Ausstellungsbesprechungen

Drei – Das Triptychon in der Moderne. Kunstmuseum Stuttgart, bis 14. Juni 2009

Als hätte es die Welt schon vorher gewusst, dass die Museumsdirektorin Marion Ackermann mit viel Trommelwirbel von Stuttgart nach Düsseldorf wechselt – hier mit einem weinenden, dort mit einem lachenden Auge –, hat sich die letzte von ihr kuratierte Ausstellung über das Triptychon in der Moderne quasi als Abschiedsgeschenk zu einer der schönsten in diesem Jahr überhaupt entpuppt.

Es scheint fast so, dass auch das für den Katalog mitverantwortliche Kommunikationsdesign-Büro L2M3 – treuer und immer für Überraschungen bereiter Gestalter der Kunstmuseums-Bücher – dies geahnt hat: Alles ist auf Gold abgestimmt, bis hin zur Schrift, dazu noch drei (!) Lesebändchen.

Was jedoch in der Triptychon-Schau zu sehen ist, ist mit Gold kaum aufzuwiegen. Darf es wahr sein, dass das Thema noch nie in dieser Breite behandelt wurde? In der Tat ist das hochheilige Format selbst, das uns in jeder Kirche, in jedem Museum mit sakralem Bildbestand in Hülle und Fülle begegnet, noch keiner Würdigung wert gewesen. In Stuttgart ist es zudem an Kühnheit kaum zu überbieten, wo das moderne Triptychon mit dem Großstadt-Opus von Otto Dix auch schon erschöpft ist – Ackermann ist es gelungen, aus allen Ecken der Welt (zwischen New York und Tokio) 60 Werke aus dem 19. bis 21. Jahrhundert zu versammeln, deren Schöpfer einmal im thematischen Gesamtbild als Who is Who der modernen und nachmodernen Kunst auftreten könnten und zeigen, dass das Thema weiter reicht, als es die Kirchenkunst vorzugeben scheint: Unweigerlich ist man vom metaphysischen Pathos der Dreiheit ergriffen, selbst da, wo der sakrale Rahmen verloren ging.

Die funkensprühende Revue beginnt mit Fritz von Uhde und Gotthardt Kuehl, die die göttlichen Inhalte altehrwürdiger Altarbilder sozusagen auf den Boden des Naturalismus stellen. Es folgen herausragende Beispiele von Pierre Dubreuil und Käthe Kollwitz, die mit symbolistischen und expressionistischen Aspekten – hierunter sind auch Dix und Max Beckmann zu nennen – eine inhaltliche und formale Breite vorgeben, die in einer durchgängigen, energiegeladenen Qualität bis in die Gegenwart gehalten wird. Schon früh im 20. Jahrhundert zeigen sich darüber hinaus spektakuläre Höhepunkte, die erst in der Stuttgarter Ausstellung ins Bewusstsein treten: Giacomo Ballas »Affetti« (1910), das dem Betrachter mit seiner ergreifenden Intimität den Atem verschlägt, und Sophie Taeuber-Arps »Triptychon« (1918), das beweist, dass das Format auch für die reine Abstraktion sinnfähig ist. Antoni Tàpies (»Triptic amb peus«, 1981), Felix Droese (»3 x Wollen«, 1983) u.a. werden zeigen, dass das Triptychon als persönliches Rückzugsgebiet noch zu steigern ist. Ellsworth Kelly (»Black, Two Whites«, 1953), Adolf Fleischmann (»Triptychon«, 1961), Yves Klein (»Triptychon von Krefeld«, 1961) u.a. machen deutlich, dass auch das ungegenständliche Dreierformat noch weiteres Potential aufbringen kann.

Man wagt kaum aufzuhören, die Namen zu nennen, die die Parade in die eine oder andere Richtung fortsetzen: Artschwager, Bacon (wie Beckmann ein bekennender Triptychon-Meister), Coleman, De Maria, De Saint Phalle (mit einem hinreißend kitschigen Altärchen), Gertsch (mit einem seiner monumentalen Regenpfützenbilder), Kokoschka, Kounellis (dessen im Stuttgarter Kunstmuseum heimische »Senza titolo« sich eher in die Ausstellung gemogelt hat, als es dem Künstler lieb gewesen wäre), Longo, Lüpertz, Meese, Nitsch, Polke, Richter, Roth, Vedova. Damit nicht genug. Erstmals nimmt der Betrachter zur Kenntnis, dass auch die Plastik fähig ist, eine ästhetische Dreifaltigkeit zu entwickeln: Neben Kounellis sind Sean Scully mit einem ausdrücklichen »Triptych« zu nennen, Damien Hirst mit einem dreiteiligen Märtyrerkasten und Herman de Vries, der die authentische (Wiesen-)Natur ins Dreierformat bringt. Nicht zuletzt verweist die Megaschau auf Beispiele aus den Bereichen der Fotografie, der Video- und Filminstallationen, vertreten durch Künstler wie Bill Beckley, Jonas Dahlberg, Isa Genzgen, Jürgen Klauke, Pia Maria Martin, Björn Melhus, Katharina Sieverding, Ricarda Roggan, Bil Viola, Pablo Wendel – und als krönenden Gipfelpunkt den genialen Hiroshi Sugimoto, dessen »Tyrrhenian Sea, Mount Polo« nur noch über den Titel greifbar wird, der Foto und abstrakte Malerei auf einen Nenner bringt, der hier sozusagen das letztmögliche Triptychon präsentiert.

Und eine Randbemerkung soll nicht fehlen (da andernorts, wie etwa bei der so wichtigen Berliner Ausstellung zur 60er-Jahr-Feier der Republik, der Eindruck entsteht, als könnte man die DDR-Geschichte in Deutschland ausklammern): In Stuttgart sind auch Arbeiten von Willi Sitte zu sehen, der an Dix und Hofer anknüpft und grandiose Triptychen geschaffen hat, ohne die die Ausstellung nicht komplett gewesen wäre.
 


Weitere Informationen

Bis Ausstellungsende gibt es das Angebot, das Tagesticket zusammen mit dem prächtigen Katalog – ein Standardwerk! – für 29 EURO zu erwerben.

Öffnungszeiten
Di, Do bis So: 10 – 18 Uhr
Mi und Fr: 10 – 21 Uhr


Katalog:
Marion Ackermann (Hrsg.): Drei. Das Triptychon in der Moderne. Mit Beiträgen von Marion Ackermann, Wolfgang Ullrich, Joachim Valentin u.a. Stuttgart 2009. 328 Seiten, 100 farbige Abb.
ISBN 978-3-7757-2327-5