künstlerische Arbeit eine neue Dynamik erhielt: Statt einer fertig ausgearbeiteten Aktdarstellung standen am Ende des Kurses Skizzen, die Umrisse, Figur und Haltung des Modells wiedergaben. Hier hat das Kunsthaus hervorragende Arbeit geleistet, präsentiert es doch im »Aktraum« mehrere in solchen Sitzungen entstandene Werke, etwa Rudolf Levys »Stehender Mädchenakt« (um 1909/10), der die Haltung einer jungen Frau erfasst, flüchtig, das Gesicht nur angedeutet, ebenso die Umgebung. Auch einige Kohle- und Bleistiftzeichnungen Hans Purrmanns sind hier zu finden, die im übrigen bisher noch nirgends zu sehen waren. Sie sind sicherlich am deutlichsten als Arbeitsskizzen zu erkennen, mit flüchtigem Strich vollziehen sie Haltung und zum Teil auch Lichtverhältnisse nach, deuten Details nur an, demonstrieren aber, dass die Modelle in Bewegung waren.

Wo aber ist dort der gebürtige Apoldaer Eugen Hamm? Überall! Sein Lebensweg ist geradezu archetypisch für die deutschen Künstler des Café du Dôme: Den ersten Teil seiner künstlerischen Ausbildung absolvierte er in Deutschland. Doch die Strenge der Heimat, auch in der Kunst, sorgte in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts für eine regelrechte Flucht junger, fertig ausgebildeter Künstler nach Paris; das freie Leben hier, die Impulse der modernen französischen Maler, die Ateliers und Ausstellungssalons und natürlich die freien Schulen zogen sie magisch an. Auch Hamm ging 1909 in die französische Metropole, auch er studierte an der Académie Matisse. Sein »Rückenakt« (1913) ziert denn auch den Ausstellungskatalog und zeigt, wenn auch Jahre später entstanden, den Einfluss seiner Pariser Zeit auf Hamms Schaffen: Muskelspiel, Haltung, Lichteinfall setzen eine junge Frau in Szene; und auch hier hat man den Eindruck, dass die Protagonistin für eine Übung Modell sitzt.

Ein letztes Schlaglicht wirft die Ausstellung auf das Thema Porträt. Der Artaval Friedrich Ahlers-Hestermanns (1919) zeigt dabei den Einfluss eines weiteren großen Franzosen: den Paul Cézannes. Ahlers-Hestermann oder Walter Alfred Rosam orientierten sich an den frühen Kubisten und zeigten dies deutlich in ihren Porträts. Denn auch im Café du Dôme war man sich nicht immer einig; nicht alle Künstler liebten und verehrten Matisse. Weisgerber, Rosam oder auch Anita Rée und Franz Nölken haben sich zumindest zeitweise stärker an Cézannes Raum- und Farbauffassung orientiert. Nicht alle blieben selbstverständlich dabei; und schon 1916 beweist sein »Schreibendes Mädchen« seine Hinwendung zu einer eher offenen, lichten Oberflächenstruktur.

Mit dem Eindruck einer heterogenen, offenen, aber lebendigen Künstlercommunity verlässt man sodann die Schau. Einmal mehr gelingt es dem Kunsthaus Apolda Avantgarde internationale Kunstgeschichte in der Provinz nicht nur zu zeigen, sondern sie hier auch zu verorten.