Ausstellungsbesprechungen

Dritte Welle. Die Gruppe SPUR, der Pop und die Politik, Kunsthalle zu Kiel, bis 8. September 2013

Avantgardistische Kunst der Nachkriegszeit und der sechziger Jahre präsentiert in diesen Tagen die Kieler Kunsthalle: Insgesamt 150 Werke der Gruppe SPUR und ihr nahestehender Künstler bilden auf gleich drei Ebenen ein eindrucksvolles Mosaik, das den Besucher gefangen nimmt, vielleicht sogar fasziniert. Dabei vermag beileibe nicht jedes Kunstwerk zu überzeugen, aber die Ausstellung insgesamt ist durchaus eindrucksvoll. Stefan Diebitz stellt sie vor.

1957 wurde in München die Gruppe SPUR von Lothar Fischer, Heimrad Prem, Helmut Sturm und HP Zimmer gegründet – Künstler, die vor allem an den Expressionismus anknüpften, sich auf Wassily Kandinsky beriefen und sich immer auch politisch verstanden. Ihr umfassender Anspruch drückte sich besonders in einem etwas kraftmeierisch formulierten Manifest aus, dessen 19. Punkt jetzt der Kieler Ausstellung den Titel gibt: »WIR SIND DIE DRITTE WELLE. Wir sind ein Meer von Wellen (SITUATIONISMUS)«. Sie waren, fanden die Künstler und setzten ihre bescheidene Selbsteinschätzung ganz selbstverständlich in Majuskeln, »DIE MALER DER ZUKUNFT«. Fortan waren sie für einige fette Skandale, aber auch für einige gute Bilder und sogar einige wenige richtige Erfolge gut; und jederzeit nahmen sie auch Anregungen auf, besonders von den Avantgarden der vergangenen Jahrzehnte.

Waren sie gegenüber Anregungen nur offen, oder waren sie Eklektiker? Die Einflüsse, denen die vier Künstler in rascher Folge unterlagen, lassen sich leicht an vielen ihrer Arbeiten ablesen und werden in der Kieler Ausstellung gelegentlich dadurch deutlich gemacht, dass die betreffenden Bilder nebeneinander hängen. Auch im Katalog stehen ein »Die Arche« betiteltes Bild von HP Zimmer und Paul Klees »Europa« nebeneinander, ein wunderbares Aquarell von 1933, dessen blaue Farbgebung von dem Jüngeren übernommen wurde. Vielleicht hätte Zimmer sich auch noch an der Sorgfalt orientieren sollen, die Klees Arbeiten immer auszeichnete, die aber den Künstlern von SPUR eher abging. Ganz wichtig waren ihnen noch Max Beckmann, von dem sich auch ein Bild in Kiel findet (»Tabarin« von 1937), und Wassily Kandinsky, der zeitweise als »heilig« angesehen wurde. Kandinsky sah sich aber bald darauf von Jackson Pollock abgelöst, den einer der vier Mitglieder eher zufällig in einer Hamburger Ausstellung entdeckte und fortan zum Idol erklärte.

Großen Einfluss übte auch die Südsee aus, die in Kiel durch ein vier Meter langes, bunt bemaltes Boot präsentiert wird, für dessen Fertigstellung der Künstler Ben Sissia mehrere Jahre brauchte (1999 – 2002). Das Geld reichte für die mit Erfolg nicht gesegneten Maler von SPUR nur für eine Weltreise von München nach Stuttgart, wo sie im Völkerkundemuseum für sich (sie aber meinten offenbar: für die Kunst überhaupt) die malanggan-Bildwerke entdeckten. »Die malanggan sind«, wie die Kuratorin Dörte Zbibowski in ihrem Katalogbeitrag erläutert, »im rituellen Kontext des Toten- und Ahnenkultes verwurzelte Objekte, besonders Masken, Bildstelen und Friese, die speziell für die dreitägigen, ebenfalls malanggan genannten Totengedenkfeiern angefertigt werden.« Es sind Totenschiffe, in denen die Verstorbenen ihre letzte Reise antraten, begleitet von dämonischen Figuren. Das malanggan-Bild von Zimmer gehört zweifellos zu den stärksten Arbeiten der Ausstellung.

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Die Gruppe interessierte sich offenbar nicht allein wegen der bunten Exotik oder ihren drastischen Formen für diese Werke, sondern vor allem, weil die Einzelheiten im vieldimensionalen Zusammenhang eines malanggans verschwanden oder zumindest an Wichtigkeit einbüßten. So erklärte sich Prem in einer von Zbibowski zitierten Tagebuchnotiz die Wirkung der malanggan damit, dass »das ganze verwirrende System ohnehin jedes Detail entwertet, so wie in einer Diskussion die Meinung des einzelnen nie ganz durchdringt […]. Ein Zusammen- und Gegeneinanderspiel vieler Kräfte bringt viele Kräfte hervor«. Eben das versuchten sie auch in ihrer Künstlergruppe, mit der sie zumindest gelegentlich Gemeinschaftswerke schufen.

Im Zwischengeschoss hängt in Kiel ein solches Gruppenwerk von fast zwanzig Metern Länge, ein Leinwandfries, der nach seiner ersten Ausstellung 1963 in Venedig bis heute nur noch ein weiteres Mal zu sehen war. Anschluss suchten sie noch in der »Situationistischen Internationale«, aus der sie dann aber geworfen wurden, weil sie auch weiterhin Bilder malen wollten. Schließlich ging SPUR erst in der Gruppe WIR, dann in GEFLECHT auf – und letzterer Name dürfte wirklich programmatisch zu verstehen sein und fand seinen Ausdruck dann auch in einem ästhetisch sehr reizvollen Gemeinschaftswerk.

Ein Gemeinschaftsprojekt war auch die Teilnahme an der »Troisième Biennale de Paris«, in der sie ihren fantastischen SPUR-Bau vorstellten, dessen Geschichte Maren Wienigk in einem Katalogbeitrag nachgeht. Aufgefordert, ohne jede Rücksicht auf eine mögliche Realisation über Architektur nachzudenken, bastelten die Künstler das Modell einer futuristischen Wohnanlage. Maren Wienigk beschreibt auch die Geschichte der sieben Ausgaben von »SPUR«, der Zeitschrift der Gruppe, deren sechstes Heft nicht die Zensur überstand.

Der originellste Teil der Ausstellung präsentiert eine ganze Fülle von künstlerisch gestalteten Postkarten, die von vornherein mit Blick auf ein mögliches Publikum gemalt wurden und die sowohl wegen des Textes als auch wegen ihrer Illustrationen ein genaues Hinsehen lohnen. In Folie eingeschweißt und aufgehängt, können die Karten von beiden Seiten angeschaut werden. Ebenfalls wird die Zeitschrift der Gruppe präsentiert, aber von theoretischen Arbeiten mag man nur in Anführungsstrichen sprechen. So hat der der Gruppe nur lose assoziierte Dieter Kunzelmann – ein Politclown, der in späteren Jahren noch eine sehr unrühmliche Rolle spielen sollte – prophezeit, dass die technische Entwicklung »zu neuen Aktionsmöglichkeiten führen muß, in denen Film und Orgie, Kunst und Leben ineinander übergehen«. Kinos, formulierte er, werden »die Tempelstätten moderner Orgien« sein.

Das Interessante an der Gruppe SPUR besteht darin, dass ihre Geschichte die wesentlichen Aspekte der modernen Kunst samt ihrer Problematik deutlich hervortreten lässt. Man kann die Energie und den Enthusiasmus der Künstler bewundern, die aus den alten Gleisen ausbrechen wollten, aber man kann es auch naiv finden, wie sie sich mal diesem Trend, mal jenem an den Hals warfen. Man kann sich über die Expressivität und Dynamik freuen, mit der sie auf ihren Leinwänden wüteten, aber auch die mangelnde Technik kritisieren und sich wünschen, sie hätten etwas mehr Liebe für das Detail gezeigt und mehr Geduld für die Ausarbeitung aufgebracht. Etwas weniger Genie und etwas mehr Handwerk hätte vielen ihrer Arbeiten gut getan.

Die Ausstellung ist sehr bunt und abwechslungsreich, und es gibt viel zu sehen – darunter eben nicht nur Hochwertiges. Da sind zunächst die Gemälde und wenigen Skulpturen der Gruppe, die meist Lothar Fischer anfertigte. Sein tönernes »Reiterschiff«, ein lustiges Kamel mit Reiter, sieht aus wie aus einem Comic entsprungen. Eine Skulptur und überhaupt höchst eindrucksvoll ist das bunte und bizarre malanggan, zu dem noch eine kleine Anzahl anderer Südseeskulpturen tritt. Zu den Bildern kommen die vielen Postkarten und schließlich, im obersten Stockwerk, eine Reihe Arbeiten von teils prominenten Künstlern, die sich der Gruppe SPUR und ihren Anregungen verpflichtet fühlten oder mit ihnen zusammenarbeiteten, zum Beispiel Asger Jorn und Hans Platschek.

Die beiden Kuratorinnen der Ausstellung, Anette Hüsch und Dörte Zbikowski, haben zusammen mit Maren Wienigk ein erstaunlich vielseitiges und buntes Material zusammengetragen, das mit einer Fülle von soliden Informationen ergänzt wird. Im Katalog findet sich zum Beispiel eine von Wienigk akkurat zusammengestellte Chronologie der Gruppe, die im Stile des »Kulturfahrplan« von Werner Stein ihre Aktionen, Ausstellungen und Trennungen in Beziehung setzt zu den gleichzeitigen Geschehnissen in Politik, Wissenschaft und Sport. So ist die Ausstellung sehr gelungen, weil anregend und informativ, ebenso wie der dicke und interessante Katalog, der sie mit seinem buchstäblich schrägen Layout sehr getreu widerspiegelt.