Ausstellungsbesprechungen

Die Kunst des Selbstporträts V, Kunsthalle St. Annen, bis 27. November 2010 und Knochen – das Elfenbein des kleinen Mannes, St. Annen-Museum, Lübeck, bis 16. Januar 2011

Unser Autor Stefan Diebitz hat für PKG gleich zwei Ausstellungen in Lübeck besucht. Aus der insgesamt 1040 Selbstporträts umfassenden Sammlung der 2005 verstorbenen Leonie von Rüxleben präsentiert die Kunsthalle St. Annen 66 Bilder in alphabetischer Folge, und zwei Stockwerke darüber zeigt die Ausstellung »Knochen – das Elfenbein des kleinen Mannes« kunst- und vor allem auch kulturgeschichtlich hochinteressante Gebrauchsgegenstände aus Knochen.

Zum insgesamt fünften Mal zeigt das Museum im Herbst Selbstporträts aus der Sammlung von Rüxleben. Waren die ersten drei Ausstellungen noch thematisch orientiert, so reihen sich jetzt zum zweiten Mal die Bilder in alphabetischer und entsprechend bunter Folge sowie willkürlicher Ordnung aneinander. Bei den Buchstaben B – D finden sich allerdings sehr prominente Namen, aus denen Marc Chagall (mit drei Farblithographien vertreten), Salvator Dalí und Lovis Corinth (vier Bilder) herausragen. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen aber mehrere Arbeiten von Hartmut Duwe, die ihn an der Stirnseite des Raumes nachdenklich in Künstler- bzw. Denkerpose präsentieren, an den Außenseiten eingerahmt von zwei paradoxen Selbstporträts – der Künstler verdeckt mit einer Hand seine Augen.

Überraschend perspektivenreich und interessant ist die Knochen-Ausstellung, die eine Vielzahl der verschiedensten Gegenstände präsentiert, größtenteils aus dem 18. und 19. Jahrhundert und zusammengestellt aus einer gewaltigen Sammlung, die der Kieler Jurist Klaus-G. Glüsing (verstorben 2008) auf Flohmärkten und bei anderen Gelegenheiten zusammengekauft hat. Wohl als Würdigung seiner jahrzehntelangen Obsession ist eingangs der Ausstellung ein höchst eindrucksvoller Turm aus Mon-Cherí-Schachteln aufgebaut, in denen sich Gegenstände wie Knöpfe, Eierlöffel oder Gardinenringe befinden: so hat der Sammler die Masse der Kollektion in seiner Wohnung aufbewahrt.

Was heute der Kunststoff leistet, das war früher die Aufgabe von Knochen. Heute spielen sie allenfalls noch bei den Knöpfen von Trachten eine Rolle, aber früher wurden die verschiedensten Gebrauchsgegenstände aus Knochen im industriellen Rahmen hergestellt; um die Nachfrage bewältigen zu können, musssten sogar Knochen aus Südamerika eingeführt werden. Die Knochenseife wurde herausgekocht, so dass das Material sich angenehm, nämlich geschmeidig und sanft anfasst; natürlich wurde es dadurch auch viel leichter und lässt sich nur noch bei näherem Hinsehen dank feiner Unebenheiten von Elfenbein unterscheiden.

Ein großer Teil des Bestecks bestand aus Knochen (jedenfalls bei dem Teil der Bevölkerung, der sich Elfenbein nicht leisten konnte), es gab Pflegegegenstände aus Knochen wie Zahnbürsten, Läusekämme oder die manchmal, wie es scheint, unvermeidlichen Klistiere, in den Kleiderschränken warteten Flohfallen, auf Schreibtischen standen und lagen knöcherne Tintenfässer, Petschaften, Brieföffner oder Federhalter. Beinern waren auch Näh- und Stricknadeln und anderes Handarbeitswerkzeug wie zum Beispiel niedliche Zollstöcke, und endlich waren auch Spiele aller Art ohne Knochen ganz undenkbar. Würfel, Halma- und Dominosteine gab es aus Knochen, oder Schachspiele, von denen ein ganz wunderbares, höchst kunstvoll ziseliertes präsentiert wird – ein Satz aus sehr schlanken Figuren mit durchbrochenen Köpfen, mit dem vielleicht niemals eine ernsthafte Partie gespielt wurde, der aber einen ganz wunderbaren Zimmerschmuck abgegeben hat.

Die Feinheit der Arbeiten erstaunt noch immer. Es wurde nicht allein geschnitzt, sondern auch gedrechselt und besonders mit der Laubsäge gearbeitet, und Vorzeichnungen für die verschiedensten Gegenstände konnten von Handwerkern oder Liebhabern wie heute Kleiderschnitte erworben werden.

Endlich seien noch die Kriegsgefangenen erwähnt, welche die Tristesse ihrer langen öden Tage mit Knochenschnitzereien zu bewältigen versuchten. Zum Abschluss der Ausstellung findet sich als ein Beispiel für eine solche Gefangenenarbeit aus dem 1. Weltkrieg ein erstaunlicher Kalvarienberg von größter Eindringlichkeit der Darstellung und beachtlichem künstlerischem Wert, dessen Gesichtergestaltung fast romanisch anmutet und etwas von dem Leid erahnen lässt, das der unbekannte Künstler erdulden musste.