Ausstellungsbesprechungen

Die letzte Freiheit – Von den Pionieren der Land-Art der 1960er Jahre bis zur Natur im Cyberspace, Ludwig Museum Koblenz, bis 16. Oktober 2011

Am Ende der 1960er Jahre entwickelte sich mit der Land Art eine Form ästhetischer Praxis, welche die tradierten Vorstellungen von Kunst sprengte und neue Maßstäbe setzte. Diese hochinteressante Kunstrichtung, um die es in den letzten Jahren eher etwas still geworden ist, ruft nun das Koblenzer Ludwigmuseum anlässlich der diesjährigen Bundesgartenschau mit einer großen Retrospektive ins Gedächtnis zurück. Rainer K. Wick hat sich die Ausstellung für PKG angesehen.

Land Art-Projekte mit ihren nicht selten gigantisch dimensionierten Eingriffen in oft kaum berührte Naturräume gehören zweifellos mit zum Spektakulärsten, was in der Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stattgefunden hat. Es sind Inszenierungen von Künstlern, die ihre Ateliers hinter sich gelassen haben, um in und mit der Landschaft zu arbeiten und hier „letzte Freiheiten“ auszuloten. Obwohl diese Arbeiten prinzipiell die physische Präsenz der Rezipienten vor Ort verlangen und – da meist zu groß und zudem immobil – für museale Präsentationen eigentlich untauglich sind, ist der Direktorin des Museums im Deutschherrenhaus am Deutschen Eck, Beate Reifenscheid, ein umfassender Rückblick auf die verschiedensten künstlerischen Praktiken gelungen, die unter dem Stichwort „Kunst mit der Natur“ zusammengefasst werden können. Die in den letzten Jahrzehnten realisierten, teilweise großflächigen Explorationen und Transformationen von Naturräumen werden in den etwas beengten Räumlichkeiten des Koblenzer Museums vorwiegend anhand von Skizzen, Modellen, Fotografien und Filmen dokumentiert. So sperrig das dargebotene Material manchmal auch sein mag, so beeindruckend ist allein die Liste der beteiligten Künstlerinnen und Künstler, die sich wie ein Who is Who der Land Art liest: das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude, Walter De Maria, Agnes Denes, Jan Dibbets, Hamish Fulton, Andy Goldsworthy, Michael Heizer, Nancy Holt, Peter Hutchinson, Richard Long, Robert Morris, Robert Smithson, James Turrell und andere.

Während sich in Deutschland der Begriff „Land Art“ durchgesetzt hat, sind in den USA, dem Ursprungsland dieser Kunstrichtung, eher die Begriffe „Earthworks“ oder „Earth Art“ gebräuchlich. Und tatsächlich handelte es sich bei den frühen Großprojekten der Land Art oft um dezidierte Eingriffe in das Erdreich, häufig mit Hilfe von Bulldozern und Baggern, manchmal auch mit Dynamit. Das waren künstlerische Interventionen, die nichts Ephemeres hatten, durchaus auf Dauer angelegt waren.

So zum Beispiel Robert Smithsons „Spiral Jetty“ von 1970, eine Arbeit, die längst zur Ikone der Land Art geworden ist. Der Künstler ließ im seichten Gewässer des Großen Salzsees von Utah in den USA ca. 6.800 Tonnen Material zu einer etwa 450 Meter langen und 4,5 m breiten spiralförmigen Mole aufschütten. Authentisch erfahrbar ist dieses „Earthwork“ nur, indem man die Spirale entweder abläuft, oder – das wäre eine Alternative von ganz anderer Qualität – indem man sie mit einem Ballon, Hubschrauber oder Flugzeug überfliegt. Der Kreis und als dessen Abwandlung die Spirale sind Urformen der Natur, die von den Land Artisten besonders favorisiert werden; man denke nur an den Spiralnebel, an die Nautilusschnecke, an das sich entfaltende Farnkraut, an Strudel im Gewässer. In seiner unendlichen Rotationsbewegung symbolisiert der Kreis Geschlossenheit und – so Paul Klee – kosmische Harmonie. Was die Spiralbewegung anbelangt, so kann sie nach Klee Entfaltung und Freiheit bedeuten, wenn sie vom Zentrum ausgehend mehr und mehr in den Raum ausgreift. In diesem Fall könne von einer Lebensspirale die Rede sein. Liest man dieselbe Form jedoch umgekehrt, also im Sinne einer Bewegung auf das Zentrum hin, so komme diese Bewegung über ein zunehmendes Gebundensein schließlich zum Stillstand. Eine derartige bewegungsfeindliche Spirale lasse sich als Todesspirale betrachten. Das sind Deutungsmöglichkeiten von so prinzipieller Art, dass sie umstandslos auch auf diverse Land Art-Projekte angewendet werden können; gleichwohl sind natürlich auch ganz andere Interpretationsansätze denkbar.

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Im Unterschied zu Werken der Land Art, die in der Zeit überdauern (wollen), tendiert der britische Land Art-Künstler Richard Long eher dazu, in der Natur keine bleibenden Spuren zu hinterlassen. So war eine seiner frühesten Arbeiten im Naturraum eine gerade Linie, die durch längeres Hin- und Hergehen auf einer Wiese entstand und nach relativ kurzer Zeit wieder verschwand („A line made by walking“, 1967). Hier manifestiert sich eine in den Sechziger Jahren zeittypische kapitalismusfeindliche Haltung, die sich dezidiert dem im Kunstbetrieb vorherrschenden Verständnis des Kunstwerks als Ware, als vermarktbares, handelbares Objekt verweigert. Zuweilen schafft Long aber in Galerien und Museen auch reduzierte, minimalistische Bodenskulpturen aus Treibholz oder Steinen, so im Koblenzer Ludwig Museum die „Cornwall Carrara Line“ (1988), ein hinsichtlich Material, Farbe und Struktur kontrastierendes Ensemble aus grobem südenglischen Schiefer und feinem toskanischen Marmor.
Fotografisch dokumentiert wird in Koblenz eines der Schlüsselwerke der Land Art, nämlich Walter De Marias „Lightning Field“ von 1977. Auf einer Hochebene im US-Bundesstaat New Mexico hat der Künstler in einem rechteckigen Geviert von ca. 1,6 x 1,0 km in regelmäßigen Abständen 400 Edelstahlstäbe errichtet, deren Spitzen alle die gleiche Höhe über Null-Niveau erreichen und somit eine imaginäre horizontale Fläche bilden. Da das Gelände aber uneben ist, haben die Metallstäbe unterschiedliche Höhen (zwischen 4,6 und 8,1 m). Diese gigantische, die Landschaft streng geometrisch artikulierende Skulptur vollendet sich erst durch Mitwirkung der Naturgewalten, nämlich dann, wenn bei heftigen Gewittern die Blitze zwischen den Metallstäben einschlagen. Daher auch der bezeichnende Titel „Lightning Field“, also „Blitzfeld“.

Zu den spektakulärsten und bekanntesten Interventionsprojekten im Landschaftsraum gehören die Verpackungs- und Verhüllungsaktionen des Künstlerehepaars Christo und Jean-Claude. Anders als bei anderen, oft recht spröden Land Art-Projekten handelt es sich bei diesen – immer zeitlich befristeten – Aktionen um hochgradig ästhetisierte Naturverfremdungen, denen von Anfang an die besondere mediale Aufmerksamkeit und Akzeptanz des Publikums sicher war. Erinnert sei nur an Großprojekte wie „Verhüllte Küste“ (1969), „Valley Curtain“ (1971/72), „Running Fence“ (1976) oder „Surrounded Islands“ (1983).

Um es nicht nur bei einer historischen Bestandsaufnahme zu belassen, hat Beate Reiffenscheid auch neuere Arbeiten in die Ausstellung einbezogen, so etwas Filme von Ai Weiwei, welche die zerstörerischen Auswirkungen der Industrialisierung, Urbanisierung und Automobilisierung in China zeigen, oder eine Sound Installation von Florian Dombois, welche die globalen, an einem einzigen Tag registrierten seismischen Aktivitäten an 21 Erdbebenstationen dokumentiert und mithin das Gefahrenpotential von Naturkatastrophen bewusst macht.