Reiseberichte

Die Engelbrektskirche – Ein ästhetisches und tief durchdachtes Gesamtkunstwerk

In Stockholm steht die Engelbrektskirche, die nicht allein kunstgeschichtlich interessant ist, sondern auch sonst den Besucher ganz in ihren Bann zieht. Schon fast ein magischer Ort… Für Stefan Diebitz ist sie eines der schönsten Kunstwerke der ganzen Stadt und unbedingt besuchenswert.

Aufgang zum Pastorat © Stefan Diebitz Turmhelm © Stefan Diebitz Engelbrektskyrkan © Stefan Diebitz Der gewölbte Granit über dem Altar © Stefan Diebitz
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Kaum etwas wirkt gediegener und schwerer als der nationalromantische Stil, in welchem in den beiden Jahrzehnten vor dem 1. Weltkrieg die Innenstadt Stockholms erweitert wurde. Die sorgfältig, oft auch kunstvoll vermauerten dunklen Ziegelsteine ruhen auf schweren Granitsockeln, und die sich lang hinziehenden, gleichzeitig einheitlich und abwechslungsreich wirkenden Straßen erwecken den Eindruck äußerster Solididät.

Im obersten Stockwerk eines dieser Häuser saß auch ich sehr oft und spielte mit meinem Freund Rolf Blitzschach – gleich nach dem Frühstück in der Küche. Und von links lugte der hohe Turm der Engelbrektskirche über die Dächer…. Seit dieser Zeit besuche ich sie jedes Mal, wenn ich in Stockholm bin. Dabei bin ich nicht religiös, sondern für mich ist sie ein ästhetisches Objekt hohen oder höchstens Ranges.

In der nordwestlich gelegenen Wasastadt liegen unter anderem das wunderschöne, für heutige Verhältnisse geradezu niedliche Olympiastadion von 1912 und die Technische Hochschule, beides Ziegelsteinbauten. Sonst reiht sich hier ein prächtiges, meist fünf- oder sechsstöckiges Mehrfamilienhaus an das andere. Wie in den wilhelminischen Häusern Deutschlands finden sich jede Menge grotesker Köpfe, die die Hauseingänge bewachen oder von den Fenstern herunterstieren, aber hier bestehen sie nicht aus Gips, sondern wurden aus dem Granit der Fenster- und Türenstürze herausgemeißelt. So stechen sie weniger ins Auge.

Auffällig ist an diesen Häusern unter anderem die konsequente Vermeidung planer Flächen, denn wirklich überall, nicht allein an den Ecken, gibt es Vorsprünge, Erker und kleine Türmchen, so dass die Häuser trotz ihrer streng einheitlichen Konzeption ein sehr lebhaftes Straßenbild ergeben. Sie sind der strikte Gegenentwurf zu dem schon fast alptraumhaften Regierungsviertel in der Nähe des Bahnhofes, durch deren von hohen Glas- und Betonfassaden gesäumten Straßen man kaum gehen mag – und durch die selbst tagsüber auch wirklich kaum jemand geht.

Von fast allen Punkten der Wasastadt aus kann man den hohen Turm der Engelbrektskirche mit ihrem in der Sonne funkelnden Messingschmuck sehen. Die Kirche liegt auf einem kleinen Hügel, zu dem aus drei Richtungen schön geschwungene, von Pflanzen eingefasste Treppen hinaufführen. In ihrer Farbgebung wie auch im Baumaterial sind Kirche und umgebende Häuser einander angepasst, aber gleichzeitig ist die Kirche doch anders und etwas wirklich Besonderes. Es sollte sich lohnen, die Gründe für die außerordentliche Wirkung der Kirche zu analysieren.

Besonders deutlich treten ihre Vorzüge und die ihrer Nebenbauten hervor, wenn man die unmittelbar daneben liegende Hochschule für Architektur als Kontrast nimmt. Es ist ein dramatischer Niveauunterschied. Hier ein ebenso fantasievolles wie durchdachtes, lebendiges und interessantes Ineinander, dort verschiedene, wie Bauklötze aneinander geheftete Kuben aus Beton. Bezeichnenderweise wird das Erdgeschoss der Hochschule als Garage verwendet. Vorher stand am selben Ort ein Frauengefängnis im Stile einer mittelalterlichen Trutzburg, und man weiß nicht recht, ob selbst eine solche Scheußlichkeit nicht doch besser gewesen ist, als der monströse Betonklotz. Jetzt ziehen die Architekten aus, und statt der Hochschule soll ein Einkaufszentrum entstehen. Daran zeigt sich, was das angebliche Leitmotiv der modernen Architekur – »Form follows function« – wert ist: nämlich nichts.

Die Engelbrektskirche ist das Meisterwerk Lars Israel Wahlmans (1870 – 1952), eines bedeutenden schwedischen Architekten, der für viele schöne Häuser und Villen, besonders aber für das pittoreske, in einer Art Tudorstil schwelgende Schloss in Hjularöd verantwortlich zeichnet. Südlich von Göteborg gelegen, ist es in ganz Schweden bekannt. Auch in Deutschland findet sich etwas von Wahlman, denn in Lützen errichtete er die Gustav Adolf-Kapelle, die an den Tod des großen schwedischen Königs erinnert – auch das ein höchst eigenwilliger Bau.

Aber sein Meisterstück ist die Engelbrektskirche. 1906 ausgeschrieben und 1914 abgeschlossen (zuvor hatte er seine dort umjubelten Pläne bereits in Wien präsentiert), stellt sie einerseits einen radikalen Bruch mit der auch in Schweden lange vorherrschenden Neogotik dar, andererseits ist sie ein tief durchdachtes Gesamtkunstwerk, zu dem neben den Treppen und Aufgängen noch Gemeindesaal und Pastorat, sowie die ganz einzigartige Innenausstattung gehören.

Wie ihre Umgebung, so vermeidet auch die Kirche plane Flächen; immer wieder finden sich Vorsprünge aller Art, und vor allem gibt es nicht allein den rechten Winkel. Schon dadurch werden die großen Flächen der Häuser wie der Kirche interessant. Die harmonische Vielfalt des Materials – Granit, Ziegelstein, verputzte Schmuckflächen wie bei den gotischen Kirchen Ostelbiens, im Inneren auch Holz, dazu Messing und endlich der Grünspan der Dächer und Abdeckungen – dieser Reichtum an Formen und Materialien tut sein Übriges; es gibt viel zu sehen, enorm viel, und selbst nach mehreren Besuchen entdeckt man immer noch Neues. »Nichts,« sagte Wahlman zu seinen Materialien, »sieht nach mehr aus, als es ist«, und dieses Motto sorgt dafür, dass der Betrachter an keiner Stelle enttäuscht wird, wenn er näher hinsieht.

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Überall ergänzen die horizontalen und die vertikalen Elemente einander. Bei den großen Häusern der Umgebung finden sich nicht die schrecklichen, endlos dahinlaufenden Fensterbänder – was demonstriert mehr die Einfallslosigkeit eines Architekten? –, und bei der Kirche bilden die flacheren Gebäude von Pastorat und Gemeindesaal und die steil aufwärts strebenden Massen der Kirche eine Art Hof, in den die drei, noch einmal in sich selbst gegliederten Treppenaufgänge von der Straße her münden. Die eine Treppe ist weich geschwungen, die andere geht steil unter dem Geäst der Bäume empor. Der Architekt hat nicht einfach nur Treppen und Etagen aneinander gereiht oder aufeinander gestapelt, sondern er hat sich von einem schwierigen Standort anregen oder herausfordern lassen und etwas aus der Situation gemacht. So verstand er die Kirche, weil auf dem alten »Kvarnberget« (Mühlenhügel) gelegen, als die Kirche der Bergpredigt.

Besonders bei der Anlage der Treppen galt es, sich der Umgebung anzupassen. Es ist merkwürdig, dass gerade in dieser Zeit, dem Beginn des 20. Jahrhunderts, überall schöne Treppenanlagen entstanden. Werden heute überhaupt noch Treppen angelegt, jedenfalls solche, die tatsächlich künstlerischen Rang beanspruchen dürfen? Blühendes Buschwerk und die rauschenden alten Bäume tun ihr Übriges, damit sich immer wieder neue Sichtachsen hinunter auf die schönen Häuser der Umgebung, aber auch auf die Kirche selbst ergeben. Wer dort oben steht, befindet sich geradezu auf einer Insel – mitten in der Stadt gelegen und vom Verkehr umrauscht, ist hier alles paradiesisch ruhig und still.

Abwechslungsreich und durchdacht ist auch der Gegensatz zwischen der schlichter gehaltenen Rückseite der Nebengebäude und der pittoresken Hofseite, die mit ihren Türmchen und Vorsprüngen an den Tudorstil erinnert. Endlich gibt es auch Schmuckelemente, die aber farblich kaum hervorstechen, denn bunte Farben wurden an keiner Stelle verwendet – alles ist naturfarben, Braun, Grau und Grün dominieren –, und funkelnd Metallisches findet sich außen allein an der Turmspitze. So entdeckt man die farblich kaum abgesetzten Dekorationen und Inschriften erst nach und nach. Umso auffälliger muss der kronenartige Schmuck der Turmspitze sein, deren Messing bei schönem Wetter in der Sonne blitzt; in der Nacht aber leuchtet die Kirchturmuhr in einem warmen Gelb.

Der Eintritt in die Kirche überwältigt den Besucher. Die mächtige Wölbung des Granits, die in 32 Meter Höhe in einem hölzernen Dach endet, erinnert von fern an die Spanten eines kieloben liegenden Schiffes, und damit variiert die Engelbrektskirche die Tradition der alten nordischen Stabkirchen. An das Heck eines Segelschiffes erinnert auch der bunt ausgemalte Brautumgang, von dem entweder die Brautpaare oder aber die Sargträger unter der gewaltigen Empore hindurch in Richtung Altar schreiten. Einmal im Jahr dient die Empore der Aufführung der Matthäus-Passion, denn sie bietet Platz für Orchester und Chor.

Die Engelbrektskirche wurde in jenen glücklichen Zeiten errichtet, als das Ornament noch nicht als Verbrechen galt, aber sie ist keinesfalls überladen; außen schon gar nicht, aber auch nicht im Inneren. Der erste Eindruck ist der des Gediegenen, Dauerhaften und Schweren, und dazu treten dann Schmuckelemente, die schon dank eines sparsamen und überlegten Einsatzes ihre volle Wirkung entfalten können. Vieles, wenngleich längst nicht alles wurde von Wahlman selbst entworfen: die vielen Leuchter, die geschnitzten Kirchenbänke, die fantastische Kanzel – wie ein Schwalbennest an den Pfeiler geklebt –und endlich das Baptisterium mit dem Taufbecken. Das schöne Gemälde – in diesem Fall al secco – wurde von demselben Meister wie das Fresco hinter dem Altar aufgetragen.

In einem Schrank werden Messgewänder verwahrt, denn die schwedische Kirche gleicht in einem Punkt der anglikanischen: Sie steht dem Katholizismus nicht so fern wie der Protestantismus. Das gab Wahlman die willkommene Gelegenheit, auch die Prachtgewänder der Pastoren zu entwerfen. Er war eben ein höchst vielseitiger Künstler, der sich um jedes Detail kümmerte.

Doch trotz der Qualität der Dekorationen: Am meisten fällt das dreiteilige Fresco hinter dem Altar ins Auge, ein dem Jugendstil nahestendes Werk von Olle Hjortzberg (1872 – 1959), eines auch sonst beachtenswerten Malers. Links zeigt es die Vertreibung der sündigen Menschheit aus dem Paradies, rechts dürfen Adam und Eva in die himmlische Herrlichkeit eintreten, in der Mitte aber hängt der Leichnam Christi am Kreuz, und die Menschheit beugt sich vor seinem Schmerz. Die dunkle Pracht dieses Bildes erinnert von fern an spätantike Mosaiken (trotzdem ist es Malerei), und der Ausdruck der sich zum Kreuz hinneigenden gebogenen Gestalten ist eben in seiner Schlichtheit sehr bewegend. Davor blinken sieben silberne Schmuckschilde auf dem Altar, welche die Wolken des Himmels symbolisieren, die man aber nur aus der Ferne bewundern darf.

Ich habe noch bei jedem Stockholmbesuch diese Kirche besucht, meist mehrfach, und werde das auch in Zukunft tun. Zum Jubiläum ließ die Gemeinde einen schönen Leinenband mit informativen Aufsätzen und Abbildungen in (natürlich) schwedischer Sprache drucken:
»Den vill vara ny och stark«. Engelbrektskyrkan 100 år. Stockholm 2014

Tillägnad min goda (kanske den bästa) vän Rolf Littorin.
Gewidmet meinem guten (vielleicht dem besten) Freund Rolf Littorin.