Ausstellungsbesprechungen

Die Erfindung des Bildes. Frühe italienische Meister bis Botticelli. Hamburg, Bucerius Kunst Forum, bis 8. Januar 2012

Wir erleben in diesen Wochen so etwas wie den Herbst der frühen italienischen Kunst. In Berlin gibt es eine spektakuläre Ausstellung mit Bildnissen der italienischen Renaissance, und in Dresden darf man Leihgaben aus dem Vatikan bewundern. Dazu gesellt sich nun eine sehr empfehlenswerte Ausstellung in Hamburg, die der Bildkunst des ausgehenden Mittelalters gewidmet ist. Stefan Diebitz war besonders von der archaisch anmutenden Goldgrundmalerei tief beeindruckt.

Es ist ein fragwürdiger Titel, mit dem die Ausstellung am Hamburger Rathausmarkt für sich wirbt, denn Bilder hat es schließlich auch schon vor der Renaissance gegeben – von einer Erfindung des Bildes kann also keine Rede sein. Gemeint ist eigentlich die Abwendung der Kunst vom reinen Kultbild hin zu einem sich selbst als künstlerisch verstehenden Werk, von der Ikone, hinter deren Abbild Gottes der Künstler verschwindet, hin zu einer Bilderzählung, in der mehr und mehr die Persönlichkeit des Künstlers aufleuchtet. Vom »Kultbild zum Abbild der Wirklichkeit« hat der Kurator der Ausstellung, Michael Philipp, seinen Katalogbeitrag überschrieben, und dieser Titel trifft die Sache viel besser, denn eben diese Entwicklung wird in der Hamburger Ausstellung auf höchst eindrucksvolle und lebendige Weise aufgezeigt.

Die ältesten Bilder stammen aus dem Siena der Jahre 1270/80, das jüngste ist auf 1508 datiert, und zwischen diesen Bildern liegen wirklich Welten. In wenig mehr als zweihundert Jahren hat sich eine Revolution vollzogen. In seinem den Katalog einleitenden Essay demonstriert Michael Philipp den gewaltigen Entwicklungssprung mit der Gegenüberstellung zweier Darstellungen der Geißelung Christi, einmal durch Guido von Siena, das andere Mal durch Lucas Signorelli. Das erstere Bild ist noch mit einem Goldgrund hinterlegt, der dem Raum jede Tiefe nimmt und einfach nur eine Fläche darstellt, von der sich die drei Figuren abheben, als hätte man sie irgendwo ausgeschnitten und auf den Hintergrund geklebt.

Dagegen verfügt Signorellis Bild, obwohl die Geißelung sich in einem grauen, selbst nicht thematisierten Innenraum vollzieht, über eine Tiefendimension, die nicht zuletzt durch die Schatten und die heftigen Bewegungen der Schergen entfaltet wird. Auch stellt Signorelli die Körper aller Figuren nicht länger schematisch dar, sondern individuell und ausdrucksvoll, weil muskulös und in heftiger und expressiver Bewegung begriffen. Auf den älteren Bildern dagegen wirkt der Leib Christ oder anderer Figuren wie aus Modulen zusammengesetzt, als hätte der Künstler nicht die Einheit des Körpers erfassen und darstellen können.

Von den meisten Bildern aus dem 14. Jahrhundert geht eine archaische Aura aus, die einerseits im Goldgrund und dem dunklen Teint der Figuren gründet und sich andererseits mit der fehlenden Rahmung und überhaupt dem Erhaltungszustand der Tafeln erklärt. Die Bilder Guido von Sienas etwa gehörten ursprünglich zu einem Altarretabel, der irgendwann zersägt wurde, und nun werden einzelne der Tafeln in einem Zustand vorgeführt, der ihr immens hohes Alter ebenso anschaulich macht wie ihre Primitivät.

Die Ausstellung ist chronologisch angelegt und erlaubt es so, die Entwicklung der Malerei an einzelnen Beispielen Schritt für Schritt nachzuverfolgen. 1204 hatte Venedig Konstantinopel erobert, und danach kamen zahlreiche griechische Künstler und mit ihnen ihre Gewohnheiten und Techniken nach Italien, wo sie zunächst die sakrale Kunst dominierten, bis sie um 1500 endgültig abgelöst wurden. Viele der älteren Bilder sehen dank des Goldgrundes, aber auch wegen des dunklen, gelegentlich etwas grünlich wirkenden Teints der Figuren und der maskenhafte Starre ihrer Gesichtszüge wie Ikonen aus, und auf Giovanni di Paolos »Kreuzigung Christi« von 1426 ist der Leib Christii sogar vollkommen grün. Allmählich wurde der Goldgrund dann zurückgedrängt, zunächst mit einem Tuch, das hinter Maria aufgespannt wurde, und später mit einer Landschaft, die zunächst noch golden gerahmt war und auf uns sehr schematisch wirkt. Ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einem wirklichen Raum wurde mit der Darstellung von Innenräumen getan, die Philipp treffend »Schaukästen« nennt.

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Das chronologische Prinzip prägt auch den Katalog, der in einem schlicht »Chronologie« überschriebenen, immerhin 38 Seiten langen Kapitel in einer Bildleiste die Kunstwerke der Zeit mit politisch und geistesgeschichtlich wesentlichen Ereignissen in Beziehung setzt – ein höchst gelungener Einfall, der die Kunstgeschichte in diesem Schnelldurchlauf lebendig und erlebbar werden lässt.

Etwas unverständlich finde ich die Wahl von Sandro Botticellis »Bildnis einer Dame« von 1475 für Katalogumschlag und Ausstellungsplakat – eine Wahl, die sich wohl allein mit der Prominenz dieses Meisters erklären lässt, der zuletzt fast zu so etwas wie der Popstar unter den Renaissancemalern wurde. Aber dieses hässliche Bild einer vielleicht sehr schönen Frau ist nicht unbedingt sein Meisterwerk. Viel passender – weil ja fast die ganze Ausstellung der sakralen Kunst gewidmet ist – wäre es gewesen, seine »Madonna mit Kind und Engeln« zu nehmen, auch wenn das nicht in das Bild passen mag, das man mit Botticelli verbindet.

Weitere Informationen

Alle Ausstellungsstücke stammen aus dem Lindenau-Museum in Altenburg, einem Ort, der eigentlich nur als das Mekka des Skatspiels fragwürdige Berühmtheit erreicht hat. Sehr zu Unrecht! Im Schlusskapitel des sehr empfehlenswerten Kataloges würdigt Werner Hofmann den Sammler Bernhard August von Lindenau, der auch als Astronom und Politiker wichtig war und überhaupt ein erstaunlich vielseitig begabter und interessierter Mensch gewesen sein muss. Heute besitzt das Lindenau-Museum neben anderem die größte Sammlung frühitalienischer Kunst in ganz Deutschland, und die Ausstellung in Hamburg wird ausschließlich mit Werken aus Altenburg bestritten.