Ausstellungsbesprechungen

Die Kunst ist öffentlich. Vom Kunstverein zur Kunsthalle, Hamburger Kunsthalle, bis 10. September 2017

Zweihundert Jahre Kunstverein werden in diesem Sommer in Hamburg gefeiert. Stefan Diebitz hat sich die Ausstellung angesehen.

In neun Räumen stellt die Hamburger Kunsthalle die Geschichte des Hamburger Kunstvereins schlaglichtartig dar und nutzt diese Gelegenheit, über das Verhältnis zwischen einem Museum und der Öffentlichkeit zu reflektieren. Welche Ansprüche hat eine Stadt wie Hamburg, welche Forderungen des Publikums an ein Kunstmuseum sind legitim, und umgekehrt: Welche Unterstützung darf ein großes Haus von der Öffentlichkeit erwarten?

Während in den großen Residenzstädten wie München oder Berlin schon ausgangs des 18. Jahrhunderts die regierenden Häuser die Öffentlichkeit in ihre Kunstsammlungen ließen, war eine bürgerliche Metropole wie Hamburg auf bürgerliche Mäzene und Sammler angewiesen, um überhaupt die ersten interessanten Ausstellungen organisieren zu können. 1817 taten sich in Hamburg unter der Leitung durch den Kaufmann David Christopher Mettlerkamp wohlhabende Bürger zusammen, und 1826 konnte eine erste, mit zweihundertfünfzig Bildern reich bestückte Ausstellung auf den Weg gebracht werden. Die meisten ausgestellten Künstler waren zwar lokale Künstler, aber es fanden sich doch schon einige Namen, die noch heute größtes Gewicht besitzen.

Die beiden wichtigsten Maler kamen von stromaufwärts, aus Dresden. Der eine war der große Norweger Johan Christian Dahl mit gleich sechs Bildern, der andere steuerte drei Gemälde bei, und das eine gilt bis heute als das Glanzlicht der Kunsthalle: Caspar David Friedrichs »Eismeer« von 1823/24, das in dieser Ausstellung den spektakulären Anfang markiert. Erst achtzig Jahre später wurde es von der Kunsthalle erworben, aber ausgestellt schon 1826.

Die Ausstellung zeigt keine lückenlose Geschichte des Kunstvereins und seiner Beziehung zur fünfzig Jahre jüngeren Kunsthalle, sondern stellt einige Stationen auf dem Weg zur Gegenwart dar. In den beiden letzten Räumen ist sie demzufolge schon fast in der Gegenwart angekommen. Zunächst wird dort Hanne Lippards textbasierte Klanginstallation »Frames« gezeigt, die den Ablauf der Zeit thematisiert. Dazu kommt eine Reminiszenz an eine Installation von 1973 des 1977 verstorbenen Blinky Palermo, die im Jahr ihrer Präsentation auf scharfe Ablehnung stieß und zahlreiche Austritte aus dem Kunstverein provozierte.

1991, als das Gebäude des Kunstvereins abgerissen wurde, wurden unter vielen Farbschichten die Reste der umstrittenen Installation entdeckt und für die Nachwelt gerettet, indem sie auf einen neuen Untergrund übertragen wurden. Grund der Aufregung waren 1973 leere Wände, mit denen der Begriff der Wandmalerei auf »seinen abstrakten, idealen Kern« reduziert wurde. Der Wikipedia-Artikel über den Künstler, in dem behauptet wird, allein in einer alten Fabrik bei Mönchengladbach seien originale Wandmalereien Palermos erhalten, bedarf also der Korrektur.

Zwei andere Stationen in der Geschichte des Kunstvereins seien noch herausgehoben. Zunächst ein Raum, der die Jahresgaben des Kunstvereins, in Hamburg »Vereinsblätter« genannt, aus dem 19. Jahrhundert vorstellt, größtenteils Kupferstiche nach Vorlagen, also Reproduktionsgrafik. Allerdings durchweg extrem hochwertige, wie die Ausstellung insbesondere mit einem Blatt des bedeutenden Kupferstechers Louis Jacoby (1828 – 1918) glaubhaft machen kann, einer ganz wunderbaren Wiedergabe von Raffaels »Schule von Athen«, an der Jacoby unerhört lange gearbeitet haben muss. Erst nach 1890 werden von Kunstverein bevorzugt Originalgrafiken verteilt, und Radierungen lösen die Kupferstiche ab – vielleicht deshalb, weil das Verwischte der Radierung der Ästhetik des Impressionismus näher liegt.

Wenig später wurde die Zeitgeschichte übermächtig. 1927 nannte sich die Ausstellung durchaus programmatisch »Europäische Kunst der Gegenwart« und konnte auch zahlreiche Künstler aus dem europäischen Ausland vorstellen, aber die Internationalität war schon sehr bald wieder Geschichte. 1936 wurden zwar keineswegs ausschließlich nationalsozialistische Künstler gezeigt, sondern auch Vertreter der Avantgarde, aber eben deshalb sah sich die Ausstellung schon bald – nach nur elf Tagen – wieder geschlossen.

1940 stand ganz im Zeichen der Plastik, und natürlich durfte es keine abstrakte Plastik sein, sondern eine, die Tier und Mensch abbildet. Immerhin, auch der »Denker« Richard Scheibes (1879 – 1964), von dem es in der Ausstellung heißt, er habe sich in »die nationalsozialistische Propaganda von rassischer Überlegenheit« eingefügt, ist keineswegs lupenreine Nazikunst. Zwar scheint der Körperbau des »Denkers« für seine Kernkompetenz, das Denken, ein wenig zu sportlich-durchtrainiert, aber an seinem Gesicht ist doch gar keine Entschlossenheit abzulesen, sondern nur der Ausdruck eines Zögerns oder auch der Gedankenverlorenheit.