Ausstellungsbesprechungen

Duckomenta, Kulturgeschichte einmal anders

Kulturgeschichte für die ganze Familie betreibt die Künstlergruppe »Interduck« von der Kunsthochschule Braunschweig, und das höchst vergnüglich: Sie gibt den Highlights der Kunstgeschichte ein Schnabelgesicht – und alle gucken hin. Die daraus entstandene Ausstellung hat sich im Jahr 1986 vom fiktiven Entenhausen aus auf den Weg durch die Republik gemacht und ist nun in Tübingen gelandet.

So halten also auch Donald Duck & Co. Einzug in der Universitätsstadt (im noblen Salem war die Ente unter den Enten im vergangenen Jahr auch schon zu Gast).

In Tübingen ist der Zusammenprall der Kulturen perfekt, denn zunächst nimmt man nur das Museum Schloss Hohentübingen selbst wahr: jene Schausammlung mit Werken aus der Südsee oder aus Ägypten sowie einer Skulpturensammlung mit Abgüssen nach antiken Meisterwerken. »Alles in allem«, so die Selbstdarstellung des Museums, »ist Schloss Hohentübingen also kein Musentempel, sondern eher Schaufenster der akademischen Werkstatt«. Als ob das ein Stichwort gewesen wäre, haben die Mitglieder der interDuck-Truppe keine falsche Scham oder Ehrfurcht an den Tag gelegt, die Objekte von 30000 Jahren Kulturgeschichte zur Ver-Entung freigegeben und den Schaufensterbummel zum Lustwandeln veredelt.

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Selten dürfte das Museum mit seinen Versteinerungen, Keramikgefäßen und Gipsköpfen so viel Aufmerksamkeit gefunden haben. Denn schon beim Anblick des Duckaeopteryx oder der »Venus von Willendorf« wird deutlich: Man muss zweimal hinschauen, um nicht hereinzufallen. Allenthalben haben sich nämlich »getürkte« Tonscherben, Kleinplastiken eingeschlichen, ein »Dötzi« gibt sich als vorzeitlich mumifizierte, alpenländische Berühmtheit aus, die der ägyptischen Schnabelmumie in nichts nachsteht. Nicht immer sind die in die Vitrinen eingemogelten Enten gleich auszumachen – wären da nicht dezente rote Watschelfuß-Aufkleber, die einen wachsamen Blick anmahnen.

Kurz und gut: ausgesprochen kurzweilig geht es zu in den Sälen, zumal wenn die Juniors ihre Eltern lauthals »hier, hier!« rufend durchs Haus führen. Und die »reifere« Jugend hat genug Highlights, die bei den Objektbeschreibungen beginnen und nicht bei den offensichtlich für Tübingen entstandenen Neuzugängen der Wanderausstellung aufhören: zwei wunderbare Beispiele aus der »Manessischen Liederhandschrift« – darunter der schnabelige Walther von der Vogelweide ist köstlich –, für Germanisten nicht minder reizend die Weimarer Dichterfürsten in lebhafter Erinnerung an Rietschels Goethe-/Schiller-Gruppe. Zwischendurch und zur Entspannung liegt auch mal eine Mausefalle mit Opfer hinter Glas. Der »Tübinger Waffenläufer« hat das Zeug zum quasi-antiken Kleinod, und die »Trojanische Ente« wird manchen an die große Troja-Ausstellung vor nicht allzu langer Zeit erinnern.

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So könnte es grade weitergehen. Doch wundert es nicht, dass eine solche Schau auch Schwächen aufweisen muss. Unter den gipsernen Abgüssen fügen sich zwar ebensolche Geflügelwesen sehr gut ein, weniger überzeugend reihen sich die verschnäbelten Gemälde und Grafiken – nach Leonardo, Dürer, Raffael, Rembrandt, Tischbein, Runge, Spitzweg (besser als das Original), Delacroix, Manet, Toulouse-Lautrec, Mondrian (ja, auch das ist möglich!), Dali, Picasso, Bacon, Morandi, Miró und andere mehr – hinter den gipsweißen Figuren an der Wand entlang. Aber soviel sei zugestanden: Es wäre zu schade, diese herrlichen Bilder aus Platzmangel einfach wegzulassen, stecken doch hinter dem Künstlerkollektiv über 20 aktive und frühere Mitarbeiter um den Kunstsoziologen Eckhart Bauer (mit dabei sind etwa Volker Schönwart und Ommo Wille, beide mit guten Namen im Kunstbetrieb), deren Donalds der Schalk ins Gesicht geschrieben steht. Allen rund 130 Exponaten will man gerne ein Plätzchen gönnen, selbst wenn in vereinzelten Fällen die Qualität bzw. die überzeugende Transformation fehlt. Was zählt, ist das Motto der interDuckianer: »Die Ente ist das Maß der Welt«.

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Die Zeitreise lässt sich über die Ausstellung hinaus verlängern durch den Katalog, der den beachtlichen Grundbestand wiedergibt. Leider konnten die speziell Tübinger Kunstwerke hier nicht berücksichtigt werden – bei inzwischen drei Auflagen lohnt sich sicher einmal eine ergänzte Neuausgabe. Eine Kopie mit einer Auswahl von Bildern im Hinblick auf die »echten« Vorlagen spricht vorwiegend die jüngeren Besucher an, die so den Blick für Original und originelle Fälschung schärfen können. Und einer der Altmeister wird sogar glücklich sein: Pablo Picasso; das einzige, was er nach eigener Aussage bedauerte, war, »keine Comics gezeichnet zu haben« - jetzt hat er einen …

Das Deutsch-Amerikanische Institut präsentiert zur Ausstellung Zeichentrickfilme für Groß und Klein. Am Freitag, den 24. Juni 2005 steht »Der Jäger der verlorenen Lampe« auf dem Programm. Abends gibt es Kurzfilme und Wissenswertes über die Ducks.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten
Mittwoch–Sonntag 10–18 Uhr

Eintritt Staatsgalerie
Erwachsene 4,- EUR
Ermäßigt 2,- EUR

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