Ausstellungsbesprechungen

Dieter Nuhr: »Nuhr unterwegs«

Die Robert Morat Galerie präsentiert bis zum 8. April 2008 in der Ausstellung »Nuhr unterwegs« die fotografischen Arbeiten Dieter Nuhrs, einem der erfolgreichsten Kabarettisten Deutschlands.

Humor auf der Bühne, das ist allerdings nur eine Seite des Künstlers. Denn jetzt entdeckt er die Welt auf einfühlsame Weise durch die Linse seiner Kamera. »Nebenher mache ich humorlose Bilder«, berichtet Nuhr, der alle Kontinente bereiste und beeindruckende Fotografien aus China und Chile, aus Birma – und Bayern – mitgebracht hat.

»Ich fotografiere gerne, schon weil ich eine ganz andere Erinnerung habe an Orte, die ich abgelichtet habe. Man guckt auch ganz anders hin. Viel intensiver. Das ist bei Menschen natürlich häufig unerfreulich. Deshalb fotografiere ich hauptsächlich Landschaften. « Dennoch versteht Dieter Nuhr seine fotografischen Arbeiten nicht als Dokumentation seiner Reisen, sondern er versucht während dem Prozess des Fotografierens »eine Ordnung in den Dingen zu erkennen und abzubilden. « Und so nimmt es nicht wunder, wenn bei der Betrachtung der Arbeiten Assoziationen zu den großen Landschaftsfotografen entstehen, etwa zu Ansel Adams. Auch er erkannte in der Natur das mannigfaltige Angebot an kompositorischen Ordnungen und fragte stets – wie Dieter Nuhr – nach der Beziehung des Menschen zur Natur, ohne ihn unbedingt zum Gegenstand seiner Fotografien machen zu müssen.

Wenn wir heute einer ständigen medialen Reizüberflutung ausgesetzt sind, die nicht selten von grellen, leuchtenden Farben geprägt ist, dann gelangen wir bei Dieter Nuhrs fotografischen Arbeiten zu einem Quell der meditativen Ruhe. Denn für ihn war es wichtig, »den Farbklang zu reduzieren, die Linien aufeinander zu beziehen, die Flächen gegeneinander zustellen«, so dass im besten Falle ein Bild entsteht, ein kleiner Ausschnitt realer Welt eingefangen wird.

Den Fotografien sind dann die Spuren der Welt einverleibt. »Selbst da, wo Menschen nicht zu sehen sind, zeigen die Bilder oft Überbleibsel menschlichen Handelns«, so Dieter Nuhr in seinem zur Ausstellung erschienenen Buch. »Menschen direkt zu fotografieren«, so fährt der Künstler fort, »ist oft peinlich und künstlich. Interessanter ist meistens das, was von ihnen bleibt. Am Ende fragt man sich: Wer ist das, der hier wohnt? Und das ist eine gute Frage. Bilder zeugen immer von Hinterlassenem. Wo nur Berge zu sehen sind oder Horizontlinien, sind es die Hinterlassenschaften der Erdgeschichte, die zu erkennen sind.«

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Insofern sind die Fotos immer Bilder von Übriggebliebenem, wie jenen bizarren Eis- und Felsformationen, der Steppe, durch die hindurch sich grüne, florale Partien mäanderartig schlängeln oder den wilden Gebirgszügen, durch die hinweg sich reißende Bäche ihren Weg gebahnt haben. Dieter Nuhr erfasst seine Fotoarbeiten in metaphorischer, aber nicht minder pointierter Sprache, wenn er sagt, dass sie „die Melancholie eines nicht abgeräumten Frühstückstisches oder eines ungemachten Bettes in sich [tragen]. Sie halten fest, was doch noch in Bewegung ist, und lassen die Welt erstarren. Das ist es, was Fotografien [für den Betrachter] so faszinierend macht, dass sie festhalten, was eigentlich schon wieder im Begriff ist, zu verschwinden. Natürlich verschwinden auch die Bilder wieder, aber für einen Moment hat alles stillgestanden. Das ist schön.“

Bei der Fotografie aus Chile steht der Betrachter zerklüfteten, kristallin anmutenden Eis- und Steinformationen gegenüber, die sich bis zum oberen Bildrand erstrecken und nur ein schmales Band des hellen Horizonts erkennen lassen. Ganz auf die natürliche Formenvielfalt konzentriert, ist Dieter Nuhr eine Aufnahme gelungen, die in ihrer Tiefenschärfe die Textur der Steine und des Eises en detail präsentiert. Die tote Materie beginnt zu leben, sobald wir mit unseren Augen die Einkerbungen, Risse, Aushöhlungen und tiefen Spalten wahrnehmen. Es sind Spuren, die durch kraftvolle Bewegungen hervorgebracht wurden und die der Fotograf in diesem einen Bild eingeschmolzen hat. Wie mit einem feinen Bleistift gezeichnet, setzen sich die dunklen Konturen der Eiskanten im Vorder- und Mittelgrund von der sich dahinter erstreckenden weißen Fläche ab. Aufgefächert und hintereinander gestaffelt, erscheinen die Formen bisweilen komponiert – allerdings von der Natur. Nuhr hat sich diesen kunstvollen Ausdruck der Natur zu nutzen gemacht und mit dem Gespür für die richtige Perspektive und das passende Licht eine ungemein anziehende Arbeit entwickelt.

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Mit den konzentrierten Landschaftsaufnahmen Dieter Nuhrs gewährt die Robert Morat Galerie dem Ausstellungsbesucher auf ästhetisch hohem Niveau Einblick in die verschiedensten Naturräume der Welt. Nuhr, der sich in sämtlichen Klimazonen der Erde bewegte, hat Fotografien hervorgebracht, die nicht nur durch die sicherlich atemberaubenden Motive, sondern vor allem durch den ganz eigenen, wirkungsvollen Blickwinkel auf die Hinterlassenschaften unserer Erde überzeugen und den Betrachter in den Bann ziehen. Fazit: Hervorragend konzipierte und absolut sehenswerte Ausstellung, die Lust auf mehr macht!

 

Weitere Informationen

 

Öffnungszeiten
Dienstag bis Freitag 11-18 Uhr
Samstag 11-16 Uhr und n. V.

Eintritt
Frei