Ausstellungsbesprechungen

Dominikus und Gottfried Böhm. Ulm und Neu-Ulm feiern Dominikus und Gottfried Böhm

»Neu-Ulm hat mich berühmt gemacht«, so lautete der unbescheidene Rückblick Dominikus Böhms (1880–1955), der nicht nur ein Lob auf die Stadt enthielt, die sich auf der bayerischen Donauseite ein modernes Pendant zum Münster wünschte, sondern auch das Bewusstsein, selbst berühmt zu sein. Immerhin hatte Böhm mit seinen architektonischen Umsetzungen wesentlichen Anteil an der liturgischen Erneuerung der Kirche (die mit der Zusammenführung von Gemeinde und Altarraum einher ging).

Und mit St. Johann gelang tatsächlich der Durchbruch – für den Architekten, aber auch im Hinblick auf die Verbreitung einer expressionistischen Baukunst. Bereits 1915–18 entwarf Böhm die ersten Pläne für die Kirche, die jedoch nie umgesetzt wurden; erst der Beschluss zur Erweiterung der bestehenden Kirche von 1857 führte 1922 zu deren Umbau, der nach finanziellen Engpässen 1927 – mit etlichen konzeptionellen Änderungen – als eine der ersten Eisenbeton-Kirchen in Deutschland geweiht wurde. Da der Krieg nicht spurlos an Ulm vorbei ging, musste St. Johann 1945–51 saniert werden; auch hierfür konnte Böhm gewonnen werden.

Dem Architekten und seinem Ulmer Hauptwerk (bereits 1918 baute Böhm in der Stadt die Kirche St. Elisabeth) widmet das Edwin Scharff Museum eine Ausstellung, die dadurch in ihrer Wirkung noch gesteigert wird, dass die Kirche nur einen Steinwurf vom Museum entfernt liegt. Rund 90 Exponate dokumentieren die komplexe Baugeschichte mit Ideenskizzen, Entwurfszeichnungen, Aquarellen sowie Fotografien von Hugo Schmölz. Weniger bekannt ist, dass der grandiose Johan Thorn Prikker bei der Gestaltung der Glasfenster mitgearbeitet hat – gleichwohl stammten viele der Fenster wie der Großteil der Innenausstattung von Böhm selber. Einzelne Ausstattungsstücke schufen Hans Wissel (Bronzekruzifix), Fritz Müller (der steinerne Markuslöwe auf dem Vorplatz) sowie Josef Michael Lock (Ziborium). Als gebaute Religion empfand der wichtigste Reformer des katholischen Kirchenbaus seine Werke: »Ich baue, was ich glaube« (wofür Böhm auch 1954 von Papst Pius XII zum Komtur des Silvester-Ordens ernannt wurde). In der Tat spürt der Besucher unter den Gewölben und im Halbdunkel des Chores unmittelbar die andachtsvolle Stille, und die Rauminszenierung vermittelt eine weihevolle Feierstimmung, die im Sakralbau seit dem 18. Jahrhundert verloren gegangen schien.

 

1952 trat Gottfried Böhm (geb. 1920) in das väterliche Büro in Köln ein, das er nach 1955 übernahm. Parallel zur Ausstellung über St. Johann zeigt das Ulmer Museum eine Schau anlässlich der Eröffnung seiner Stadtbibliothek am 19. April. Anfangs noch ganz unter dem Einfluss des Vaters – der bis zu dem frühen Meisterwerk, der Wallfahrtskirche Velbert-Neviges, zu spüren ist –, fand der Filius und Pritzker-Preisträger zu einer rationalistischen Formensprache und wurde zu einem der führenden Architekten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Ruf resultiert aus seinem einfühlsamen Umgang mit historischer Bausubstanz. Vorläufige Krönung ist, nach dem Mitteltrakt im Saarbrücker Schloss (1987), dieses pyramidal in die Höhe ragende Büchereigebäude im Herzen Ulms.

 

 

Kühn reflektiert die Glas-Ummantelung die Sonne und strahlt so mit spielerischer Eleganz auf die (vom Krieg übriggelassene) spätmittelalterliche Stadtkulisse. Wie schon beim spektakulären Stadthaus von Richard Meier vor dem Münster, entbrannte eine heftige Diskussion über das 35 Meter hohe Gebäude (bei 60 x 40 Metern Grundfläche), das sich tatsächlich alles andere als zurücknimmt. Um so mehr ist der Mut der Stadt zu bewundern, die mit der Bibliothek einen weiteren Akzent ihres Selbstbewusstseins setzen konnte. Die Kritik derjenigen, die hier eine deplatzierte Reminiszenz an ägyptische Pyramiden oder die legendäre Bibliothek von Alexandria vermuten, geht ohnehin ins Leere – nimmt Böhm doch sehr viel bewusster die Giebel der umliegenden Bauten wahr, ganz zu schweigen von der offensichtlichen Annäherung an die auskragenden Stockwerke im Fachwerkbau. Von nahezu barockem Pathos ist die Treppenspindel im Inneren der Pyramide getragen, die zu einem Lesecafé in der Spitze des Bauwerks führt – mit einem Rundblick über die Stadt.

 

Von ein paar Modellen abgesehen, ist die Ausstellung im benachbarten Museum recht winzig ausgefallen; als Ergänzung zum Bau selber ist sie jedoch nett anzuschauen – zumal deutlich wird, dass die Böhm-Dynastie auch in der dritten Generation am aktuellen Baugeschehen teilnimmt (man sollte aber auch nicht vergessen, das hinreißende Museum drumherum zu besichtigen: bis 31. Mai wird die Ausstellung »Schönheit und Revolte – Picasso, Macke, Klee« gezeigt). Leider ist zur Bibliothek Gottfried Böhms kein Katalog erschienen.

Weitere Informationen

Prachtvoll und eigenartig – Dominikus Böhms Kirche St. Johann Baptist in Neu-Ulm

Gottfried Böhm – Die gläserne Bibliothek

 

Edwin Scharff Museum am Petrusplatz, Neu-Ulm, 6. März – 25. April 2004

Ulmer Museum, 6. März – 16. Mai 2004

 

 

Eintritt

 

Ulmer Museum:

3,- €, ermäßigt 2,- €

 

Edwin Scharff Museum:

2,50 €, ermäßigt 1,75 €

 

 

Öffnungszeiten

 

Ulmer Museum:

Dienstag–Sonntag 11–17 Uhr

Donnerstag 11–20 Uhr

 

Edwin Scharff Museum:

Dienstag–Samstag 13–17 Uhr

Donnerstag 13–19 Uhr

Sonntag 10–18 Uhr