Ausstellungsbesprechungen

Die Etrusker - Von Villanova bis Rom, Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München, bis 17. Juli 2016

Immer noch gelten die Etrusker als das rätselhafteste Kulturvolk der Antike. Dabei ist an materiellen Überlieferungen kein Mangel, wie vor allem die großen Etruskersammlungen in Italien belegen – vom Museo Nazionale Etrusco di Villa Giulia in Rom und der etruskischen Abteilung in den Vatikanischen Museen (Museo Gregoriano Etrusco) über die Museen in Orvieto, Chiusi, Cortona, Viterbo, Tuscania, Arezzo und Volterra bis hin zur etruskischen Sektion des Archäologischen Museums in Florenz. Dass aber auch München eine hochkarätige Etruskersammlung besitzt, deren Schätze erst jetzt in ihrer ganzen Fülle ans Licht gelangt sind, macht die großartige Sonderausstellung in der bayrischen Landeshauptstadt bewusst. Rainer K. Wick berichtet.

Mit den zurzeit in den Staatlichen Antikensammlungen am Münchner Königsplatz ausgestellten Objekten aus Etrurien wird dem interessierten Publikum zum ersten Mal nach einem Jahrzehnte andauernden Dornröschenschlaf in den Depots ein geschlossener Überblick über eine der bedeutendsten und umfangreichsten Sammlungen etruskischer Kunst in Deutschland geboten. Schon früh waren etruskische Kunstwerke nach München gelangt, so ein Kopfgefäß aus Bronze, das bereits im 16. Jahrhundert in die Sammlung des bayrischen Herzogs Albrecht V. Eingang gefunden hatte. Im großen Maßstab begann der Erwerb etruskischer Kunstschätze aber erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter dem kunstsinnigen und antikenbegeisterten Kronprinzen und späteren König Ludwig I. Schenkungen und Nachlässe mehrten in der Folgezeit die Münchner Etruskersammlung. Kriegseinwirkungen führten in der NS-Zeit dann zu schmerzlichen Verlusten, die allerdings nach 1945 durch gezielte Zukäufe teilweise kompensiert werden konnten. Der aktuelle Katalog verzeichnet mehr als 550 Objekte aus allen Perioden etruskischer Kunst – vorwiegend Terrakotten, Bronzen und Goldschmuck.

Angesichts der reichen Materiallage und des fortgeschrittenen Forschungsstandes hat der italienische Etruskologe Giovannangelo Camporeale nachdrücklich betont, dass im Hinblick auf die Kultur der Etrusker »das (Vor-)Urteil des Geheimnisvollen keine Existenzberechtigung« habe. Und doch sind nicht alle Rätsel gelöst. So herrscht nach wie vor Unklarheit über die Herkunft dieses Volkes. Zwei »Theorien« stehen sich bereits seit der Antike konträr gegenüber, die Einwanderungstheorie (Allochtonentheorie), die davon ausgeht, dass die Etrusker im frühen ersten Jahrtausend aus Kleinasien kommend in Mittelitalien gesiedelt hätten, und die sog. Autochtonentheorie, der zufolge es sich um ein italisches Urvolk handele. Heute tendiert die Forschung zu einer dritten Variante, die sich als Konvergenztheorie beschreiben lässt. Demnach steht nicht mehr die Frage nach der Herkunft der Etrusker im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern die Frage nach ihrer »Volkswerdung«, ihrer sog. Ethnifikation, eines Prozesses also, der als Amalgamierung einer bereits ansässigen Population mit einem kulturell höher entwickelten, möglicherweise aus dem Osten eingedrungenen Einwanderungsvolk mit komplexeren Glaubensvorstellungen und überlegener Stadtkultur denkbar ist.

Bedauerlicherweise kann zur Klärung der Frage nach der Herkunft der Etrusker auch deren Sprache, die nicht indogermanischen Ursprungs ist, kaum etwas beitragen. Erstens, weil die etruskische Schrift, die Zeichen verwendet, die einem frühgriechischen Alphabet ähneln, zwar gelesen werden kann, aber immer noch nicht vollständig entziffert ist, und zweitens, weil die meisten erhaltenen Texte, etwa Grabinschriften, nur kurz sind und umfangreicheres und damit aufschlussreicheres Textmaterial (etwa religiöse und literarische Texte oder historische Berichte) nicht überliefert ist. Das Gros der schriftlichen Quellen über die Etrusker stammt nicht von diesen selbst, sondern von griechischen und römischen Historikern und muss insofern mit einiger Vorsicht gelesen werden, da ihre Darstellungen höchstwahrscheinlich interessegeleitet und mithin keineswegs immer tatsachenorientiert waren.

Das eigentliche Kernland der Etrusker in der heutigen Toskana sowie in Teilen Umbriens und Latiums war nie ein einheitliches Staatsgebilde. Wie im antiken Griechenland die Polis, war auch hier der Stadtstaat die politische Einheit. Doch es gab über lange Zeit ein Zweckbündnis, den Zwölfstädtebund, zu dem so mächtige Orte wie Tarquinia und Volterra gehörten. Im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. waren die Etrusker die stärkste Kraft nicht nur auf dem Festland, sondern auch auf dem Tyrrhenischen Meer, wo sie die Seeherrschaft innehatten. Sie trieben im gesamten Mittelmeergebiet und darüber hinaus (z.B. bis zur Ostsee) Handel und konkurrierten vor allem mit den in Süditalien siedelnden Westgriechen. Nach der Seeschlacht vor Cumae im Jahr 474, in der die sizilischen Griechen aus Syrakus der etruskischen Flotte eine schwere Niederlage beibrachten, zerfiel allerdings im 5. Jahrhundert die Vorherrschaft der Etrusker zur See, und auch ihr Landbesitz geriet in Gefahr. Der größte Druck auf Etrurien ging von Rom aus, das noch bis zum späten 6. Jahrhundert v. Chr. etruskisch beherrscht war und erst mit der Vertreibung der Tarquinier im Jahr 509 unabhängig wurde. In der Folgezeit griffen die Römer einen etruskischen Stadtstaat nach dem anderen an und hatten Mitte des 3. Jahrhunderts ganz Etrurien in ihrer Hand. Dass damit die etruskische Kultur nicht einfach verschwand, sondern lange fortgewirkt und die Kultur der Römer nicht unwesentlich befruchtet hat, lässt sich an zahlreichen Artefakten in den Münchner Antikensammlungen deutlich ablesen.

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Die Ausstellung spannt den Bogen von der frühgeschichtlichen sog. Villanova-Kultur des 9. und 8. Jahrhunderts v. Chr. (benannt nach einem Fundort in der Nähe Bolognas), gefolgt von der sog. orientalisierenden Periode (8. und 7. Jahrhundert), für die Einflüsse aus dem östlichen Mittelmeergebiet und Kleinasien charakteristisch sind, der archaischen (ca. 600 bis 500) und klassischen Phase (5. und 4. Jahrhundert), in der die etruskischen Künstler erkennbar von der griechischen Klassik beeinflusst wurden, bis hin zur Spätphase (ab dem 3. Jahrhundert), in der in Etrurien in starkem Maße Formprinzipien des Hellenismus Eingang fanden. Ohne dem geläufigen Geschichtsmodell vom Aufstieg über die Blüte bis zum Niedergang von Kulturen verpflichtet zu sein, wie es etwa Spengler oder Toynbee vertreten haben, versucht die Münchner Ausstellung, die Entwicklung der etruskischen Kultur weitgehend wertneutral als einen kontinuierlichen Prozess der Transformation und Synthese zu verstehen, der sich im »Schmelztiegel Etrurien« als Durchdringung von spezifisch Etruskischem mit Griechischem beschreiben lässt.

Die meisten der in München ausgestellten Artefakte stammt aus den ausgedehnten, außerhalb der antiken Städte befindlichen etruskischen Nekropolen. Es handelt sich um frühe bikonische Urnen, um reliefverzierte Aschekisten mit figürlichen Darstellungen der Verstorbenen sowie um ganz unterschiedliche Grabbeigaben – neben schwarz- und rotfigurig bemalten Gefäßen, zum großen Teil Importware aus der griechischen Vasenproduktion, Goldschmuck erster Güte, oft in der legendären Granulationstechnik, sowie Bronzeobjekte. Erwähnt seien nur die sog. Cisten, meist runde Toilettenkästchen, die Dinge aufnahmen, die mit der Schönheitspflege der Frauen zu tun hatten und die auch im Jenseits offenbar für unentbehrlich gehalten wurden. Charakteristisch für diese Bronzebehälter, deren Deckel häufig aus Griffen in Menschengestalt bestanden, sind Gravuren in geschmeidiger Linienführung, die mythologische Szenen zeigen. Dasselbe gilt für die in großer Zahl als Grabbeigaben gefundenen Bronzespiegel. Dass die Etrusker hervorragende Bronzebildner waren, belegen nicht nur die ausgestellten Kleinplastiken, sondern auch die hervorragend gearbeitete, mit etwa einem Meter Höhe unterlebensgroße Bronzestatue des Tinia, der höchsten etruskischen Gottheit (sie entsprach dem griechischen Zeus und dem römischen Jupiter) aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., die unverkennbar von der griechisch-hellenistischen Skulptur beeinflusst ist. Typisch etruskisch ist dagegen die berühmte Chimäre von Arezzo (spätes 5., frühes 4. Jahrhundert), die dem Museo Archeologico Nazionale in Florenz gehört und den Besucher in München als auf Hochglanz polierter Nachguss empfängt. Die von extremer Dynamik erfüllte, kraftvoll gespannte Darstellung dieses Ungeheuers, eines Mischwesens aus Löwe, Ziege (aus dem Rücken herauswachsend) und Schlange (Schwanz) war eine Votivgabe für Tinia, wie eine Inschrift im rechten Vorderfuß der Chimäre nahelegt.

Neben zahlreichen Votivplastiken, die Gottheiten als Bitt- wie auch als Dankopfer gestiftet wurden, finden sich in der Ausstellung auch einige schöne Beispiele für – farbig gefasste – Bauplastiken, die wegen der Holzbauweise des etruskischen Tempels nicht aus Stein gemeißelt wurden, sondern, um Gewicht zu sparen, aus gebranntem Ton bestanden: Relieffriese aus Terrakotta mit einer Prozessionsszene oder mit Darstellungen des Todesdämons Charun, ferner Köpfe von Stirnziegeln, die die Tempeldächer und -giebel schmückten. Seit dem 5. und mehr noch seit dem 4. Jahrhundert vollzog sich in der etruskischen Plastik eine deutliche Entwicklung in Richtung eines ausgeprägten Realismus oder Verismus, der im 1. Jahrhundert gleichsam bruchlos zur Porträtplastik der Römer überleitet. Während die Griechen eher am Typus, an der überindividuellen Formulierung eines idealen Menschenbildes interessiert waren, ging es den Etruskern primär um die Charakterisierung der je individuellen Züge einer dargestellten Person, sei es auf den Deckeln von Sarkophagen und Urnen, die die Verstorbenen zeigen, sei es als Votivköpfe, sofern diese nicht seriell hergestellt wurden, sondern frei mit der Hand geformt wurden. Aus ihren reichen Beständen zeigen die Münchner Antikensammlungen u.a. den eindrucksvollen Terrakottakopf eines Mannes aus frühhellenistischer Zeit um 300 v. Chr., dessen Lebensnähe bereits die spätere Porträtkunst römischer Observanz erahnen lässt.

Der umfangreiche, fast vierhundert Seiten starke, reich bebilderte Katalog mit fachwissenschaftlich fundierten Textbeiträgen hat den Charakter eines veritablen Handbuchs zur etruskischen Kunst, das auch demjenigen zu empfehlen ist, der keine Gelegenheit hat, die Münchner Sonderausstellung zu besuchen. Weitgehend ausgespart bleibt in dem Katalogbuch allerdings die bedeutende Rolle der etruskischen Wandmalerei, da sie nicht zum Sammlungsbestand des Museums gehört. Wer sich davon einen Eindruck verschaffen möchte, wird an einer Reise nach Tarquinia mit seiner ausgedehnten Nekropole und den großartig ausgemalten Grabkammern aus dem 6. bis 2. Jahrhundert v. Chr. nicht vorbeikommen.