Buchrezensionen, Rezensionen

Doris u. Karin Harrasser/ Stephanie Kiessling u.a. (Hg.): Wissen Spielen. Untersuchungen zur Wissensaneignung von Kindern im Museum, transcript Verlag 2011

»Die Lehrerin, eine sehr gut gekleidete Frau um die 45, mit leicht grauem Haar und braungebranntem Gesicht, kommt zum Tisch, der immer noch ohne Betreuung ist. Sie fragt die Kinder, die offensichtlich aus ihrer Klasse sind, ob sie denn wissen, wie das geht? Die Kinder antworten vage, sie bemalen hier Kreisel…« Der Schauplatz, ein Wiener Kindermuseum; auf dem Prüfstand stehen die Formen von kindgerechter Wissensaneignung im Museum. Ulrike Schuster hat diese ausführliche Untersuchung mit großem Gewinn gelesen.

Die vorliegende Studie »Wissen Spielen« wurde von einem Team aus sechs Soziologinnen, Pädagoginnen und Kulturwissenschaftlerinnen verfasst, die über den Zeitraum von etwa einem Jahr hinweg Kinder auf ihren Wegen durch mehrere Museen begleiteten: teils in Form von teilnehmenden Beobachtungen, teils in direktem Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern. Zwei Gastbeiträge von Sharon Macdonald, Professorin für Sozialanthropologie an der Universität Manchester und Andrew Barry, Dozent an der School of Geography and the Environment an der Universität Oxford, runden die Darstellung ab.

Das Thema des Buches stellt zweifelsohne ein Desideratum dar. Im Zentrum der kritischen Beobachtungen stehen Exponate und Installationen aus dem Bereich der interaktiven Wissensvermittlung. Interaktive Projekte erfreuen sich einer kontinuierlich wachsenden Beliebtheit bei Kindern, Eltern und Lehrkräften. Sie versprechen den leichten, spielerischen Zugang zu wissenschaftlichen Inhalten und ein Begreifen-Lernen ohne trockenes Pauken. Nur selten und äußerst ungern wird in diesem Zusammenhang thematisiert, dass auch dem Mittel der Interaktion Grenzen gesetzt sind.

Da ist zum einen die latente Gefahr, dass der Unterhaltungsfaktor die inhaltliche Auseinandersetzung in den Hintergrund drängt. Wenn sich die Exponate andererseits in der Bedienung als zu sperrig erweisen, ist es schnell vorbei mit der spielerischen Leichtigkeit: dann bedarf es oftmals der traditionellen Erklärungsmethoden, die man eigentlich durch die Strategie des learning by doing überwinden wollte. Zudem fehlt, wie Veronika Wöhrer kritisiert, in den meisten Fällen ein wesentliches Element der freien Forschung, nämlich die Ergebnisoffenheit. Die Wissbegierigen sind mehr oder weniger auf ein paar Handgriffe innerhalb eines bereits feststehenden Szenarios eingeschränkt.

Andrew Barry verweist in seinem Beitrag schließlich auf die Dimensionen im gesellschaftspolitischen Hintergrund: Interaktive Museen oder Ausstellungsprojekte bedürfen zumeist, auf Grund des enormen materiellen Aufwandes, potenter Fördergeber und Sponsoren. Diese sind jedoch in erster Linie an einer unproblematischen Repräsentation ohne Ecken und Kanten interessiert. Kritische Fragen und heikle Themen bleiben dabei allzu oft außen vor.

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Karin Schneider beschäftigt sich in ihrem lesenswerten Beitrag in Kapitel 5 mit den geschichtlichen Wurzeln der Wissenspopularisierung. Von den Kuriositätensammlungen, Jahrmärkten, Schaubuden und Vergnügungsparks schlägt sie den Bogen zu den Einrichtungen der Erwachsenenbildung an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Das Museum tritt in diesem Kontext von Anfang an als ambivalenter Ort in Erscheinung und bildet ein missing link zwischen Vergnügen, Lernen, Wissenschaft und Konsum. Es wird einerseits »als Sprungbrett für die Wissenschaftsvermittlung in Schulen und an den Akademien betrachtet und gleichzeitig als mindere Bildung (des Volks, der Frauen, der Kinder) abgewertet«.

Spezielle Kindermuseen haben sich erst relativ spät herausgebildet, bezeichnenderweise in jenem Ausmaß, wie freie, unkontrollierte Spielflächen zunehmend aus der Alltagswelt der Kinder verschwanden. Das Museum mit seinen Erlebnisinstallationen sollte hier sozusagen einspringen. In einem Ambiente der »kontrollierten Sinnlichkeit« wollen die heutigen Kindermuseen Anreize für individuelle Entdeckungsreisen schaffen. Daraus ergeben sich in der Praxis widersprüchliche Situationen – denn natürlich gelten auch für diese Räume bestimmte Verhaltensregeln, es kann schon allein aus organisatorischen Gründen nicht alles erlaubt sein.

So weit der kritische Ausgangspunkt der Autorinnen. Freilich ist die Lektüre des Buches keine einfache Kost. Dies beginnt mit den einleitenden Kapiteln, wo die Verfasserinnen ihre Methodik beschreiben, die sie »(Dis)playing the Museum« nennen, und wo man über monströse Satzgebilde stolpert wie: »In der Interaktion mit dem Display erzeugt sich der Besucher/die Besucherin als Besucher_in und stellt damit dar, dass hier dargestellt wird«.

Die Beobachtungen selbst, wie das eingangs zitierte Protokoll belegt, sind ausgesprochen detailliert, haben aber den Schönheitsfehler, dass man über weite Strecken hinweg einen permanent vorwurfsvollen Tonfall vermutet. Da erscheinen Szenarien als problematisiert, da werden in bester, poststrukturalistischer Manier Defizite festgeschrieben, wie: »Dieses Dilemma ist jedoch nicht nur Ausdruck seiner Einbettung in den seit den 1990er Jahren dominierenden bildungspolitischen Diskurs, dem neoliberalen Paradigma der Verwertbarkeit von Wissen und Wissen als dem zentralen gesellschaftlichen Tool der Partizipation und Ermächtigung«.  Insbesondere Fragen der Gender-Problematik sowie der Einbindung von Kindern mit Migrationshintergrund nehmen in der Darstellung großen Raum ein.

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Erst nach und nach gelingt es den Autorinnen, ihren Standpunkt deutlicher herauszuarbeiten: die in ihren Analysen festgestellten Brüche und Widersprüche sind ein Bestandteil des gesellschaftlichen Systems und sollten weder ignoriert noch vertuscht werden. Vielmehr plädieren sie für eine offene Diskussion, zumal Kinder die multiplen Brüche und Widersprüche durchaus registrieren. Man solle daher nicht versuchen, eine heile Welt vorzuspiegeln, die es ja so nicht gäbe und deren Darstellung daher zwangsläufig misslingen müsse.

Ein zweiter Vorschlag bezieht sich auf die Einbindung der Besucherinnen und Besucher als aktive Teilnehmende am Geschehen, etwa in der Form von Diskussionen mit den Kuratorinnen und Kuratoren. Der Schwerpunkt solle sich von der BesucherInnenforschung in Richtung einer Aktionsforschung bewegen. – Die genannten Postulate sind nicht unbedingt neu. Aber die Diskussion, die durch diese Publikation angestoßen wird, sollte hoffentlich ernst genommen und weitergeführt werden.