Ausstellungsbesprechungen

Die Lust an der Lästerung – Bildpolemik zur Zeit der Reformation, Veste Coburg, bis 8. September 2013

Sie waren so etwas wie der "Shitstorm" des 16. Jahrhunderts: Auf Flugblättern überzogen sich Anhänger und Gegner der Reformation einst mit schlimmsten Verunglimpfungen. Auf der Veste Coburg wird »Die Lust an der Lästerung« nun ausgestellt. Rowena Fuß hat es sich angesehen.

Es ist immer und überall gelästert worden, vielleicht in manchen Zeiten mehr, in manchen weniger – mal mündlich, mal schriftlich, mal zeichnerisch. Besonders während der Glaubenskämpfe im 16. Jahrhundert spielten karikatureske Druckgrafiken eine wichtige Rolle. Sowohl Lutheraner als auch Papisten benutzten Bilder, um einander zu kritisieren oder mit Spott zu überhäufen. Dementsprechend ist auch die Ausstellung in zwei Lager gespalten: Eine rote Neonschrift begrüßt den Besucher bei den Lutheranern, grün leuchten dagegen die Papisten.

Mit 65 Exponaten aus der eigenen Sammlung, die um einzelne interessante Leihgaben ergänzt wurden, gewährt die Schau einen Einblick in die Bildpropaganda des 16. und frühen 17. Jahrhunderts. Die Spanne reicht dabei von delikaten Flugblättern bis hin zu teuflischen Holzreliefs. Selbst ein Kanonenrohr mit der Spottfigur des fundamentalistischen Lutheraners Matthias Flacius findet hier seinen Platz. Und als ob das noch nicht genug wäre, spannen einige polemische Bilder der Satiremagazine Titanic und Charlie Hebdo den Bogen bis in die Gegenwart. Also: Feuer frei!

Der erste Schuss fällt auf der Seite der Lutheraner. So sehen wir auf einem um 1500/1520 von einem unbekannten Künstler geschaffenen Holzrelief, wie eine Papstfigur – geschubst von einem Dämon – in den tierischen Höllenrachen hinabsteigt. Die Identifikation des pontifex maximus mit dem Antichristen oder dessen Weg ins Höllenfeuer war bereits im Mittelalter ein beliebtes Mittel, um ihn oder andere kirchliche Würdenträger zu verunglimpfen. Es verwundert also wenig, dass die reformatorische Bildpolemik dieses Motiv aufgriff.

Sehr schnell entwickelte sich jedoch ein deutlich derberes Vokabular aus Verwünschungen, Zoten, Tiervergleichen und Fäkalien. Besonders das Mönchtum bekam sein Fett weg. Martin Luther, selbst einmal Augustiner, wetterte gegen sexuelle Ausschweifungen, Unmäßigkeit und Heuchelei. Im Flugblatt »Die Suiten/welche sich Jesuiten nennen/ankunft« (1569) wird die Herleitung des Jesuitenordens diffamiert: Hier paart sich ein Schwein mit einem Hund, während weitere Mitglieder des Klerus um eine gesunde Niederkunft bitten.

Und die Papisten? Nun, die Gegenreaktion von katholischer Seite ließ zunächst auf sich warten. Man zog es vor, sich der Zensur zu bedienen oder Drucker und Verleger vor Gericht zur Verantwortung zu ziehen. Meist mit dem Ergebnis Verbannung. Erst mit Beginn der Gegenreformation konzentrierte man sich auf Luther, den man als Lügner darstellte und Fress- sowie Sauflust vorwarf. So etwa in einer Radierung von 1569. Gemessen am reformatorischen Stichelkrieg wirken die Waffen der Papisten jedoch wenig originell, abgenutzt und stumpf.

Auch heute noch wird der ein oder andere Spottkübel geleert. Zum Thema Vatileaks etwa zierte das Magazin Titanic im Juli 2012 das folgende Cover: Papst Benedikt XVI. mit Pissfleck an verfänglicher Stelle. Titel: Die undichte Stelle ist gefunden. Wegen einer einstweiligen Verfügung, die der Vatikan beim Landgericht Hamburg erwirkte, musste das Heft jedoch aus dem Handel genommen werden. Die Maßnahme kommt einem bekannt vor, oder? Unnötig zu erwähnen, dass die Rückseite des Heftes ein brauner Fleck zierte, der mit dem Kommentar »Noch eine undichte Stelle gefunden« versehen war.

Mit deutlich weniger Fäkalhumor und einem gehobeneren Witz karikierte schließlich das französische Magazin Charlie Hebdo 2010 das kirchliche Zölibat: Auf dem Titelbild hält der Papst ein Kondom in die Höhe – gleich der Elevation von Hostie und Kelch während der Messe.

Anlässlich der Lutherdekade zum 500. Jahrestag der Reformation stößt die Coburger Schau damit Gedanken über Religion und Kirche in der Gegenwart an. Denn – soviel ist nach dem Rundgang klar – die breitenwirksame, polemisch geführte Bilderschlacht um Glaubensvorstellungen ist damals wie heute geprägt von derben Späßen und Klischees, die Toleranz hart auf die Probe stellen.