Ausstellungsbesprechungen

Die Nazarener – Vom Tiber an den Rhein. Drei Malerschulen des 19. Jahrhunderts, Landesmuseum Mainz, bis 25. November 2012

Derzeit betreibt das Bundesland Rheinland-Pfalz eine bemerkenswerte Wiederbelebung nazarenischer Kunst. Nachdem schon das Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen die Apostel des Spätnazareners Johann von Schraudolph aufwendig gewürdigt hatte, präsentiert das Mainzer Landesmuseum nun eine Sonderausstellung unter dem Titel »Die Nazarener – Vom Tiber an den Rhein«. Franz Siepe war dort und präsentiert seine Überlegungen zu diesem Ereignis.

Es gibt auch heute noch einige Kinder der ikonoklastischen und ornamentfeindlichen Moderne, die sich an der Schmucklosigkeit von Sakralbauten, an Stein- und Putzsichtigkeit erbauen können. Als in den 1860ern hingegen der Nazarener Philipp Veit mit seinen Schülern Karl Herrmann, August Gustav Lasinsky und Joseph Anton Settegast den Mainzer Dom ausmalte, geschah das in dem künstlerischen Bewusstsein, das Gotteshaus in ein aus Poesie der Wahrheit und göttlicher Schönheit gewebtes Gewand einzukleiden, das die »nackte Wahrheit« der rohen Mauer oder der monochrom verputzten Wand schamhaft verhüllt. Philipp Veit, eines der frühen Mitglieder des 1809 gegründeten Lukasbundes in Rom, wurde 1830 Direktor des Frankfurter Städels und wirkte ab 1853 als ehrenamtlicher Direktor der Mainzer Gemäldegalerie. So überrascht es nicht, dass das Mainzer Landesmuseum über eine beachtliche Reihe von Werken und sonstigen Hinterlassenschaften Veits und seiner Schüler verfügt, die nun, im Zuge der Revitalisierung nazarenischer Kunst zu neuen Ehren kommen sollen.

Man kann es drehen und wenden, wie man will – die Kunstrichtung, die den Namen des Nazarenismus im präzisen Sinne verdient, war ostentativ christlich, genauer: katholisch. Sie entstand aus Protest gegen die technisch-perfektionistische Routine der klassizistischen aufgeklärten Akademiemalerei und wollte wieder, in Anlehnung an die »altdeutsche« Kunst Dürers und die italienische Renaissance des jungen Raffael, »Herz, Seele und Empfindung« in die gestaltenden und betrachtenden Herzen bringen. Wirksamkeit und Ausstrahlungskraft dieser frommen Kunst durchzogen nahezu das gesamte 19. Jahrhundert. Gegen Ende dieses Centenniums war es indes vorbei mit der über Jahrhunderte eingespielten Allianz von Kunst und Kirche. Die Kunst wurde zunehmend weltlich-bürgerlich, und diese Selbstverpflichtung auf Profanität nannte und nennt sich seitdem »autonom«.

Um 1900 war es soweit, dass die Malerei im nazarenischen Habitus allerwärts für hoffnungslos veraltet und kitschig gehalten wurde. Das 20. Jahrhundert gab sich alle Mühe, die Relikte des ungeliebten 19. Jahrhunderts zu eliminieren. Was die Bombardements des 2. Weltkriegs verschont hatten, wurde in der Zeit des »Wiederaufbaus« von modernitätsbeflissenen Brachialaktionen weggehauen und entsorgt. Die Aufräumungs- und Reinigungsarbeiten im Gefolge der postvatikanischen Liturgiereform gaben dem Nazarenismus schließlich den Rest.

Nun aber begeht das Bundesland Rheinland-Pfalz den »Kultursommer 2012« unter dem Motto »Gott und die Welt« und entdeckt die lang geschmähte Nazarenerkunst neu: als Teil seines – präsumtiv identitätsstiftenden – »kulturellen Erbes«. Es verhält sich nämlich so, dass drei große Malerschulen des 19. Jahrhunderts auf dem heute rheinland-pfälzischen Territorium vertreten waren: erstens die »Münchener Nazarener« mit dem Hauptrepräsentanten Johann von Schraudolph, der vornehmlich durch die Ausmalung des Speyerer Doms bekannt wurde; zweitens der bereits genannte Kreis um Philipp Veit und drittens die »Düsseldorfer Nazarener«, Schüler Wilhelm von Schadows und Ausmaler der Apollinariskirche in Remagen: die Brüder Carl und Andreas Müller, Ernst Deger und Franz Ittenbach. Des Weiteren präsentiert die Ausstellung Bilder aus der Frühzeit des Lukasbundes, Exponate der »Trierer Nazarener« Johann Anton Ramboux und Anton Dräger sowie der »Koblenzer Nazarener« Gottlieb (Theophil) Gassen und Peter Rittig.

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Zum Ausstellungsbeiwerk gehört neben dem grundsoliden, nicht ausschweifenden, sondern exakt aufs Konzept zugeschnittenen Katalog auch eine hübsche und händige Publikation mit dem Titel »Reisewege zu den Nazarenern in Rheinland-Pfalz«. Dieser Kunstführer weist, unterstützt von sehr anständigen Fotografien, auf etwa dreißig Orte hin, in oder an welchen Werke nazarenischer Provenienz in situ erhalten sind; so beispielsweise Schloss Stolzenfels bei Koblenz, die Kirche St. Gangolf in Trier oder St. Marcellinus und Petrus in Vallendar. Selbstverständlich sind die Dome von Mainz und Speyer ebenfalls aufgenommen.

Freilich muss es so sein, dass, wenn so viele Künstler unter dem einen Etikett des Nazarenismus firmieren, sowohl stilistische Eigentümlichkeiten bemerkbar werden als auch unterschiedliche Präferenzen hinsichtlich des Sujets und der Wahl des Bildträgers. Vom genuinen Programm her war aber die Wandmalerei das bevorzugte Medium, weil man nicht für den konjunktur- und modeabhängigen Markt produzieren, sondern die Öffentlichkeit veredelnd erziehen wollte. Aus Italien kannte man monumentale Fresken en masse und nahm sie zum Vorbild.

Weil aber, wie gesagt, im zwanzigsten Jahrhundert der »Hass auf das 19. Jahrhundert« (Achim Hubel) in eine bilderstürmerische »kulturpolitische Barbarei« (Friedrich Fuchs) mündete, die von den antinazarenischen Verwüstungen bloß vereinzelte Oasen auf uns kommen ließ, ist man in Mainz froh und stolz, jetzt wenigstens doch noch auf aus der Tiefe von Kellern, Archiven und Depots hervorgeholte rare und atypische Formate wie Skizzen, Porträts, Vorzeichnungen, Kartons oder (teil-)restaurierte Fresken zurückgreifen zu können.

Immerhin sind auch einige Stücke exponiert, welche das frühe, ureigenste nazarenische Stilprinzip sinnfällig machen: Idealisierung mittels scharfer Umrisslinien und eine antinaturalistische, der Frührenaissance entlehnte Palette reiner Lokalfarben. Die Nazarener wollten die bleibende Wahrheit darstellen und nicht die flüchtige Wirklichkeit. Dass es jedoch im Laufe der Jahrzehnte Akkomodationen an den Perspektivismus und überhaupt an »realistische« Abbildungsauffassungen gab, lässt sich in der Mainzer Ausstellung gut verfolgen.

Die Spannbreite nazarenischen Kunstschaffens veranschaulicht beispielsweise die figurengestalterischen Differenz zwischen dem musizierenden Engel Schraudolphs (1847) und der den Katalog schmückenden heiligen Cäcilie von Anton Dräger (1823): hier Nazarenismus in Reinkultur: komplett entsinnlichte, der geistlichen Musik selbstlos hingegebene Weiblichkeit in marianisch-jungfräulicher Farbgebung; dort ein als Engel verkleideter junger Mann aus unserer Welt, der ins Horn bläst, was das Zeug hält. Beides ist Musik, die über die Augen ins Ohr und ins Herz geht: einmal ätherisch-himmlisch, das andere Mal lauthals mit voller Kraft heraustrompetet. Beides aber ist nazarenisch, weil für den empfindenden Menschen zum Lobpreis seines Gottes gemalt.

Schließlich wäre darauf hinzuweisen, dass die besprochene Veranstaltung des Mainzer Landesmuseums in inhaltlicher und organisatorischer Verbindung steht mit der Ausstellung »Die Eroberung der Wand – Nazarenerfresken im Blick der Gegenwart. Im Herbst/Winter 2012 werden im Kaisersaal des Speyerer Doms einige – von Vitus Wurmdobler restaurierte – Fresken Johann Schraudolphs der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht.