Buchrezensionen

Drewermann, Eugen: Jesus von Nazareth – Bild eines Menschen, Patmos Verlag, Düsseldorf 2008.

Eugen Drewermann schreibt derzeit dickleibige Bücher, welche Grundfragen der Theologie mit dem gegenwärtigen Stand der Naturwissenschaften in ein neues Verhältnis setzen. Dank der unglaublichen Sachkenntnis dieses Mannes werden sie vermutlich Epoche schreiben. Verglichen damit gehört der soeben erschienene Bildband sicherlich zu den »Parerga und Paralipomena«.

Dennoch bleibt es erstaunlich, wie vielseitig, wie kenntnisreich dieser Autor auf allen möglichen Gebieten ist und dass er schneller schreiben, als mancher seiner Leser lesen kann. Pikanterweise trägt das Buch denselben Titel wie das im letzten Jahr veröffentliche Buch des deutschen Papstes Benedikt XVI.: So schlicht wie umfassend hieß es »Jesus von Nazareth« – ein Bestseller, wie sich versteht. Ist das von dem neuen Buch des kirchenkritischen Theologen auch zu erwarten? Wohl kaum, aber das kann auch nicht das Kriterium sein.

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Entpuppt sich Drewermann mit seinem Ausflug in die europäische Kunstgeschichte nun auch als Experte auf diesem Gebiet, nachdem er sich zuvor auch schon immer mal wieder mit bestimmten Malern wie etwa Edvard Munch intensiver beschäftigt hat? In einer kurzen Vorbemerkung stellt der Verfasser klar, dass er diesen Anspruch schlichtweg unterlaufen möchte: »Dieses Buch dient nicht dem ästhetischen Ergötzen«(S.10), heißt es da kurzum. Vielmehr wolle es im Sinne seines geistigen Ahnherrn Sören Kierkegaard »erbaulich« sein (ein Wort, das einem lange Zeit zu naiv erschien und nicht mehr glatt über die Lippen gehen wollte). Drewermanns Kunstbetrachtung versteht das »Schöne« mit Platon als »Reiz des Wahren« (ebd).

 

Man könnte diese Art von Erbauung deshalb in eine Tradition stellen, die man früher in der Ausbildung von Theologen als »puncta« bezeichnete: kurze geistliche Impulse, kleine Meditationen, punktuelle Betrachtungen, die immer wieder Wesentliches einfangen. Ohne sich groß um stilgeschichtliche oder historisch-kritische Fragen zu scheren, folgen sie den lebensgeschichtlichen Stationen des Mannes aus Nazareth: Geburt und Kindheit, die »Weise des Wirkens« in Wundern und Gleichnis-Predigten, in Begegnungen und den Verheißungen der Bergpredigt, in Passion, Tod und Auferstehung.

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Typisch für den Ansatz Drewermanns ist es auch hier, dass er alles, was in der Bibel zu finden ist, als Bild versteht; folgerichtig liest er auch die von ihm ausgewählten europäischen Kunstwerke der letzten 1000 Jahre als gemalte Träume, die in unsere Gegenwart gestellt sind, also auf ihren unmittelbaren, existenziellen Bezug hin befragt werden sollten. Wie die Perlen einer Kette reihen sich die einzelnen konzentrischen Kapitel von ein, zwei, maximal drei Seiten lose aneinander.

 

Als »Parergon«, also als Nebenwerk voller Nachträge und unberücksichtigt Gebliebenem, lässt sich das Buch auch insofern verstehen, als Drewermann hier immer wieder mit einfachen und schlüssigen Formulierungen das zusammenfasst, was er in den dickleibigen Büchern über die vier Evangelien zuvor systematisch und ausführlich als seine theologische Sicht entwickelte. Da werden Kernaussagen des Menschen Jesus bündig aufeinander bezogen, da gibt es immer wieder die Aufforderung, den Wortsinn des biblischen Geschehens als symbolisches Geschehen zu begreifen. Das Sinnbildliche und die seelische Symbolkraft müssten er-innert, also verinnerlicht werden und einen seelischen Resonanzraum finden, um lebendig und wirksam zu werden. So wird etwa die Gewaltfigur eines Herodes als die verhärtete Königsposition in uns selbst verstanden, die nur auf waffenstarrende Macht und Stärke setzt, um der Angst zu entgehen.

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Drewermann wäre nicht Drewermann, wenn nicht solche Interpretationen gelegentlich mit den radikal-prophetischen Mahnungen und Ausfällen gegen Amtskirche, kapitalistische Auswüchse und den Irrsinn des Militarismus verknüpft würden; gelegentlich entwickeln sie sich aber auch mit wunderbar behutsamem Sprachgespür zu poetischen »poèmes en prose«.

 

Die Auseinandersetzung mit den Bildern, die querbeet aus der gesamten europäischen Kunstgeschichte entnommen sind, ist recht unterschiedlich. Im Mittelpunkt steht stets Drewermanns Kommentar zur jeweiligen biblischen Stelle. Da sind dann die Bilder oft nur als bloße Gedankenbebilderung, Untergrundfolie und Alibiverweis für die Reflexion. Über künstlerische Qualität wird kein Wort verloren. Manchmal aber (insgesamt zu wenig) wendet sich der Verfasser aber auch intensiver den Bildern zu. Und dann entfaltet er eine Meisterschaft in der genauen Beschreibung, im hellwachen Erfassen sprechender Details, die auch jedem Betrachter, der meint, die Werke zu Genüge zu kennen, die Augen öffnen kann (Boschs »Versuchung des heiligen Antonius«; Rogier van der Weydens »Columba-Altar«). Beeindruckend wird dabei die in vielen therapeutischen Sitzungen geschulte Sensibilität für den Sinn von Gebärdensprache unter Beweis gestellt, - dieses Gespür für Gesten, in denen sich das Unbewusste ausspricht. 

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Und ein Zweites: Mit viel Empathie gelingt es dem erfahrenen Psychotherapeuten Drewermann an einigen Stellen, mit einer kleinen Wendung, die etwa dem Stamm eines Wortes abgelauscht wurde, den entscheidenden Dreh zu geben. Das Hinsehen wird zum erhellenden Hinweis, eine Beschreibung verwandelt sich in eine tiefe Bedeutung, welche auf Anhieb plausibel und zwingend wirkt. Gerade diese beeindruckende  Ausdrucksfähigkeit des Verfassers erinnert daran, wie sehr jede Interpretation auch Übersetzungskunst ist: das adäquate, manchmal kongeniale Ummünzen des Visuellen ins Sprachliche.

 

Der anfängliche Eindruck, dass hier aus kunstgeschichtlichem Blickwinkel der akademisch-wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu wenig Tribut gezollt werde, dass religiöse Bilder nur auf ihren »Erbaulichkeitswert« reduziert würden, wird dann durch die Einsicht korrigiert, dass ja jedem Interesse das Erlebnis vorausgehen muss.

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Während Drewermann davon ausgeht, dass das biblische Geschehen symbolhaft und als Bild gesehen werden sollte, diskutiert die Stiftung Situation Kunst (siehe »Weitere Beiträge zum Thema«), über die tatsächliche Aussagekraft religiöse Bilder.
Gemalte Träume oder Götzenbild? Entscheiden Sie selbst.

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