Ausstellungsbesprechungen

Die Revolution der Romantiker. FLUXUS made in USA, Staatliches Museum Schwerin, bis 9. Juni 2014

Zu einer ebenso ungewöhnlichen wie unterhaltenden Begegnung kommt es in diesen Tagen in Schwerin: Eine Ausstellung im Staatlichen Museum kombiniert Fluxus und Romantik, also bunteste Avantgarde der letzten fünfzig Jahre mit einigen wenigen Werken von Caspar David Friedrich, Johan Christian Dahl und Carl Blechen. Stefan Diebitz hat sich umgesehen.

Vor etwas mehr als fünfzig Jahren beschlossen in New York einige Künstler litauischer Abstammung, die Differenz zwischen Leben und Kunst, Betrachter und Künstler wieder einmal aufzuheben, sie also fließend zu machen und eine neue Art der Aktionskunst zu begründen. Zusätzlich ging es ihnen noch darum, verschiedene Künste miteinander zu kombinieren, und so war auch der Komponist John Cage willkommen. Die Aufführung seiner stummen Sonate »4:33« - ein berühmter Pianist erschien zur Uraufführung auf der Bühne und nahm feierlich Platz, um anschließend das Klavier dreimal auf- und zuzuklappen – wird in einem Video, das man sich in Schwerin anschauen kann, nachgestellt.

Es ist schon mutig, die Kunst von Fluxus ausgerechnet mit der deutschen Romantik in Verbindung zu bringen. Natürlich hat das Museum dabei die revolutionäre Seite der Romantik im Blick, also insbesondere die aufmüpfige Jenenser Frühromantik mit den Gebrüdern Schlegel, Novalis und Tieck und dem jungen Schelling. Aber auch wenn diese Bewegung vor zweihundert Jahren allerlei Freches auf den Weg brachte, so sind es doch Welten, die zwischen ihren Werken und Fluxus liegen. So recht überzeugen konnte mich die Kombination nicht.

Gleich eingangs der Ausstellung gibt es eine Installation von George Brecht zu bewundern, welche die Kuratorin Katharina Uhl so ausdeutete, dass man »symbolisch den Hut abgeben« solle, um den Kopf frei bekommen. Diese pädagogische Intention der Fluxus-Bewegung lässt sich dann auch nicht leicht übersehen, denn im Grunde ist diese ganze Kunst (und auch die Aufführung der Sonate von Cage) der Versuch einer ästhetischen Erziehung; die Sonate wollte zum Beispiel für Nebengeräusche sensibilisieren. Der Besucher soll in Uhls Worten »in die Rolle des Partizipienten [wechseln], der den Bereich der herkömmlichen Kunst verlässt.« Und so heißt die Installation, obwohl man doch an dieser Stelle die Ausstellung erst betritt, »Exit«.

Selbstverständlich gibt es auch in Schwerin eine Menge Arbeiten, in denen die Distanz zwischen Kunst und Betrachter aufgehoben werden soll. Ein Beispiel ist die von Ben Patterson konzipierte »Fluxus-Bar«, ein bunter und recht heiterer Ort, in dem man sich wohl ganz gerne länger aufhalten würde. Selbstverständlich darf, ja soll man in diese Bar eintreten und Platz nehmen; nur zu trinken gibt es nichts. Ein anderes Werk stammt von Goeffrey Hendricks, der sich selbst wegen seiner Vorliebe für alle Arten von Himmelsbildern einen »Cloudsmith« nennt. Er reiste aus den fernen USA nach Schwerin und baute dort einen »Fluxus-Altar« auf, zusammengesetzt aus Wolkenbildern. Davor steht ein Tischchen mit einem Stuhl, und der Betrachter soll sich niederlassen, eine Karte ziehen und ihren Anweisungen folgen, sich also irgendetwas vorstellen und auf diese Weise seinen Beitrag zum Kunstwerk leisten.

Findet sich hier wirklich eine Beziehung zu Caspar David Friedrichs Bildern? In dem sehr bunten und interessanten Katalog merkt der andere Kurator, Gerhard Graulich, selbst skeptisch an: Was am »Tetschener Altar (1807/08) als Provokation wahrgenommen wurde, nämlich dass ein Landschaftgemälde zugleich als Altarbild fungiert, ist in Geoffrey Hendricks Arbeit ohne Bedeutung.« Das ist wohl wahr: Wir leben in einer permissiven Gesellschaft, in der man schon ganz anderes auffahren muss als die doppelte Beleuchtung eines Kreuzes im Gebirge, wenn man tatsächlich provozieren will – die Arbeit von Hendricks’ wirkt weder provokant, noch spürt der Betrachter eine religiöse Intention. Eigentlich sind es nur Wolken, und davor steht ein Tisch. Der Altar ist bunt, und die einzelnen Bilder sind handwerklich gut gemacht, aber mehr auch nicht, und an Caspar David Friedrich dürfte sich wohl kaum jemand erinnert fühlen.

Wolken sind ein bevorzugtes Thema aller nichtklassischen Künstler, schon wegen ihrer sich ständig verändernden, auflösenden und neu bildenden Formen; der große englische Maler John Constable (1776 – 1837) war nur einer von denen, die sich systematisch und über einen längeren Zeitraum damit beschäftigten. Der Norweger Johan Christian Dahl (1788 – 1857) war ein anderer; von ihm gibt es in Schwerin eine schöne Wolkenstudie zu bewundern.

Bemerkenswerter aber als diese Studie eines allerdings großartigen Malers ist ein spektakuläres Landschaftgemälde des Deutsch-Amerikaners Albert Bierstaedt. Das zeigt ein Gewitter im Gebirge und hilft die Verbindung zu den Meistern der »Hudson River School« aufzuzeigen. Selbige werden hier in Deutschland nur wenig wahrgenommen, schufen aber im 19. Jahrhundert wirklich großartige Kunst. Der Katalogbeitrag von Frank Mehring thematisiert diese Zusammenhänge und schlägt einen Bogen zu Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau, also zu zwei Autoren, die das einfache Leben und die Natur in einer ganz anderen Weise thematisierten, als es in Europa je möglich gewesen wäre. Ich fände es schön, wenn diese Thematik zusammen mit den Bildern der »Hudson River School« einmal in einer großen Ausstellung vorgestellt werden könnte.