Ausstellungsbesprechungen

Dieter Krieg - 37°, Museum für aktuelle Kunst - Sammlung Hurrle Durbach, Durbach, bis 10. Juni 2012

Dieter Krieg (1937-2005) gehört zu den stärksten und zugleich eigenwilligsten Malern seiner Generation. Seine Bilder sind Zeugnisse einer selbstreflexiven Befragung, der sowohl der Status des Künstlers, als auch der der Malerei immer wieder unterzogen werden. Günter Baumann hat sich dem Maler gewidmet.

Ist ein Maler, der derart aus dem vollen Leben greift wie Dieter Krieg, ein glücklicher Mensch? Die Frage ist nicht ganz abwegig, hat jüngst doch eine Studie ergeben, dass Künstler tendenziell glücklicher seien als andere Berufsgruppen. Doch Krieg beizukommen, ist nicht so einfach. Dralle Blüten, pralle Früchte, volle Salatköpfe – allesamt in farbstrotzender Sattheit auf die Leinwand drapiert – deuten auf ein kreatives Energiebündel hin, dem nichts Menschliches fremd ist und durchaus auf der Sonnenseite des Lebens steht.

Keine Schattenseite ist auszumachen, doch im selben Licht erstrahlen die Zeichen des Verletztseins und Verletzens, des Maroden und des Todes. Ein Stacheldraht zieht sich übers Bild, oder Schriftzüge erweisen sich als Menetekel. Wo man hinsieht, kann man plötzlich Chiffren des Untergangs erkennen. »Groddeck« etwa, das Bild mit dem geheimnisvollen Namen auf einem schräg ins Format ragenden Buch, könnte auf einen Tiefenpsychologen hinweisen, der mit Sigmund Freud korrespondierte, zugleich erinnert das Wort an ein Kriegsgedicht von Georg Trakl: »Grodek«, das in einer expressionistischen Bildflut eine vernichtende Schlacht evoziert. Es ist erwiesen, dass Dieter Krieg immer wieder Literatur miteinbezog, mit mehr oder weniger deutlichen Bezügen. Zweifellos scheint das Pathos die Gegensätze von Leben und Scheitern zu verschmelzen, aber auch hierin versagt der Maler dem Betrachter die Sicherheit des Sehens: Dieter Krieg ist ein Vertreter der gegenständlichen Kunst, aber zum einen stürzt der grobe Pinselduktus die Dinge ins Abstrakte hinein, zum anderen verfließt der Sinn in dramatischer Banalität.

»37°«, eine Bildserie, die mit der Ziffer spielt – Krieg arbeitete stets mit Serien – versucht den gemeinsamen Nenner zu umkreisen, der all die Zustände, Befindlichkeiten, Widersprüche zusammenbringt: die erhöhte Temperatur des menschlichen Körpers. Dieter Krieg malt nicht mehr und nicht weniger das menschliche Sein, so tragisch, ehaben und banal es nun mal sein kann. Als Lichtmelancholiker war ihm im Leben immerhin farbig zumute, doch unterm Strich sieht es düster aus.

1937 geboren, wurde Krieg neben Antes, Baschang und Ströhrer zu einem Protagonisten der Neuen Figuration. Eine ganze Generation jüngerer Künstlerinnen und Künstler ging durch seine Klasse – er muss ein begnadeter Lehrer gewesen sein. Als der Tod seiner Frau 2004 die Lakonik des Themas in seiner Kunst einholte, brach für Krieg eine Welt zusammen. Man kann nur darüber spekulieren, ob Depressionen das weitere Werk blockiert haben, auch sein Tod im Jahr 2005 gab Rätsel auf – gerüchteweise setzte er seinem Leben selbst ein Ende. Die Ausstellung im Museum für Aktuelle Kunst der Sammlung Hurrle in Durbach, die rund 80 Arbeiten versammelt, ist eine Hommage an Dieter Krieg, einen der kühnsten Dokumentare des stillen Lebens: Er wäre im Mai 75 Jahre alt geworden. Über die vier Jahrzehnte seines Schaffens entwickelte er einen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil zwischen Morbidität und Magie, Tiefgang und Trivialität. Und sieben Jahre nach seinem Tod hat sein Werk eine Nähe zur diesseitigen Welt, als sei er noch immer am Schaffen.