Meldungen aus der Forschung

Die wichtigste Quelle zur Handwerksgeschichte ist vollständig erschlossen: Die Nürnberger Hausbücher stehen ab sofort im Internet zur Verfügung – Kooperation zwischen Stadtbibliothek und GNM

Wie sah es in der Werkstatt eines Harnischpolierers oder eines Draht­ziehers aus? Wozu benutzte ein Schuster Schweineborsten und was war eine Karde? Gab es im 17. Jahrhundert weit verbreiteten Alkohol­missbrauch? Auf diese und viele andere Fragen gibt eine neue Datenbank mit fast 1200 Handwerkerbildern aus dem 15. -18. Jahrhundert Antwort. Sie können unter der Internetadresse www.nuernberger-hausbuecher.de betrachtet und recherchiert werden.

In knapp 18 Monaten haben die Stadtbibliothek Nürnberg und das Germanische Nationalmuseum ihr erstes gemeinsames Projekt abgeschlossen. Die wertvollsten Handschriften der Stadtbibliothek Nürnberg, die fünfbändigen Hausbücher der Mendelschen und der Landauerschen Zwölfbrüderstiftung, sind vollständig digitalisiert und mit Beschreibungen versehen worden. Bilder und Texte wurden in eine eigens dafür erstellte Datenbank eingebettet, die vom Germanischen Nationalmuseum dauerhaft bereitgehalten wird. Nur dank einer finanziellen Unterstützung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft konnte das Projekt realisiert werden.

1388 gründete der Patrizier Konrad Mendel d. Ä. ein Zwölfbrüderhaus, um zwölf armen, alten und kranken, aber nicht bettlägerigen Handwerkern einen gut versorgten Lebensabend zu gewähren. Weitere Voraussetzungen zur Aufnahme waren der Nachweis des Nürnberger Bürgerrechts und die Kenntnis bestimmter Gebete. Die Brüder hatten gemeinsam im Stiftungshaus zu leben, eine einheitliche Tracht zu tragen, an Messen und Gebetsstunden teilzunehmen und für den Gründer, seine Nachfolger, den Rat und die Mitbrüder Fürbitte zu halten. Nach Einführung der Reformation bestand die Stiftung bis zur Aufhebung 1807 weiter. Der im Bergbau tätige Unter­nehmer Matthäus Landauer stiftete 1510 eine vergleichbare, ebenfalls bis 1807 beste­hende Einrichtung; für die gleichzeitig gegründete Allerheiligenkapelle lieferte Albrecht Dürer das Altarbild.

In den rund 400 Jahren des Bestehens der beiden Stiftungen ist über die Stiftungsinsassen genau Buch geführt worden: 1425 wurde das Hausbuch der Mendelschen und 1510 das der Landauerschen Zwölbrüderstiftung angelegt. Rund 1200 Brüder finden sich auf den mehr als 1600 Seiten im Bild festgehalten und in einem kurzen begleitenden Text mit Namen, Beruf, Eintritts- und Todesdatum benannt. Nicht selten werden hervorstechende Charaktereigenschaften festgehalten („Ist ein wunderlicher zänckischer und vertrunckener Mann gewesen“) oder Krankheiten und Todesursache dokumentiert. Für rund 380 verschiedene Berufe finden sich Nachweise – ein wertvolles Zeugnis für die Vielfalt des Handwerks in Nürnberg und seinen Wandel über die Jahrhunderte. Eine Vorstellung von den verschiedenen Produktionsmethoden liefern 470 verschiedene Arbeitsgeräte oder fast 300 im Bild festgehaltene Erzeugnisse und Produkte.

Wer sich ein Bild vom Handwerk im Mittelalter oder in der Frühen Neuzeit machen will, wird in Zukunft an einer Recherche in dieser Datenbank nicht vorbeikommen. Für alle erdenklichen Fragestellungen hält sie Sucheinstiege bereit: Es kann gezielt nach einem Bild gesucht werden, eine Handschrift durchgeblättert oder in den alphabetischen Listen von Berufen, Werkzeugen, Produkten, Materialien oder Krankheiten gestöbert werden. Auch eine zeitliche Einschränkung ist möglich. Sogar die in den Häusern angestellten 27 Köchinnen können aufgerufen oder eine Galerie mit den Ölporträts der Pfleger erzeugt werden.

Die im Rahmen des Projekts geleistete Erschließungsarbeit erlaubt aber auch eine wissenschaftliche Beschäftigung mit den vollständig reproduzierten Handschriften. Bereit gestellt werden detaillierte Handschriftenbeschreibungen genauso wie Angaben zu Maltechnik und Erhaltungszustand. Ausführliche Bildbeschreibungen erlauben auch kunsthistorische Fragestellungen, die zum Teil schwer lesbaren handschriftlichen Eintragungen sind vollständig und wortgetreu wiedergegeben.
 

Weitere Informationen

Den Link zur Datenbank können Sie ab sofort unter Linkliste von Portal Kunstgeschichte unter "Recherche" finden.