Buchrezensionen, Rezensionen

Douglas Gordon, Kerber Verlag 2011

Mit der Publikation »Douglas Gordon« gibt der Kerber Verlag Einblick in das von Spaltung, Spiegelung und Aufsplitterung thematisch geprägte und geheimnisvoll eindringliche Œuvre des 1966 in Glasgow geborenen Künstlers. Seine filmischen und fotografischen Werke oszillieren spannend zwischen kraftvoller Erdenschwere und zarter Schwerelosigkeit, kritischem Hinterfragen und ästhetischer Überzeugungskraft, weshalb man sich ihrer Wirkung nur schwer zu entziehen vermag. Eine Besprechung von Verena Paul.

Die vorliegende Monografie ermöglicht dem Leser/Betrachter Einblick in das vielschichtige Schaffen eines Gegenwartskünstlers, der von seiner Kunst bis in die kleinste Faser seines Körpers erfüllt ist und nur scheinbar in Erklärungsnot gerät, wenn man ihn fragt, warum er in dieser oder jener Weise künstlerisch agiert. Denn Douglas Gordons Antwort, die sein Selbstverständnis pointiert wiedergibt, resultiert aus der Entschlossenheit und magischen Tiefgründigkeit seiner Arbeiten: »ich weiß ziemlich genau, wohin ich im Leben will« und »das, was ich tue,« ist etwas, »das ich tun muss.«

In ihrem spannend zu lesenden Beitrag »I am you, you are me« widmet sich Susanne Gaensheimer den zentralen Werkmotiven der Doppelung und inneren Spaltung, womit sie dem Leser einen guten Einstieg in das Œuvre Gordons ermöglicht. »Spaltung, Spiegelung, Aufsplitterung, Kristallisation – all das sind«, wie sie erklärt, »Phänomene der (Selbst-)Auflösung, die bei Douglas Gordon sowohl formal als auch inhaltlich immer wieder vorkommen«. Das Wunderbare an seinen Werken ist für Gaensheimer, »dass sie für uns beides erfahrbar machen, die Verdammung und die Erlösung«.

An diesen einführenden Text fügt sich ein längeres Gespräch zwischen Douglas Gordon und James Franco an, das uns den Menschen und Künstler auf charmante Weise näher bringt. Hier werden künstlerische Einflüsse eruiert, aus dem privaten Nähkästchen geplaudert und über die unterschiedlichsten Themen philosophiert. Dergestalt erfährt der Leser, dass Gordon zwar ohne Kunst aufgewachsen ist, er aber schon früh mit Filmklassikern wie Hitchcocks »Psycho« in Kontakt kam, aus dem sich später die filmische Arbeit »24 Hour Psycho« entwickelte. Zudem hat Literatur immer wieder Einfluss auf sein künstlerisches Wirken genommen, paradigmatisch Stevensons Werk »The Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde«, in welchem die bizarre Spaltung des modernen Individuums vorgeführt wird. Wie reflektiert Douglas Gordon in seinen Werken ist, artikuliert sich beispielsweise in seiner Aussage über das Handeln von Mr. Hyde. Denn nicht, dass dieser Morde begeht, ist für den Künstler das Schreckliche, sondern dass er ein Kind auf die Straße stößt. »Was mich an dem Buch wirklich entsetzt hat«, erklärt Gordon gegenüber Franco, »war, dass er das Kind auf die Straße stößt und keinerlei Reue empfindet. Denn genau das bedeutet doch Zivilisation. Ein zivilisierter Mensch hilft einem anderen wieder aufzustehen, und ein Ungeheuer ist, wer so etwas tut und völlig unberührt davon bleibt. Es braucht also gar […] kein Mord [zu sein], schiere Missachtung genügt. Darüber mache ich mir eigentlich jeden Tag Gedanken«.

Neben diesem gesellschaftskritischen Impetus sind Gordons Arbeiten stets Beleg einer ausgeklügelten ästhetischen Neuauslotung. In seinem Beitrag »Teilung – Einheit – Zersplitterung. Zum ‚Selbstporträt’ bei Douglas Gordon« setzt Klaus Görner sich daher mit Gestaltungsmitteln wie Spiegeln und Spiegelphänomenen – primär in Videos und Filminstallationen Gordons – auseinander. Beeindruckend ist zudem die Analyse der Serie »Self-portrait of You + Me«, deren Ausgangspunkt Bilder von Prominenten wie Jackie Kennedy, Marilyn Monroe oder Elvis bilden. »Diese Bilder werden von Gordon gezielt und sehr kontrolliert durch Feuer ‚verändert’ und durch die Veränderung angeeignet (es sind jetzt Gordons).« Hinterlegt sind die durchlöcherten Bilder und Bildreste mit Spiegeln, so dass das Gesicht des Betrachters eingeschmolzen wird und das Selbstporträt in diesem Fall dessen Namen tragen könnte. Jene Arbeiten bieten, laut Görner, die »Funktion einer spiegelnden Identifikation«, denn als »unerreichbare ‚Objekte der Begierde’ sind sie ideale ‚Spiegelbilder’.« Dergestalt wird ein Gesicht »zum Gesicht eines Stars durch Wiederholung und Verbreitung, es will wiedererkannt sein – und es muss fähig sein,« so die Erläuterung des Autors, »zu spiegeln, um mich darin wiederzuerkennen.«

Michael Fried richtet den Fokus in seinem Aufsatz »Ein anderes Licht: Douglas Gordons Film k.364: A journey by train« auf eine filmische Arbeit über das Musikmachen, die er in wunderbarer Sprache dem Leser näher zu bringen versteht. Doch um was geht es in diesem Werk? »Zwei aus einer polnisch-jüdischen Familie stammende israelische Musiker, der Bratschist Avri Levitan und der Violinist Roi Shiloah […], beide um die Ende dreißig, unternehmen eine Zugfahrt von Berlin über Posen nach Warschau«, so die bündige Zusammenfassung. Im Folgenden untersucht Fried dann »Antitheatralik«, »Gegenwärtigkeit«, »Nahaufnahmen, Gesichter, Ausdruck«, »Holocaust-Erinnerungen« sowie »Die Stimme des Künstlers« und vermittelt dem Leser offen seine Begeisterung für dieses Filmprojekt. Das »Geniale an k.364« besteht für den Autor darin, »dass der Film uns mit der momenthaften Beziehung zwischen Musik und Gesichtern, beides Bereiche höchsten Ausdrucks, konfrontiert, und zwar so, dass wir zu keinem Zeitpunkt versucht sind, uns vorzustellen, dass wir dabei möglicherweise über das hinausgehen, beziehungsweise hinter das treten, was sich vor unseren Augen abspielt und unser Ohr erreicht.« Auch wenn der Leser den Film vielleicht nicht kennt, lässt sich aus Frieds Schilderungen erahnen, wie melancholisch und kraftvoll, poetisch und präzise durchdacht er sein muss und man wird neugierig auf jene bewegten und von Musik durchdrungenen Bildwelten.

Im abschließenden Aufsatz »Gordons Zirkus« beschäftigt sich Caoimhín Mac Giolla Léith vorrangig mit dem Film »Play Dead; Real Time (this way) (that way) (other way)« aus dem Jahr 2003, in welchem die Elefantenkuh Minnie bei verschiedenen Handlungen in der Gagosian Gallery in Manhattan gefilmt wurde. Obwohl die Tiere, die man zu Gordons Zirkus zählt, keine Misshandlungen erfahren, »vermag diese Tatsache kaum die Angstgefühle zu mildern, die eben dadurch hervorgerufen werden, dass uns diese gefährdeten Tiere zur Beobachtung präsentiert werden.« Schließlich, so das Fazit Léiths, »sind sie doch dazu da, gesehen zu werden.« Bereits bei der Betrachtung der Videostills des Dickhäuters im Buch, macht sich ein Unbehagen breit und die Grausamkeit im Augenblick des Betrachtens kann vergegenwärtigt werden.

Fazit: Atemberaubend und spannend bringt uns der Kerber Verlag in seiner jüngst erschienenen Publikation die wirklichkeitssprengenden, verstörend hellsichtigen und den unauflöslichen Widerspruch ästhetisch zelebrierenden Werke von Douglas Gordon nah. Hier korrespondieren Abbildungsmaterial und Texte wunderbar miteinander, so dass sich der Leser/Betrachter dem geheimnisvollen Zug der Arbeiten nicht entziehen kann – selbst dort, wo die filmischen Arbeiten vorgestellt werden. Und dies ist fraglos das Ergebnis der lebendigen Sprache der AutorInnen. Durch das Eintauchen in jene literarisch, filmisch und musikalisch angereicherten Bildfluten wird ein neuer Blick auf unsere Welt ermöglicht. Ein richtiger Prachtband, den ich in meinem Bücherregal zu schätzen weiß und deshalb allen Liebhabern von moderner Kunst im Allgemeinen und von Videoinstallationen im Besonderen empfehlen möchte!

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