Buchrezensionen

Dominik Landwehr (Hg.): Hacking, Christoph Merian Verlag 2014

Ein Hack ist eigentlich eine gewitzte Lösung für ein Computer-Problem. Hacken steht aber ebenso für das kreative Aufbrechen einer Technologie und den damit verbundenen Systemen. Ein Hacker will mehr als nur vorgegebene Regeln befolgen, er will die Systeme selber verändern. Das macht ihn geradezu anfällig für die Figur des träumerischen Idealisten. Wie viel Utopie tatsächlich hinter dem Hacking steckt und warum Medienkünstler so interessiert daran sind, weiß Rowena Fuß.

Auf knapp 133 Seiten (und noch mal so vielen in Englisch) stellt der zweite Band aus der Edition Digital Culture von Migros-Kulturproduzent, einer Einrichtung des gleichnamigen Schweizer Unternehmens, verschiedene Künstler und –gruppen vor, die sich dem Hacking verschrieben haben.

Die Geschichte des Hackens verbindet sich mit der Technikgeschichte seit den 70ern, insbesondere des Personal Computers. Primär geht es beim Hacken jedoch darum, alles über ein System – das kann auch das Telefonnetz sein – zu wissen, bevor man Eingriffe, die gemeinhin als »Hacks« bekannt sind, vornimmt. Der Hacker oszilliert dadurch zwischen einer subversiven und stabilisierenden Position. Denn natürlich wird der Entdecker von (Sicherheits-)Lücken zum Helfer des Systems, das er herausforderte – wenn er diese offen legt.

Im Anschluss an diese kleine allgemeine Einführung beleuchtet Raffael Dörig, Leiter des Kunsthauses Langenthal, verschiedene Aspekte des Hacking-Begriffs und dessen Übertragung in den Bereich der Kunst, etwa am Beispiel der »cracked everyday electronics«. Bei dieser Form des Hacks werden Dinge aus dem Alltagskontext herausgelöst und neuen Anwendungen zugeführt. So geschehen 2007 bei der Aktion »Opera Calling« der Zürcher !Mediengruppe Bitnik, wo Handys zu Wanzen wurden. Diese übertrugen nun verschiedene Opernaufführungen an zufällig ausgewählte Zürcher, die diesen am Telefon lauschen konnten.

Aber ist das Kunst? Versteht sich ein Hacker selbst als Künstler? Oder lieber als Aufklärer, Entdecker, Aggressor? Gerade die zweite Frage wird von keinem der Vorgestellten selbst beantwortet. Theoretisch aber bei Felix Stalder, Professor für Digitale Kultur an der Zürcher Hochschule der Künste. Für ihn sind Künstler und Hacker zwei Seiten einer Medaille. Ein Künstler, so Stalder, ist »die radikalste Form der Freiheit des bürgerlichen Individuums«. Ein Hacker strebt nach dieser Freiheit, da er selbst in Unfreiheit lebt: in einem System, das von sich behauptet, alle Handlungsoptionen bereits definiert zu haben. Synopse: Im Prozess des Hacks wird der Hacker zum Künstler.

Vieles von dem, was man bis dato gelesen hat, ist seltsam unkritisch. So stellen die Interviews mit Bitnik und dem Hackerduo Ubermorgen lediglich einzelne Projekte vor. Hinterfragt wird nichts davon. Dabei gab es bei »Opera Calling« Drohungen wegen Urheber- und Übertragungsrechtsverletzungen. (Ironischerweise konnte man denen aber mit dem Verweis auf die Kunstfreiheit entkommen). Eine Sache, die die Aktion dennoch gezeigt hat, ist: Der Kulturapparat ist sensibel. Obwohl nur einige Zürcher in den Genuss einer kostenlosen (wenn auch qualitativ minderwertigen) Opernsession gekommen sind, dürfte das den Intendanten nicht glücklich gemacht haben. Was nützen Zuhörer, die nichts zahlen? Rechnungen kann man davon nicht begleichen.

Hacker, die kreative Lösungen für Probleme der Zeit präsentieren? Die Schilderung eines Hackdays von Unternehmer, Aktivist und Autor Hannes Gassert liest sich denn auch wie ein utopisches Manifest. Auf solcherlei Treffen von Hackern geht es nicht darum in Rechner einzudringen, sondern um politische und gesellschaftliche Zusammenhänge. Aktuelles Thema ist die Logik des Schweizer Transportnetzes, d.h. des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs. Gearbeitet wird gemeinsam mit Designern, Politikern und Delegierten der Schweizer Bundesbahnen an einer Website, die Pendlerströme visualisiert, einer App für spontane gemeinsame Bahnreisen und einer Schreibtischlampe, die die Farbe wechselt, wenn es Zeit wird, zur Haltestelle zu gehen. So richtig anrüchig ist daran nur, dass die verwendeten Daten aus einem nicht allgemein zugänglichen Datenstrom der Schweizer Bundesbahnen abgezweigt wurden. Dies wird allerdings gebilligt, da kein Schaden entsteht. Man möchte eine »Kultur von Transparenz und Partizipation«, liest sich wenige Seiten weiter über die Fortsetzung dieses Civic Hackings auf der »Open Knowledge Conference«. Gassert schreibt, dass öffentlich gestellte Handelsregisterdaten undurchdringliche Firmengeflechte transparent machen, Daten zur öffentlichen Beschaffung so manchen Vergabeskandal verhindern könnten. Aber befeuert diese Öffentlichmachung nicht bloß eine stärkere Kontrolle? Und wer kontrolliert bitte wen? Dieses Schema führt letztlich zu genau der Form von Unfreiheit, der die Hacker entgegen wirken wollten.

Was nimmt man aus dem handlichen gelben Büchlein mit? In jedem Fall genug Ansatzpunkte für Diskussionen, etwa um das Thema Daten als Machtfaktoren und Freiheit/Unfreiheit. Ein weiterer Streitpunkt ist die allgemeine und nur oberflächliche Begriffsbestimmung des Hackers als Künstler. Natürlich ist dieser Virtuose seines Fachgebiets, aber was genau hat das mit Kunst zu tun? Dient diese Kennzeichnung nicht lediglich als Kniff, um eine Nobilitierung des »Berufsstandes« zu erreichen bzw. einen Immunitätsanspruch, wenn es um Straftaten geht?