Ausstellungsbesprechungen

Die Welt farbig sehen – Siegward Sprotte Retrospektive, Kloster Cismar/Grömitz, bis 20. Oktober 2013

Das Gesamtwerk Siegward Sprottes kann man in diesen Wochen in Cismar entdecken, nachdem es bis zum 14. Juli in Potsdam zu sehen war. Siegward Sprotte war ein Künstler, der seinen Themen trotz erheblicher Wandlungen seiner Arbeitsweise immer treu blieb – ein technisch überaus versierter Maler, der mit Blumen, Wellen und Porträts begann, sich später aber auch Abstraktion und fernöstlichen Traditionen öffnete. Stefan Diebitz hat sich die Ausstellung angesehen.

Das Gesamtwerk Sprottes (1913 – 2004) ist nicht zuletzt deshalb so umfangreich, weil er bis ins hohe Alter produktiv blieb. In Potsdam geboren, zeigte er schon in sehr jungen Jahren ein außerordentliches Talent, ja sogar Virtuosität, wovon das schöne Bild eines blauen Rittersporn Zeugnis ablegt, das der erst Sechzehnjährige malte. Die Blume stammte von Karl Foerster, dem König der Staudengärtner, der unter anderem mehrere Rittersporn-Sorten züchtete und bei dem auch Max Liebermann seine Blumen kaufte. Mit Foerster sollte Sprotte eine lebenslange Freundschaft verbinden, aber den großen Impressionisten scheint er trotz ihrer Nähe zueinander niemals getroffen zu haben.

Seinen ersten Unterricht erhielt er bei dem Landschaftsmaler Karl Hagemeister, der ihm dazu riet, mit sehr spitzem Bleistift zu zeichnen. Den Schwung besaß Sprotte schon, wie sein großartiger Rittersporn zeigt, und sein künstlerisches Werk zeigte trotz seiner jungen Jahre eine erstaunliche Bandbreite. So malte er mehrere altmeisterlich anmutende Porträts und ein akkurates, auffallend ernstes Selbstbildnis, das ihn selbst mit der Handbewegung zeigt, mit dem Albrecht Dürer auf seinem »Selbstbildnis im Pelzrock« die Kleidung zusammenhält. Und in ähnlich selbstbewusster Weise wie Dürer blickt Sprotte frontal den Betrachter an. Von besonderer Bedeutung an diesem Bild ist die allerdings wenig gelungene Umschlingung des Porträtierten durch einen Lebensbaum, die seine pantheistischen Überzeugungen andeutet – Überzeugungen, die ihn sein ganzes Leben begleiten sollten und zu einem besonderen Interesse an fernöstlichen Meditationstechniken und an der Kalligraphie führten.

Bis 1958 malte Sprotte Porträts, hörte aber damit auf, weil sie ihm zu monologisch schienen und damit seiner Überzeugung widersprachen, Kunst solle dialogisch sein. »Als ich erkannte, dass der Malprozess des Portraitierens – des Bildnismalens – den Portraitierten hypnotisiert, seine Entwicklung blockiert, so dass ihm nichts anderes mehr bleibt, als im Laufe der Jahre dem von ihm gemachten Bild immer ähnlicher zu werden, seitdem mache ich – dem gesichtigen face to face zuliebe – keine Bilder mehr vom Menschen.«

Die Gedankenlastigkeit einer solchen Äußerung ist wirklich auffallend, aber die etwas ideologische Begründung ist wohl typisch für den Charakter dieses Künstlers, dessen Konzeption stark von derartig abstrakten Überlegungen abhängig war. Die überragende Qualität seiner Porträts widerlegt schlagend die Behauptung, er habe hypnotisierte Menschen abgebildet, und warum man versuchen sollte, seinem Abbild ähnlich zu werden, erschließt sich mir ebenso wenig. In jedem Fall ist Sprottes Verzicht außerordentlich schade, denn seine altmeisterliche, sehr aufwändige Lasur-Technik führte zu großartigen Ergebnissen und zeigt das ganze Ausmaß seiner Kunst, mit der er vielleicht allein in seiner Zeit stand. Dabei durfte er eine ganze Reihe von tatsächlich bedeutenden Männern und Frauen porträtieren, darunter Hermann Hesse, Karl Jaspers und José Ortega y Gasset.

Der wandlungsfähige Maler öffnete sich immer wieder neuen Techniken und manchmal auch neuen Themen. Bäume waren eines seiner lebenslang bevorzugten Sujets, aber er eignete sich mit der Zeit eine manchmal fast chinesisch anmutende getuschte Darstellung an, wie es besonders in »Bergnebel in den Dolomiten« deutlich wird. Links unten einige dunkle Koniferen, dann große Leere und im Hintergrund die verschwommenen Berggipfel: ein wunderbares, sehr stimmungsvolles Bild.

1941 malte er ein Rosenkohlfeld im Winter. Den aus dem Schnee hervorschauenden Kohl überkuppelt ein düsterer Himmel, und der Kontrast zwischen dem hellen Vorder- und dem dunklen Hintergrund schafft eine bedrohliche, der Zeit entsprechende Atmosphäre. Im Katalog wird dieses Bild dem Ölgemälde »Erwartung« von Richard Oelze gegenübergestellt, das wenige Jahre zuvor entstanden war und das den Betrachter anstatt auf die grünen Pflanzen auf die Rücken von Männern im Trenchcoat mit Hut blicken lässt

In der Folgezeit – auch unter dem Eindruck einer Reise zu den Westindischen Inseln – legte Sprotte mehr Wert auf Farbe und malte besonders expressionistisch anmutende Landschaftsbilder. Und immer wieder das Meer, den Horizont und insbesondere die Welle. Als einem weiteren Aspekt seines künstlerischen Schaffens wandte er sich jetzt der Kalligraphie zu, auch inspiriert von der Lektüre taoistischer Schriften und seinen häufigen Besuchen von Ausstellungen mit fernöstlicher Kunst. Er versuchte zu malen, wie man schreibt, und so kann man in seinen Bildern den breiten Pinselstrich japanischer und chinesischer Kalligraphen entdecken – auch dort (oder gerade dort), wo er das Meer und die anbrandenden Wogen malte, für die er Zeit seines Lebens ein Faible besaß.

Die kalligraphischen Bilder leiten über zu seinem stark reduzierten, manchmal geradezu puristischen Spätwerk, in dem er sich immer mehr der Abstraktion annäherte.

Das Kloster Cismar, das man in der Nähe von Grömitz, also etwas nördlich von Neustadt suchen muss, wurde 1561 aufgehoben, und weil die Kirche in der Folgezeit viel zu groß für die ländliche Gemeinde war, wurde eine Wohnung für den Amtmann abgeteilt. Das erste Stockwerk enthielt seine repräsentativen und sehr lichten Räume, und das nicht unterteilte Obergeschoß liegt dann unter dem Gewölbe. Beide Geschosse sind für die Präsentation von Kunst sehr geeignet.

Die Ausstellung will von oben nach unten begangen sein: Zuerst wird in dem großen Raum eine Chronologie von Sprottes Gesamtwerk vorgestellt, beginnend mit dem großartigen Rittersporn des Schülers, in den unteren Räumen sind die Bilder dann thematisch geordnet. Auf beiden Ebenen wird deutlich, wie sehr dieser Künstler seinen Interessen treu blieb: Wogen und Wellen, Blumen und Bäume malte er buchstäblich sein Leben lang, und auch Schriftliches fand sich schon, bevor er sich endlich von den kalligraphischen Arbeiten der japanischen Meister inspirieren ließ.

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