Buchrezensionen

Dieter Eisentraut: Manets neue Kleider. Zur künstlerischen Rezeption der Olympia, des Frühstücks im Grünen und der Bar in den Folies-Bergère, Georg Olms Verlag 2014

Von Beginn an forderten die gewagten Sujets und die neue Malweise Edouard Manets (1832-1883) Künstlerkollegen zur Bearbeitung auf. Der vorliegende Band widmet sich in zahlreichen Beispielen der Rezeption seiner drei Hauptwerke – allerdings meist ohne tiefer gehende Analysen. Ein wenig schade, findet Rowena Fuß.

Monet hat’s getan, ebenso Cézanne, Picasso, Ernst und Stella. Sie alle adaptierten Manets »Frühstück im Grünen« für jeweils ganz eigene Schöpfungen. Warum ist das so? Der Kunstkritiker Théodore Pelloquet, der zur Verteidigung eines Werks angeblich sogar ein Säbelduell einging, schrieb im Journal du Salon de 1863 zum »Frühstück«: »Wenn er [Manet; Anm. d.Verf.] auf einem großen Bild in der Mitte einer Landschaft, die schlecht und recht hingeworfen ist, zwei oder drei nackte Figuren an die Seite von zwei oder drei anderen, die mit Manteljacken bekleidet sind, setzt, dann möchte ich, dass er mich seine Absicht verstehen lässt […] Ich suche die seinige und finde sie nicht; es ist ein Rätsel …«

Diesen »Rätseln« der Manetschen Sujets geht Dieter Eisentraut in unzähligen Bildbeispielen nach. Sie sind in insgesamt fünf größere Abschnitte gefasst. Kurz gesagt, geht es vor allem um die in ihnen geschilderten spezifischen Subjekt- Objekt-Beziehungen und Einsamkeitserfahrungen, welche sie zu Parabeln der Moderne machen. Ein Fakt, der bereits einen Teil ihres Geheimnisses enthüllt.

Als Paradebeispiel für die typische Verrätselung scheinbar konkreter Situationen fungiert die »Bar in den Folies-Bergère«, ein berühmtes Varietétheater in der Pariser Rue Richer Nr. 32. Zu Zeiten der Belle Epoque zogen hier Kraftmenschen, Löwenbändiger, Groteskenpantomimen, Elefantendressuren, Abnormitätenschauen und Prostituierte jeden Besucher in eine Welt aus Fröhlichkeit und Leichtsinn. Doch dies war nur eine Scheinwelt. Am nächsten Morgen lag man doch wieder in der Gosse. Die einzige Konstante ist die Bardame. Und diese ist auch das Zentrum in Manets Werk. Während die Menge hinter ihr feiert, steht sie wie ein Fels in der Brandung. Es ist nicht klar, ob sie auf eine Bestellung oder eine traurige Lebensgeschichte wartet. Mit einem direkten Blick fixiert sie den Betrachter und bringt ihm damit eine Aufmerksamkeit entgegen, die der im Hintergrund angedeuteten Menschenmenge völlig abgeht. Eine anzügliche Note erhält das Bild durch das tief ausgeschnittene Dekolleté der Frau. Vielleicht gehört auch sie zu den leichten Mädchen. Wer weiß … Sicher ist: Jeden Tag reizen neue alte Verlockungen und menschliche Tragödien die Besucher, sich in der Bar und an ihrem Tresen zu versammeln und zu konsumieren.

Eisentraut hat dem »Linda Nochlin und Manets Bar in den Folies-Bergère« (2006) von Kathleen Gilje gegenübergestellt, was nicht die glücklichste Wahl war. Als zentrale Figur in der Arbeit der amerikanischen Künstlerin steht die Kunsthistorikerin Nochlin hinter dem Tresen. – Witzig, dass die Analystin sprichwörtlich mit ihrem Forschungsgegenstand verschmolzen ist. Dennoch findet mit der Figur der Kunsthistorikerin auch eine Verschiebung in der Bildbedeutung statt. Nochlin darf sich den Traum eines jeden Historikers erfüllen und Mäuschen in einer Bar der Belle Epoque spielen. Welche Geschichten sie wohl zu hören bekommt? Vielleicht beschwert sich jemand über diese Hirngespinste und holt die Frau aus ihrem nostalgischen Kostüm in die Realität zurück. Sich zu wünschen, einmal für einen kurzen Moment in der Vergangenheit leben zu können, ist einfach verlorene Liebesmüh. Apropos: Die Verheißung des offenherzigen Brustausschnitts gibt es auch in Giljes Version des Manet-Klassikers. Hier wohl aber weniger als Offerte zu verstehen denn als Hinweis. Immerhin sind Kuratoren heutzutage begehrte Leute, die IT-Girls (und Boys) der Kunst sozusagen. Ihnen obliegt es, eine breite Masse für die von ihnen erwählte Kunst zu begeistern. Nicht immer ein einfacher Job. Denn nur zu oft erschließt sich ein Werk dem Betrachter nicht sofort. Es wäre allerdings traurig, wenn Gilje mit der Kunsthistorikerin im Bild andeuten will, dass Kuratoren und Kunsthistoriker die einzigen Menschen sind, die sich für die verborgenen Geschichten auf der Leinwand interessieren.

Und noch etwas fällt auf: Giljes Arbeit wird keineswegs einer intensiven Analyse unterzogen. Es gibt auch keinen Bildervergleich, der diesen Namen verdient. Gilje bleibt kein Einzelfall. Eine Reihe anderer Beispiele dient ebenso lediglich dem Namedropping. In summa macht es die Lektüre etwas schwerfällig.

Über die sexuelle Konnotation von Oppenheims Tasse im Pelz – die wohl überraschendste Adaption des Manet-Klassikers – und einen Comicstrip, der die Frühstücksrunde zur Formulierung einer politischen Botschaft in Sachen Regimekritik nutzt, widmet sich Eisentraut anschließend dem eigentlichen Ur-Skandal an Manets »Frühstück im Grünen«. Denn schon der Schriftsteller Emile Zola bemerkte: »Mein Gott, wie unanständig! Eine völlig unverschleierte Frau zwischen zwei bekleideten Männern! … im Louvre hängen mehr als fünfzig Bilder mit Bekleideten und nackten Figuren.«

»Warum also die Aufregung«, als Manet das Bild 1863 im Salon einreichte, fragt der Autor daher berechtigterweise. Die Antwort lautet: Wegen seiner Rückgriffe auf Giorgione und Tizian, deren klassisch-akademische Schöpfungen er dekonstruierte sowie seines Sampelns von Werken der italienischen Renaissance (u.a. Raffael). Was die Zeitgenossen also am Frühstück schockierte, war, dass er damit große Vorbilder karikierte. Für die Juroren des Salons muss es ein Schlag ins Gesicht gewesen sein, die eigenen Idole derart mit Füßen getreten zu sehen.

Einen weiteren Skandal löste kaum zwei Jahre später die »Olympia« aus, für die er ebenfalls Vorlagen von Tizian (Venus von Urbino, 1538) und Giorgione (Schlummernde Venus, 1508) nutzte. Als Spiel zwischen bloßer Schaulust und purem Voyeurismus rekuriert das Bild auf einer Blickbeziehung, deren Pointe daraus besteht, beide Seiten – Betrachter wie dargestellte Frau – gleichzeitig als Subjekt und Objekt des Blicks zu inszenieren. Adaptiert wurde die Idee 1996 von der Polin Katarzyna Kozyra, die sich nach mehreren Chemotherapien als Olympia zeigte, um dem Medienvoyeurismus an Krebskranken zu kritisieren.

Fazit: Die Dissertation veranschaulicht nicht nur die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte der drei im Titel genannten Werke, sondern macht durch viele Bildbeispiele ebenso deutlich, welchen Fundus diese für moderne und zeitgenössische Schöpfungen bildeten und bilden. Es gelingt dem Autor aufzuzeigen, wie Manets Distanzierung von der bonne peinture zum Anknüpfungspunkt für heutige Künstler wurde und wie gewisse Momente des Unfassbaren in seinen Werken Spielräume für Neuinterpretationen lassen. Leider sind viele Bildbeispiele lediglich Aufzählungen ohne tiefer gehende Analyse. Hier hätte man durchaus streichen können, um dem Ganzen mehr Stringenz zu verleihen. Alles in allem gesehen ist es ein interessantes Überblickswerk.