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Die Flüchtigkeit der Straßenkunst. Street Art und Graffiti in Österreich. Interview mit Karina Karadensky und Christine Koblitz

Das »alte« Wien Museum hat wegen Umbau geschlossen. Zuvor wurden die leer geräumten Bereiche aber noch einmal zweckentfremdet. Street Art und Skateboarding nutzten die mehr als 2000 m2 als kreative Spielwiese und als Statement für Sichtbarkeit von Subkulturen und die Mitgestaltung des öffentlichen Raums. Der »Takeover« übertraf alle Erwartungen: allein in den ersten vier Wochen verzeichnete man 27.000 Besucher*innen. Mark Napadenski hat für Portal Kunstgeschichte die beiden Kuratorinnen Karina Karadensky und Christine Koblitz interviewt. Ein Gespräch über das Wesen der Street Art und die Flüchtigkeit der Strassenkunst.

Wien Museum, Takeover, Ruin an der Fassade des Wien Museums, Foto: René Kufner/SAE Wien © Wien Museum
Wien Museum, Takeover, Ruin an der Fassade des Wien Museums, Foto: René Kufner/SAE Wien © Wien Museum

Mark Napadenski: Der Takeover war eine höchst erfolgreiche Ausstellung des Wien Museums. Was ich mich aber die ganze Zeit gefragt habe: passt Street Art überhaupt ins Museum?

Karina Karadensky: Es entsteht ein Spannungsfeld, wenn man Street Art im Museum zeigt aber wir haben uns bewusst entschieden keine Leinwände und Grafiken aufzuhängen, sondern die Künstler*innen möglichst frei in das Gebäude eingreifen zulassen. Wie das auch im Stadtraum passieren würde. Es gab aber auch Künstler*innen, die abgesagt haben, das nicht das ist was sie machen, eben weil es ein Innenraum ist und eine Institution ist.

MN: Googelt man nach Street Art trifft man unweigerlich auch auf den Begriff "Graffiti". Kann man die beiden voneinander trennen?

Karina Karadensky: Ich finde man kann es nicht so klar abgrenzen.

Christine Koblitz: Eine häufig gelesene Definition ist: »Graffiti ist streng illegal und bezieht sich nur auf das Writing, also den Schriftzug«. In dem Moment wo Figuren dazukommen wird es Street Art und die kann legal aber auch illegal sein. Ich würde sagen: Street Art ist die gesellschaftlich anerkannte Schwester von Graffiti!

KK: Die Grenzen sind aber verschwommen.

CK: Wenn wir beide darüber reden unterscheiden wir das oft allerdings nicht. Auch die Künstler*innen haben es als Herausforderung gesehen etwas zu machen was über diesen Street-Art Charakter hinausgeht. Ilaria Hoppe. die Graffiti Forscherin, hat gesagt: »Eigentlich kann man das überhaupt nicht ausstellen aber wenn, dann muss man das so machen wie ihr.«

MN: Sie haben von der Street Art als 'Schwester von Graffiti' gesprochen - tatsächlich sind in der österreichischen Szene aber hauptsächlich Männer am Werk. Hat Street Art ein Sexismus-Problem?

KK: Es gibt natürlich auch weibliche Künstlerinnen in Wien die sehr gut sind aber das Verhältnis ist immer noch sehr traurig! Eine Frau Isa z.b. ist schon dominierend und eine der bekanntesten Künstlerinnen oder Chinagirl Tile die sich sehr einsetzt für Frauen hat auch ein eigenes Festival für Frauen gegründet! Wir wurden auch gefragt warum nicht die Hälfte Künstlerinnen sind? Aber das wäre nicht möglich gewesen.

CK: Möglich wäre es schon gewesen, aber es hätte einfach nicht die Realität abgebildet.

MN: Wien ist mittlerweile nicht nur die Stadt der Musik, sondern hat auch an Street Art einiges zu bieten. Wer durch die Straßen schlendert trifft auf eine Vielzahl an großflächigen Graffitis. Grauen Hauswänden wird so neues Leben eingehaucht. Fast scheint es als würde der dekorative Gedanke überwiegen, vom illegalen Protest der 80er Jahre ist offenbar nicht mehr viel zu sehen?!

KK: Also sehr politisch ist die Szene hier nicht. Das ist zum Beispiel in London oder Paris ein ganz anderes Thema! Man kann aber natürlich auch sagen, dass alles in der Street Art politisch ist, weil sie in den Stadtraum eingreift.

MN: Für den britischen Superstar 'Banksy' ist Street Art nach wie vor ein Medium um sich auch politisch Gehör zu verschaffen. Bei vielen anderen Künstler*innen pendelt sie aber zwischen Kitsch und Kommerz, getreu dem Motto l’art pour l’art. Welche Rolle spielt die Straßenwand als Medium für diese Form des Ausdrucks?

CK: Es geht um Sichtbarkeit und darum wahrgenommen zu werden. Bezüglich der Materialität macht sicher es einen Unterschied wie einfach, wo und womit gearbeitet werden kann. Da ist eine glatte Fläche, die Meter x mal Meter x misst, quasi eine erweiterte Leinwand. Es unterscheiden sich aber auch die Künstler*innen in ihren Zugängen. Manche arbeiten total ortsspezifisch andere wiederum haben ihr großes Bild im Kopf das sie dann einfach umsetzen wo immer sich ihnen die passende Fläche bietet.

MN: Das bringt mich zu der Frage, ob Street Art auch auf einer Leinwand funktionieren?!

KK: Der Charakter der Street Art ist natürlich ganz stark an den öffentlichen Raum gebunden! Es ist aber auch eine Frage der Zugänglichkeit, dass man jetzt eben nicht ins Museum oder in die Galerie geht um sich das anzuschauen.

CK: Für manche [Anm.: Künstler*innen] stellt sich die Frage überhaupt nicht. Die sehen das total pragmatisch als Möglichkeit Geld zu verdienen. Viele stellen auch nicht nur in Galerien aus sondern machen auch Auftragsarbeiten, da Ist die Frage nach dem Wesen der Street Art noch schwieriger!

MN: Heißt das also: Street art muss 'ephemer' sein?

KK: Ich glaube das ist ein wesentlicher Bestandteil von Street Art, dass es nicht ewig da sein wird. Darum bin ich auch der Meinung, dass die Werke nicht in der Form konserviert werden sollten wie es bei anderen passiert.

CK: Da schließe ich mich an. Wenn man sich entscheidet im öffentlichen Raum etwas zu machen ist es vergänglich. Klar ist es schade. aber für eine gewisse Zeitspanne bereitet ein Werk viel Freude. Und es ist auch gut, dass nicht alle für die Ewigkeit sind, denn nicht jedes Stück ist ein Meisterwerk.

MN: Es geht aber auch andersrum: Von Jean-Michel Basuqiat bemalte Wände und Zäune wurden der Flüchtigkeit entrissen, abgetragen und später um zig Millionen verkauft. Eine Diskussion die gegenwärtig auch Werke von Bansky betrifft. Fast scheint es als hätte sich in den letzten 30/40 Jahren zurück nicht viel geändert?!

KK: Ich würde nicht sagen, dass es stehen geblieben ist! Es gibt in so vielen Städten Street Art-Festivals. Die Gefahr ist eher, dass die Kunst dadurch etwas braver wird weil mittlerweile auch viele legale Wände bereit gestellt werden und es immer mehr Auftragsarbeiten gibt.

CK: Den Zugang von der Straße - das Rebellische - den wird es immer geben. Trotzdem: stilistisch ist vielleicht manches stecken geblieben, weil viele als Teenager anfangen und Mitte/Ende 20 aufhören. Aber es braucht Zeit um einen Stil zu entwickeln, um eine eigene Handschrift zu etablieren und da wird vieles ähnlich. Die Vorbilder gibt es im Internet und lassen sich somit auch leicht nachahmen. Aber es wird trotzdem immer wieder Leute geben die hier was Eigenes und neues schaffen!

MN: 'Eigens schaffen aber oft auf fremden Grund' - auch so könnte man das ursprünglich Wesen der Street Art beschreiben. Ab wann würden Sie sagen wird Street Art zum Vandalismus?

KK: Für einige gilt der Code, dass sie nicht selber auf ein anderes Kunstwerk gehen würden.

CK: Aber es ist natürlich trotzdem so, dass frisch renovierte historische Gebäude getaggt werden! Kein Künstler auch in keiner anderen Sparte würde sich vorschreiben lassen was Kunst ist und was nicht! Die zwei gehören zusammen. Es würde sozusagen die schöne Seite nicht geben ohne den Vandalismus. Street Art kommt einfach aus diesem Bereich. Und das ist auch die größte Schwierigkeit, wenn man sich dann in einer Institution bewegt oder in einem Innenraum.

MN: Wer aufmerksam durch die meisten europäischen Großstädte schlendert wird bemerkten, dass nicht große Street Art-Gemälde, sondern unzählige Namenszüge, also Graffiti, die Hauswände beherrschen. Kann man das bloße Schreiben eines Namens als Kunst bezeichnen?

CK: Teilweise! Es kommt darauf an wie die Sachen ausgeführt sind!

KK: Es gibt ganz aufwendige Styles und Schriften, die für mich dann schon Kunst sind!