Ausstellungsbesprechungen

dOCUMENTA (13) – Eine akademische Weltschau der Verweigerer

Schlechter hätte sich die diesjährige Leiterin der Documenta nicht präsentieren können: Statt den Journalisten Lust auf einen Rundgang zu machen, hielt Carolyn Christov-Bakargiev ihnen auf der Pressekonferenz eine Vorlesung zu ihrem Konzept. Ein Kommentar von Jeannot Simmen.

Kassel ist vergleichbar einer selten blütetreibenden Sukkulenten-Pflanze. Alle fünf Jahre blüht die Stadt 100 Tage lang. Abgelegen im einstigen Zonenrandgebiet von Nordhessen, verwandelt sich die frühere Residenzstadt mit ihren klassizistischen Bauten und großen Park-Anlagen zur Welt-Kunststadt, global beachtet, angestaunt und angesteuert. Der Kasseler glotzt über all die Fremden.

2012 ist wieder Blütezeit, Kassel will strahlen trotz struktureller Arbeitslosigkeit, runtergekommenen Einkaufsmeilen und verarmter Bevölkerung. Dieses Jahr unter der Leitung von Carolyn Christov-Bakargiev, die für große Irritationen sorgte und als äußerst stachelig wahrgenommen wurde. Das begann bereits bei der Ouvertüre der Pressekonferenz mit Zurechtweisungen und Hinhaltungen.

Die diesjährigen KunstBlüten der Documenta erscheinen als Verweigerung, widerborstig aus dem Geist akademischer Stachelblüter gebosselt.

Präsentiert werden keine großformatigen Werke, die durch ihre physische Präsenz den Betrachter körperlich irritieren und mental herausfordern. Meist kleine und mittlere Formate, eher Galerieware, die das Auge durchaus erfreuen. Groß und mit Größe: Thomas Bayrle als Ausnahme (Abb.). Steckt dahinter der Blick intellektueller, akademischer Schulung, die mit Abbildungen hantiert und über Bilder argumentiert? Wurde zuwenig in die Ateliers gegangen und die Präsenz der Werke und deren Herausforderungen gesucht?

Fazit: Die meisten Werke sind nicht intuitiv, nicht auf den ‚ersten Blick’ erschließbar. Lange Erklärungen auf den Schildern versuchen Auskunft zu geben, erschöpfen sich jedoch allzu oft in banal-historischen, Fingerzeig-moralischen Argumenten.

Der Anschluss an bisherige Positionen oder den internationalen Kontext wird verweigert. Die Rückbezüge liegen bescheiden in der Klassischen Moderne: Man Rays Metronome oder Julio Gonzalez Plastiken, Giorgio Morandis Stillleben – das ist nicht neu, aber oft gemacht.

Die Einbindung von Naturwissenschaftlern ein dünner Geistesblitz. Anton Zeilinger ließ sich mit viel Mühe überreden im Fridericianum seine Apparaturen der Teleportation aufzustellen, er schafft wunderbare Vorstufen von Beam-me-up-Scotty durch verschränkte Photonen und Quanten-Übermittlung. Erinnert wird in der Orangerie an den deutschen Computer-Pionier Konrad Zuse. – Diese historischen Bezüge überraschen keineswegs, sind bekannt. Gewitzt einzig, dass beide die sichtbare Welt auflösen zum physikalischen Zustand oder Digicode – also ins Feld der nicht-visuellen Wissenschaften verweisen, weitab vom „Iconic Turn“. Fern der präsentierten Verweigerer- und Gutmensch-Positionen, fern der ästhetischen Lebens-Auseinandersetzung.

Statt zur Auswahl der Künstler gab die Chef-Kuratorin in der großen Pressekonferenz vor hunderten von Kunst-Berichterstattern eine „Lecture“. In einem vom Blatt abgelesenen (!) Vortrag wurde eine akademische Nebelwerferei veranstaltet. Kein Konzept sichtbar, doch wohlfeil dem Skeptizismus das Wort geredet. Statt einer Idee wurde alles aufgezählt, was politisch erregt, von den Kriegen in Afghanistan bis zu den digitalen Veränderungen, von der Unmöglichkeit einer Choreografie und dem Ausweichen in unharmonisches Displacing, wo billig, billig ist, ein „no content“ vorherrsche. Gestreift wurde vieles, von den antiken Skeptikern bis Theodor Adornos ästhetische Autonomie. Insgesamt eine selbst für Studierende selbstgefällige, nicht selbstreflexive, Lecture ohne Pepp.

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Carolyn Christov-Bakargiev Konzept bestehe darin, kein Konzept zu haben, das ist so ehrlich dahingesagt auch ein Armutszeugnis für vier Jahre hochbezahlte Recherche-Arbeit. Liegt das daran, dass der Versuch als Uni-Akademikerin die Kunstwelt zu verstehen scheitern muss, Wort und Bild trennen Welten! Harald Szeemann, künstlerischer Leiter der documenta 5, verstand sich stets als Ausstellungsmacher (nicht als Kurator), als einer der mit den Künstlern zusammen arbeitet, um die Vielfalt visueller Forschungen zu präsentieren.

Diese Anstrengung wird von der diesjährigen künstlerischen Leiterin nicht gewagt. Das Scheitern zeigt sich in der Notlösung, die kleingeistigen und unkünstlerischen Verweigerer auszustellen: Die Präsentation von Occupy-Zelten im Park (Abb.) mit dem Charme von Pfadfinder-Romantik in Schrebergarten-Verzwergung. Nichts Neues, das kennen wir von der Berlin Biennale, eine nette, kunstferne Adaption an Zeitgeist und die Gutmenschen.

Schulmeisterlich zurechtweisend wurden auch die Fragen während der Pressekonferenz beantwortet. Ein Journalist wurde von Christov-Bakargiev verächtlich gemacht als er seine Frage vom Handy ablas (immerhin in einer ihm fremden Sprache). Doch dass die Kritikerin selbst eine Lecture vom Blatt als Sprechmaschine wiedergegeben hat, blieb von ihr unbemerkt!

Vor dem Beginn der Pressekonferenz gab die Künstlerin Ceal Floyer eine besondere Performance, die vielleicht symptomatisch und antizipatorisch auf die Probleme dieser Documenta verweist. Etwas kunstfern kaute die Künstlerin ihre Fingernägel ab - begleitet von einem die Knabber-Geräusche verstärkenden Mikrophon vor der versammelten Weltpresse.

Für die Bildende Kunst nicht als Erweiterung einsehbar, doch medizinisch interessant. Diagnostiziert als Perionychophagie, gilt Nägel-Abbeisen als selbst-beruhigendes aber auch autoaggressives, selbst-verletzendes Verhalten, das durch Stress oder psychische Probleme ausgelöst wird. Bei Hunden verweist das auf chronische Angststörungen, bei Schafen wird die Onychophagie als Form des Kannibalismus beschrieben, Schafe beißen anderen Schafen Klauen, Ohren, Schwänze (Caudophagie) ab. Das ist eine harte aktuelle Zustandsbeschreibung – wenn so tief- und tiersinnig gemeint.

Die verweigerte Harmonie und der universitäre Kuratorenblick führen dazu, dass in dieser Documenta zwischen den Künstlern keine Interaktionen sichtbar werden. Die Werke kommunizieren nicht und ergeben für den Betrachter was Drittes und Neues. Was der Ausstellung fehlt, das ist die souveräne Grandezza (der Mief der Studierstube schlägt durch). Selbstredend finden sich darunter viele interessante Kunst-Blüten, doch diese ergeben keine überzeugende Ausstellung, kein blühendes Blumenbouquet.

Die Kunstwerke verharren nebeneinander wie die Text-Komposition einer Dissertation. Das ist fatal für eine Weltkunst-Ausstellung. Der akademisch-verkopfte Zugriff auf Kunst scheitert. Die Verharrung im Membra-disiecta-Pathos hilft nicht weiter. Ehrlicher und raffinierter ist der Ansatz von Bazon Brock, der an den „Unlösbaren Problemen“ weiter arbeitet.

Diese Documenta ist zaghaft und nett, rhetorisch überfrachtet und akademisch-blind. Marlboromässig ausgedrückt ein Maybe: „Don’t be a maybe“ lautet die Kampagne!

Verweigerung gerne quer und stachelig – sinnvoller wäre aber die Kombination von Snob, Appeal und Zauberhaft (nicht von disparaten Werken, verständlich durch banale Hintergründe in formaler Bescheidenheit).

„dOCUMENTA (13)“, so der offizielle Schriftzug, beginnt klein geschrieben, bläst sich auf mit Großbuchstaben und setzt verschämt die Ordnungszahl in Klammern!

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