Ausstellungsbesprechungen

Druet sieht Rodin, Photographie und Skulptur

Die derzeitige Rodin-Präsenz in deutschen Ausstellungshäusern verstärken die Staatlichen Museen Berlin seit Anfang November mit einer kleinen Kabinettausstellung in der Alten Nationalgalerie. Neben einer Handvoll Plastiken Rodins aus dem Besitz des Hauses sieht man dort vor allem Fotografien. Sie stammen von Rodins ‚Hausfotografen‘ Eugène Druet und zeigen einen 100 Jahre alten Blick auf prominente und auch weniger bekannte Werke.

Etwa auf den herrischen „Balzac“, noch als Gips in der Werkstatt, dem seine körperlose Mantelstudie als Echo im Hintergrund antwortet. Die „Bürger von Calais“ erscheinen in verschiedenen Zuständen, zunächst als torsierte Studien in einem der Ateliers, und später in der Endmontage im Ausstellungspavillon 1900 an der Place de l’Alma. „Johannes der Täufer“ wirkt im vollgestellten Musée du Luxembourg wie ein Fremdkörper inmitten der Salonkunst des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

 

Obwohl Rodin mit anderen Fotografen zusammenarbeitete, die seine Werke weitaus eigenwilliger und effektvoller inszenierten - so der junge Amerikaner Edward Steichen oder die experimentierfreudigen Haweis & Coles - genießt der im Vergleich eher unprätentiöse Amateur Druet in Forschung und Ausstellungen heute die stärkste Aufmerksamkeit. Dies mag daran liegen, dass seine Fotografien lange Zeit die Rezeption Rodins, vor allem auch in Deutschland, bestimmten. Wichtige frühe Publikationen (etwa von Rainer Maria Rilke und Otto Grautoff) waren mit Aufnahmen Druets ausgestattet, Rodin selbst integrierte sie in seine Ausstellungen. Ein anderer Grund mag auch die hohe Wertschätzung sein, die ihm von Rodin selbst entgegengebracht wurde. Bis heute gilt er als derjenige unter Rodins Partnern, der es am besten verstand, dessen ästhetische Vorstellungen in das Medium der Fotografie zu übersetzen. Und Rodin selbst setzte seine Signatur auf einer zusätzlichen Platte, oft lakonisch im Sockelbereich der abgebildeten Plastik, neben die Druets. Ohne Zweifel war er auch der offenste und willfährigste Fotograf an Rodins Seite, der die Wünsche des Meisters vorbehaltlos umsetzte und auch ganze Auflagen vernichtete, die dessen Vorstellungen nicht entsprachen. Als Cafébesitzer und Hobbyfotograf war er mit Rodin ins Geschäft gekommen, hatte bald einen Exklusivvertrag und wurde 1900 regelrecht zum ‚Agitator‘ Rodins, als er dessen privat lancierte Retrospektive am Rande der Pariser Weltausstellung organisierte. Nach einem Streit über die Autorenrechte an den Aufnahmen kam es schließlich zum Bruch. Druet war nun bereits soweit etabliert, dass er weiterhin für andere Bildhauer als Fotograf arbeitete und bald als erfolgreicher Galerist Künstler wie Signac und Maillol vertrat.

 

Die gezeigten Aufnahmen stammen aus den Jahren 1896 bis 1901, einer Zeit, in der sich Rodins europaweiter Ruhm bereits festigte. Sie zeigen Blicke in Ausstellungen und vor allem ins Atelier, auf den Entstehungsprozess, auch auf nicht erhaltene Werkstattzustände einiger Arbeiten. Eindrucksvoll sind die seriellen Aufnahmen, die Druet eigens in seinem Atelier arrangierte. Er spielt mit unterschiedlichen Blickwinkeln und Hintergründen, und weiß auf raffinierte Weise das vorhandene Licht einzusetzen, da man noch wenig mit künstlichen Lichtquellen arbeitete. Bisweilen wirken die Aufnahmen ganz nüchtern, dann wieder experimentiert er mit Verfremdungseffekten wie Untersichten, starkem Gegenlicht oder Unschärfen. Dabei gelingen ihm mitunter eigenwillige und ausdrucksstarke Inszenierungen, etwa die berühmte Serie der „Verkrampften Hand“. Hier glaubt man tatsächlich, dass nicht nur die Plastik, sondern auch ihre Wiedergabe durch Druet die Interpretation Rilkes angeregt haben könnte: „Es gibt im Werke Rodins Hände ..., die sich aufrichten, gereizt und böse, Hände, deren fünf gesträubte Finger zu bellen scheinen wie die fünf Hälse eines Höllenhundes. Hände, die gehen, schlafende Hände, und Hände welche erwachen“. Wunderbar ist auch die verschleierte Aufnahme der „Drei Schatten“ über dem Höllentor, die schemenhaft wie aus einem dunklen Nebel auftauchen. Camille Mauclair, einer der frühen Fürsprecher Rodins, schätzte ebendiese milchigen Tonwerte und eigentümlichen Unschärfen der Aufnahmen Druets: „Sie sind verschwommen, doch gerade das erzeugt um die Marmore jene Traumatmosphäre, die sie brauchen.“

 

Die Ausstellung zeigt insgesamt 70 der 125 Fotografien Druets im Besitz der Berliner Kunstbibliothek. Hugo von Tschudi, seit 1896 ambitionierter Direktor der Berliner Nationalgalerie und Streiter für die moderne französische Kunst, hat sie 1901 und 1903 in zwei Konvoluten über die Dresdner Galerie Arnold erworben. Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon vorsichtig taktierend den Grundstock einer Rodin-Sammlung angelegt, ausschließlich mittels Schenkungen, um eine offene Konfrontation mit der wilhelminischen Kunstpolitik zu vermeiden. Die Büste Jules Dalous etwa, die auch in der Ausstellung zu sehen ist, war eine Stiftung Max Liebermanns. Während man sie heute ihrer malerischen Ästhetik wegen schätzt und ausstellt, interessierte Tschudi vermutlich eher der dokumentarische Wert der Fotografien - er erhoffte sich in ihnen Argumentationshilfen gegenüber der Ankaufskommission.

Auch die berühmte Jünglingsfigur „Das Eherne Zeitalter“, die als grün patinierte Bronze kurze Zeit nach den Fotografien in die Sammlung fand, steht in der Ausstellung. Sie taucht außerdem auf zwei Fotos auf, noch als Gips im leeren Esszimmer der Villa Rodins in Meudon. Hier sind Druet eindrucksvoll verfremdete Aufnahmen gelungen, bei denen er auch mit dem so genannten Sabatiereffekt mit umgekehrten Tonwerten experimentiert. Blendend weiß, ätherisch und unscharf in der einen Aufnahme, tritt die Figur im zweiten Bild geisterhaft fahl aus dem Dunkel des Hintergrunds. 

Geöffnet
Di, Mi, Fr-So 10-18 Uhr; Do 10-22 Uhr