Ausstellungsbesprechungen

Die Überlieferung deutscher Texte im Spiegel Berliner Handschriften und Inkunabeln

Das Kölner Museum Schnütgen präsentiert derzeit die von der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz konzipierte und realisierte Ausstellung „Aderlass und Seelentrost“. In Berlin und anschließend in Nürnberg hatten 200.000 Besucher ihr Interesse bekundet. (Der alle wissenschaftlichen Ansprüche erfüllende Katalog zur Ausstellung ist im Portal Kunstgeschichte bereits von Katharina Glanz besprochen worden.)

Die Auslese der gezeigten Handschriften und Inkunabeln, überwiegend den Beständen der Berliner Staatsbibliothek entnommen, zeichnet sich nicht allein durch das breite inhaltliche Spektrum aus, sondern auch durch die – erstmalige – Fokussierung auf ausschließlich deutschsprachige Texte, und zwar aus dem Zeitraum vom 13. bis zum 15. Jahrhundert.

 

Die Bandbreite reicht von Fachprosa und didaktischer Literatur (Medizintraktate, Rechtssammlungen, Chroniken, Astronomisches, Tischzucht, Fechtkunst etc.) über religiöse Schriften (z.B. Bibeln, Historienbibeln, Erbauungsbücher) bis hin zu weltlich-literarischen Texten (Heldenepik und Liebeslyrik). Dabei war es das Vorhaben von „Aderlass und Seelentrost“, die üblicherweise aus konservatorischen Gründen nur einem exklusiven Kreis von Fachwissenschaftlern zugänglichen Exponate einem breiten Publikum vorzustellen, für das sie von nicht minderer Bedeutung seien. „Ästhetische Wirkung“ sei keine „zwingende Vorbedingung“ für die Zusammenstellung der Ausstellungsstücke, betont der Katalog (S. XI); vielmehr sei eine Gesamtübersicht der Überlieferungstradition in Bezug auf die kulturlandschaftlichen Herkunft und die thematischen Vielfalt intendiert. Dennoch bieten die Fülle und das breite Spektrum der präsentierten Illuminationen sowohl dem Augenmenschen als auch dem dezidiert kunsthistorisch Interessierten reiches Material.

 

Ich konzentriere mich im folgenden auf die Besonderheiten der Kölner Ausstellung, die am 27. Januar eröffnet wurde.

 

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Auf die Koinzidenz, dass die Welt an diesem Tag der Opfer des Nationalsozialismus anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 60 Jahren gedachte, reagierte die Direktorin des Schnütgen-Museums, Hiltrud Westermann-Angerhausen, mit der Äußerung, auch hier in Köln werde Erinnerungskultur betrieben: Die Ausstellung „Aderlass und Seelentrost“ pflege die Erinnerung an die elementare Bedeutung des „Deutschen Kulturkapitals“, von dem Exemplarisches hier zu sehen sei. Das war sicherlich gut gemeint, in der Wortwahl jedoch nicht unbedingt brillant, zumal jedes einzelne der Ausstellungsstücke eindrucksvoll dokumentiert, wie sehr die „deutsche“ Kultur des Mittelalters in Wirklichkeit als ein Moment des einen christlich-europäischen Kulturzusammenhangs zu begreifen ist.

 

Nachdem Eef Overgaauw in seiner Eigenschaft als Direktor der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin Sinn, Bedeutung und Wert des Ausstellungskonzepts hervorgehoben hatte, galt die Rede Dagmar Täubes, Kuratorin der Ausstellung im Schnütgen-Museum, der Herausarbeitung der Spezifik des Kölner Vorhabens: Vornehmlich gehe es darum, den Facettenreichtum und die Vielfältigkeit mittelalterlichen Lebens in einem „Dialog der Künste“ wach werden zu lassen. Kontextualisierung lautet das Stichwort, und tatsächlich ist der Ausstellungsort: die säkularisierte romanische Kirche St. Cäcilien mit ihrer ständigen Ausstellung überwiegend mittelalterlicher Sakralkunst, ein privilegierter Ort für ein derartiges Konzept.

 

 

Hinzu kommt die Gepflogenheit des Schnütgen-Museums, Konzerte zu veranstalten und intensiv mit dem Literaturhaus Köln zusammenzuarbeiten. Gemäß dieser dialogischen Intention ist auch das Rahmenprogramm zu „Aderlass und Seelentrost“ angelegt, das sich ein dezidiert interdisziplinäres Design gibt und für die kommenden Wochen manchen vielversprechenden Beitrag in Aussicht stellt.

 

Nun bietet St. Cäcilien dem Schnütgen-Museum keinen eigenen Raum für Sonderausstellungen, so dass die Ausstellungskuratoren aus der Not räumlicher Enge die Tugend „kontextualisierender“ Integration der importierten Exponate in die ständige Ausstellung machten. Man entschied sich also dazu, die 100 (von 240 in Berlin gezeigten) Schriften dem eigenen Bestand zu inkorporieren und sie zwischen den vorhandenen Heiligenstatuen, Kreuzen, Madonnenfiguren, Elfenbeinreliefs etc. in Vitrinen darzubieten.

 

Betritt der Besucher zunächst die Westempore, so begegnet ihm eine Handvoll von Codices aus der Rubrik „Heiligenlegenden und Erbauungsliteratur“, arrangiert inmitten eines Ensembles mittelalterlicher Heiligenfiguren. Und betrachtet er nun die dortigen Bücher, die eine illuminierte und eine beschriebene Seite zeigen, sieht er sich vor die Frage gestellt, wie er wohl am „Dialog der Künste“ partizipieren könnte. Wie soll er etwa eine Heiligenstatue, die wahrscheinlich die heilige Maria darstellt, mit dem daneben liegenden Nonnengebetbuch in seiner Wahrnehmung „kontextualisieren“? Mit welcher Methode soll er weiterhin die prächtig-fromme Abbildung des hl. Bernhard von Clairvaux einer „Meßerklärung“ aus dem 15. Jahrhundert dialogisch mit seinem möglicherweise laienhaften Vorwissen von „Erbauungsliteratur“ in Verbindung bringen? Oder: Ereignet sich durch ein solches Zusammentreffen irgendwie verwandter Inhalte bereits das, was die Ausstellungsmacher unter dem Programm des „Dialogs der Künste“ verstanden haben?

 

 

Angesichts dessen ergeben sich doch einige Zweifel an der Einlösbarkeit der nicht zuletzt mentalitätsgeschichtlich akzentuierten Absicht, dem Besucher qua Zusammenführung von Bau-, Schatz- und Buchkunst die Themen, „die den mittelalterlichen Menschen bewegten“, erfahrbar zu machen. Hinzu kommen die Grenzen, die einer Begegnung mit der mittelalterlichen Lebenswelt dadurch gesteckt sind, dass immer nur die beiden aufgeschlagenen Buchseiten zu sehen sind; von der Schwierigkeit des Entzifferns von Sprache und Schrift ganz zu schweigen. Letztlich bleibt ein Großteil des Geistigen, das sich in der jeweiligen Schrift sedimentiert hat, ja doch in der Vitrine verschlossen.

 

Um dieses Defizit zu kompensieren, bietet die Ausstellung zwei PC-Arbeitsplätze, an denen man in einer „virtuellen Bibliothek“ studieren kann. Verfügbar sind zwei Ausstellungsstücke als digitalisierte Faksimiles: erstens Heinrich von Veldekes Eneasroman in der frühesten vollständig erhaltenen, illustrierten Handschrift aus dem frühen 13. Jahrhundert sowie zweitens Fragmente einer Prachtsammelhandschrift mit Blättern aus der „Weltchronik“ des stauferzeitlichen Rudolf von Ems und aus dem Epos „Karl der Große“ des Strickers. Die didaktische Aufbereitung dieser beiden CD-Roms ist derart perfekt und benutzerfreundlich, dass ihre Attraktivität mit der Aura der Originale in Konkurrenz tritt.

 

Jedenfalls ist dem Ausstellungsbesucher das – mit 6,90 € erschwingliche – Begleitheft unbedingt anzuraten, das eine qualifizierte und gut lesbare Erläuterung von 30 ausgewählten Exponaten bietet. Zudem bleibt zu hoffen, dass das obenerwähnte Rahmenprogramm Antworten auf die Fragen gibt, welche die mehr oder weniger sprachlose „Kontextualisierung“ offen lässt.

 

Nähere Informationen zu Führungen, Rahmenprogramm usw. siehe Tagesnachricht vom 28. Januar 2005

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