Ausstellungsbesprechungen

Douglas Gordon, Between Darkness and Light

Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt noch bis zum 12. August eine Retrospektive von Douglas Gordon (*1966). Der Schotte wurde 1993 mit seiner Videoarbeit »24 hour Psycho« schlagartig bekannt und erhielt 1996 den Turner Prize der Tate Gallery London. In seinen Foto-, Video- und Textarbeiten untersucht Gordon immer wieder Zeitphänomene und führt uns mit ironischem Unterton unsere Wahrnehmungsgewohnheiten vor.

Das Kunstmuseum — sonst als funktionaler, tageshell erleuchteter Glas-Stahl-Kubus bekannt — wurde für Douglas Gordon komplett schwarz ausgemalt und das Glasdach abgedunkelt. Die Haupthalle ist bewusst als ein visueller Schnittpunkt von sechs großen Videoinstallationen gestaltet worden, deren Leinwände zum großen Teil frei im Raum stehen. Die an den Wänden platzierten hohen Spiegel verstärken den Effekt der Interaktion der verschiedenen Installationen und bieten eine Zusammenschau teils sehr unterschiedlicher Arbeiten.

Entgegen dem früheren Leitsatz Gordons, Projektoren und Kabel als Teil einer Installationen im Raum sichtbar zu lassen, sind in Wolfsburg die Quellen der Bilder schwer auszumachen. So wird jede der durchscheinenden Leinwände zur autonomen, scheinbar von innen leuchtenden Matrix, die gleichzeitig als Lichtquelle und als architektonisches Element dient. Der Betrachter kann seinen Standpunkt frei vor oder hinter der Leinwand wählen. Besonders bei »24 hour Psycho« (1993) mit Hitchcocks »Psycho« irritiert die ungewohnte Freiheit der Position, hat man doch sonst als Kinobesucher seinen festen Platz im Sessel. Dennoch, das hierarchische Verhältnis von Leinwand und Zuschauer ist hier nicht aufgehoben, denn die Projektion bestimmt den Rhythmus: die auf zwei Bilder pro Sekunde reduzierte Frequenz dehnt die Filmikone auf 24 Stunden aus und macht es so fast unmöglich, den Film ganz zu sehen.  

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Anders als bei Bill Viola, der für seine Slow-Motion-Filme wie »The Greeting« die christliche Ikonographie plündert, steht bei Gordon die Ikone des Hollywoodklassikers im Mittelpunkt, jedoch nur als Platzhalter für unseren kollektiven Bilderschatz. Leider legt sich über die gesamte Ausstellung der allgegenwärtige, obgleich wunderschöne Soundtrack Bernhard Herrmanns zu Hitchcocks »Vertigo«, den Gordon für »Feature Film« (1999) von dem Orchester der Pariser Oper unter Leitung von James Conlon aufführen ließ. Der Klangteppich mindert die radikale Wirkung der entschleunigten Filmbilder von »24 hour Psycho«, die sich ohne Ton aus ihrem narrativen Kontext lösen und den Betrachter allein lassen mit seinem imaginären Kino.

 

»Between Darkness and Light (After William Blake)« von 1997, die titelgebende Arbeit, ist die einzige singulär präsentierte Videoinstallation im Ausstellungsrundgang. In dieser Doppelprojektion zweier formal völlig unterschiedlicher Filme (»Das Lied der Bernadette« und »Der Exorzist«) von zwei Seiten auf eine Leinwand lösen sich die Erzählungen in den durchscheinenden Projektionen auf. Einfache Gesten werden durch Überlagerungen und Kombinationen zu ausdrucksstarken Bildern. Auf der inhaltlichen Ebene treffen sie sich– beide Filme handeln von religiöser Obsession, die ein junges Mädchen befällt. Die Leinwand stellt sich so als ein Ort der Passage, des Über- und Durchgangs dar. Dabei erschafft sich die Arbeit mit jedem Bild neu: keine der Szenen wird der Betrachter zweimal sehen, da die Filme unterschiedlich lang und jeweils geloopt sind. Aus found footage (gefundenes Filmmaterial) entsteht so ein flüchtiges Original.

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Der medienreflexive Ansatz zieht sich seit Anfang der 1990er Jahre durch viele der Arbeiten Gordons. Seine unterschiedlichen Schwerpunkte sind alle in der Ausstellung vertreten: die Be- und Verarbeitung von filmischem found footage-Material, die selbstreflexive und zum Teil autoaggressive Erforschung des Körpers in Videos, Wandtextarbeiten, die um menschliche Kommunikation kreisen, sowie verschiedene Fotoarbeiten. Das Kunstmuseum Wolfsburg begann schon früh mit Ankäufen seiner Arbeiten und kann so einige der wichtigsten Werke aus der eigenen Sammlung präsentieren.

 

Das Salz in der Suppe der Ausstellung sind allerdings die kleineren, unscheinbaren Arbeiten. Wie auch die von der Decke hängenden Monitore, übersieht man leicht die Texte, die sich über die Wände des Museums verteilen. Und doch durchdringen die kurzen Sprüche (»I forgive you«, »close your eyes, open your mouth«) unmittelbar die Distanz zwischen Künstler und Besucher, schaffen ein Gefühl von penetranter Nähe. Wer vergibt wem, und was? Wem liefere ich meinen offenen Mund mit geschlossenen Augen aus, und was wird passieren? Viel stärker als die großformatigen Videoprojektionen irritieren auch die beiden Monitore gleich hinter der Kasse, die vom Ausstellungsraum in die Eingangshalle blicken: der Zeigefinger einer haarigen Männerhand auf dem einen lockt uns unaufhörlich hinein, auf dem anderen Bildschirm schlägt gleichzeitig eine Hand mit gespreizten Fingern unablässig auf die Linse der Kamera, in einer stark an Bruce Nauman erinnernden Gleichförmigkeit und Aggression.

 

Die bisherige Gordon-Rezeption weitet solch einfache Dichotomien gerne auf die großen existenziellen und moralischen Gegensätze aus und deutet diese als stets vorhandenen Unterton und Haupttriebkraft seiner Arbeiten. Obgleich man Gordon von dem Hang zu großen Gesten nicht ganz freisprechen kann, wird die Reduzierung auf ein »von den Polaritäten von Gut und Böse, Licht und Schatten, Bewegung und Stillstand, Sein und Schein dominierte[s] Werk« (Markus Brüderlin: Zur Ausstellung. Katalog, S. 13) seiner Arbeit in vieler Hinsicht nicht jedoch gerecht, wie die Retrospektive in Wolfsburg veranschaulicht.