Meldungen zum Kunstgeschehen

Die Galerie »temporärer schauraum« schließt und reißt eine schmerzhafte Wunde in die saarländische Kunstlandschaft

Nach fünf Jahren und 21 außerordentlich erfolgreichen Ausstellungen muss die Galerie »temporärer schauraum« im saarländischen Bexbach wegen der Auflösung einer Hauserbengemeinschaft schließen. Obgleich die »produzentengalerie« und das »offene atelier« von Peter Köcher als interdisziplinäre Kunstorte die Besucher in Bexbach weiterhin empfangen, schmerzt die Aufgabe des zweiten Ausstellungsortes ungemein und hinterlässt eine bedrückende Leere – sowohl im Stadtkern als auch in der saarländischen Kunstlandschaft. Der »temporäre schauraum«, der im Saarland schon seit längerer Zeit kein Geheimtipp mehr war, hatte sich zu einem wahren Magneten für Liebhaber von unkonventioneller, aufregend-innovativer Gegenwartskunst entwickelt, zu einem Ort gehaltvoller, stimulierender Dialoge – der Kulturen, Nationen und natürlich der unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen.

Noch im August präsentierte der »temporäre schauraum« die Werke von Schmal, Gerhard Fassel und Herbert Hofer im kraftvollen Austausch mit neuen Styroporarbeiten und einem nachdenklich stimmenden Installationsprojekt des Hausherrn Peter Köcher, dessen Kopf ein nie versiegender Ideenquell zu sein scheint. Die beiden künstlichen, mit Mullbinden ummantelten weißen Wesen, die mittels Schläuchen untereinander verbunden und über Andockstellen an dem globalen Versorgungssystem der Erde angeschlossen waren, haben den »temporären schauraum« gemeinsam mit der farbdynamischen Malerei von Fassel und Schmal sowie den Wandobjekten Hofers nun verlassen und sind in das »offene atelier« gezogen. Dort präsentiert Köcher auf rund 250 m² Wohn-, Arbeits- und Ausstellungsfläche – wie gewohnt – neben den eigenen auch die Werke von Gastkünstlern.

Mit dem »temporären schauraum« hat nicht nur die Stadt Bexbach – die sich so gerne mit ihren Kunst- und Kulturschaffenden schmückt und dabei über die lobenden Worte hinaus keinen oder nur mäßigen Einsatz zeigt –, sondern auch das Saarland ein wichtiges Mosaiksteinchen verloren. »Der Bürgermeister ist zwar immer glücklich und kommt auch zu Ausstellungen, aber die Stadt ist so arm wie ich«, erklärt der Künstler, der sich zu einer mehrstündigen Performance auch schon als in sich gesunkener Bettler mit silbernem Champagnerkübel an den Straßenrand setzte und damit seine Mitmenschen mächtig irritierte. Wie wir Peter Köcher kennen, werden im Bezug auf den »temporären schauraum« sicher bereits neue Pläne geschmiedet und vielleicht bekommt er ja – oder ist das zu utopisch? – Unterstützung aus der Politik...

Scharfsichtig hat der Lyriker Peter Rühmkorf den Balanceakt während der Kunstproduktion in seinem Gedicht »Zirkus« beschrieben und irgendwie bin ich bei diesen Versen auch an die abrupte Schließung der kulturellen Institution »temporärer schauraum« erinnert, die dem Besucher sprengsätzige, abwechslungsreiche Ausstellungen präsentierte und dabei Gesellschaftskritik derart ästhetisch buchstabierte.

Zirkus
Zò, der Laden dicht, die Wetten abgeschlossen,
aus der Traum, die Augen aufgesperrt:
S e i n ist immer nur Bewußtseinsblähung –
I h r   i n   e u r e n  E r d - ,
wir in unsern blauen Luftgeschossen
– A b e n d – Z i r k u s – A u f e r s t e h u n g ! –
wo die Kuppel sich zum All entzerrt.

Wißt Ihr überhaupt was Kunst ist, Ihr ?
A l s o – K u n s t   i s t – e t w a :
ohne Netz und Joker,
zweite Leute, doppeltes Papier
(wie besehn, in unergründlichen Gefilden)
einen Vogelmenschen auszubilden;
keiner weiß, wer heute oben siegt –
Mitten drin im Überlebenspoker:
Ob die Kunst zu schweben, Lust zu stürzen schließlich überwiegt.
[...]