Ausstellungsbesprechungen

Die Skulpturen der Maler – Malerei und Plastik im Dialog

Die Erkenntnis als solche ist freilich nicht neu: malende Bildhauer, bildhauernde Maler – was nach Baden-Baden lockt, sind die rund 140 Meisterwerke, die insbesondere das 20. Jahrhundert mit großem Atem durchschreiten, und die Begegnungen der Künstler mit sich selbst, sprich in der Gegenüberstellung von zwei- und dreidimensionalen Arbeiten.

Anders als bei so genannten Doppelbegabungen, die parallel ihre Künste pflegen (nehmen wir Günter Grass, der die Literatur in den Dienst der bildenden Kunst stellt wie umgekehrt, der aber in beiden Ausdrucksformen ganz eigenständig bleibt), liegt der unmittelbare Einfluss innerhalb einer Gattung auf der Hand: Der Bildhauer entwickelt seine Arbeiten oft genug aus der Zeichnung heraus, der Maler will wissen, wie sein Werk in der dritten Dimension wirkt (wieder sei Grass erwähnt, der studierte Plastiker, der bildhauerische und grafische Positionen in einer Schaffensphase aneinander entlang führt, mit Seitenwechsel). Für das Baden-Badener Haus liegt das Schwergewicht erstmals auf der Plastik, die von rund 20 Künstlern vertreten wird: Baselitz, Beckmann, Braque, Chagall, Daumier, Degas, Dubuffet, Max Ernst, Gauguin, Giacometti, Kirchner, Yves Klein, de Kooning, Lüpertz, Matisse, Miró, Modigliani, Penck, Picasso, Tapies. Allen Malern ist gemeinsam, dass sie sich mit ihren Ausflügen in die Plastik große Freiheiten leisten können – mehr, als man den ausgesprochenen Bildhauern nachsehen würde. Diesbezüglich gehen mit Daumier und Degas gleich zu Beginn der Zeitreise zwei Künstler an den Start, die der Bildhauerei revolutionär neue Facetten verpassten: einmal karikierende Elemente, zum anderen realistische Tendenzen; das materialechte Tüllkleid von Degas’ »Kleinen vierzehnjährigen Tänzerin« war fast unerhört Ende der 1870er Jahre.

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Diese Sternstunden der Kunst sind natürlich auch in allen mittelgroßen Kunstgeschichten abgebildet, viele von ihnen – etwa die genannte Plastik von Degas (Dresden) und erst recht Arbeiten von Daumier (Karlsruhe, Berlin) – sogar in heimischen Museen zu besuchen. Auch dass Alt- wie Neu-Expressionisten wie Ernst Ludwig Kirchner und Georg Baselitz oder die berühmten Antipoden der Moderne, Matisse und Picasso, in beiden Künsten zu Hause waren, kann nicht wirklich überraschen. Es ist sogar eher verwunderlich, mit Alberto Giacometti einen ausgemachten Bildhauer in der Ausstellung zu finden, den man eher in einer erdachten Schau über »Die Gemälde der Bildhauer« gut platziert sähe. Doch des einen Wunsch ist dem andern sein Vergnügen: »Schon seit Jahren ist es mein Wunsch«, so bekannte der Hausherr Frieder Burda, »Skulpturen in direkter Verbindung mit Malerei in meinem Museum zu zeigen.« Und so dürfen wir an den Kunstgrößen vorbeidefilieren, respektvoll grüßend, was allemal ein besonderes Erlebnis ist. Und wer sagt auch, dass nicht auch erstaunliche Begegnungen dabei sind. Joan Miró etwa, der – zwischen Picasso und Max Ernst – sein hinreißendes Spiel, wie er es auf Leinwand treibt, in die dritte Dimension überträgt. Paul Gauguin beweist, dass auch er, der als Maler ganz in der Fläche arbeitet, plastisch zu sehen vermag, auch wenn er dabei etwas unsicher zu sein scheint. Demgegenüber gelingt es Amedeo Modigliani, die strenge Schönheit seiner Malerei in den Steinbildnissen sogar noch zu steigern – als habe da ein Maler im Marmor sein Element gefunden. Schließlich kommt sogar ganz und gar Unerwartetes vors Besucherauge – Skulpturen eines Künstlers, der in seinen Plastiken fast schon feindliches Territorium betritt und dieses mit erstaunlichem Formwillen besetzt: Marc Chagall. In der jüngeren Kunst ragt, neben den oben schon genannten Namen, Cy Twombly hervor, der in den vergangenen Jahren ohnehin als Plastiker erkannt und gewürdigt worden ist. Er vermochte eine ganz neue Welt für sich zu erfinden, die mit der seiner grandiosen Gemälde und Zeichnungen vollwertig konkurrieren kann. Eher als Ausflüge reifer Gemüter mag man die plastischen Arbeiten Willem de Koonings und Jean Dubuffets ansehen, die den Verdacht nähren, dass beide die Möglichkeiten ihres ganz großartigen malerischen Werks ausgereizt hatten. Mit einer fast erfrischenden Schamlosigkeit – die letztlich wieder zu Degas zurückführt – sind Markus Lüpertz’ deformierte Helden antiker Mythen gestaltet, die es sogar geschafft haben, hier und da (zuletzt in Bonn nach der Enthüllung eines knolligen Götterboten) Empörung hervorzurufen. Wenn das keine Gründe sind, diese wahrhaft wundersame Zusammenstellung weitgehend bekannter Plastiken zu besuchen! Und wie meinte doch gleich Picasso, der uns vertrauteste Bildhauer unter den Malern: »Die Skulptur ist der beste Kommentar, den ein Maler zu seiner Malerei abgeben kann.« Am Rande sei noch erwähnt, dass der Gastkurator Jean-Louis Prat aus nicht weniger als 40 Museen und Sammlungen seine enorme Ausbeute zusammengetragen hat.

Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag 10–18 Uhr