Kataloge

Dupeux, Cécile/ Jezler, Peter/ Wirth, Jean (Hrsg.): Bildersturm. Wahnsinn oder Gottes Wille? Verehrung, Schändung und Untergang des mittelalterlichen Kultbildes, Katalogbuch Bern, Straßburg 2000/01.

1937 initiierten Joseph Goebbels und Adolf Ziegler die Ausstellung "Entartete Kunst", die seit ihrer Erstpräsentation in München bis zum April 1941 in insgesamt 13 Städten gezeigt wurde.

Über 3 Millionen Besucher nahmen die Kunstwerke zur Kenntnis, die nicht dem nationalsozialistischen Ideal und Kulturverständnis entsprachen und daher diffamiert wurden - vor allem dadurch, daß man diese Werke, etwa von George Grosz, Ernst Ludwig Kirchner, Max Ernst, Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein oder Paul Klee mit bildnerischen Arbeiten von Geisteskranken konfrontierte. Der Versuch, die künstlerischen Produkte auf diese Weise dem befreienden Gelächter preiszugeben, sollte verschleiern, welche Macht man ihnen tatsächlich zusprach und welche Angst man vor ihnen hatte.

Ganz ähnliche Empfindungen müssen radikale Protestanten des 16. Jahrhunderts bewegt haben, mit physischer, teils ausgesprochen brachialer Gewalt Bildwerke anzugreifen, die in Kirchenräumen von heiligen Personen und Begebenheiten kündeten. Dem Bedürfnis, Bilder zu zerstören, damit keine Macht mehr von ihnen ausgehe, fielen seit 1521 bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts ungezählte Skulpturen, Malereien, Altartafeln und liturgische Geräte zum Opfer. Diesem "Bildersturm" widmeten die seinerzeit u.a. betroffenen Städte Straßburg und Bern im Jahr 2000 eine große Partner-Ausstellung, die Cécile Dupeux, Peter Jezler und Jean Wirth in einem erschienenen Katalogbuch umfangreich dokumentierten. Auf über 400 Seiten gehen sie der im Untertitel gestellten Frage Wahnsinn oder Gottes Wille nach?, die natürlich nicht letztgültig beantwortet werden kann.

Gemäß der Theorie des Wuppertaler Ästhetik-Professors Bazon Brock erwiesen sich Bilderstürmer zu allen Zeiten als die wahren Bilderverehrer, die dem (in der Regel kultischen) Bildwerk eine so hohe Geltung zugestanden, daß sie sich dieser Geltung nur durch die ostentative, weithin sichtbare Vernichtung und Beschädigung des besagten Bildwerks entziehen konnten.

Auch ohne diesen Aspekt zu vertiefen hält der Dokumentationsband eine beeindruckende Materialfülle bereit, auf die der Leser/Betrachter mit einführenden Texten in dankenswerter Weise vorbereitet wird. So werden etwa die Auseinandersetzungen des spätantiken byzantinischen Bilderstreits und der Weg in die private mittelalterliche Bildandacht angenehm knapp referiert. Deutlich wird auch, wie sich aus dem Versuch, Bilder vor dem Sturm zu bewahren und sie zunächst in privaten "Sammlungen" zu schützen, später ein neuer Bilderkult, nämlich der des Museums als neuer Kathedrale, als Tempel der Kunst, entwickelt hat.

Die Geschichte der Bilderstürme wird dabei konsequent über die Ereignisse der Französischen Revolution bis in die Gegenwart fortgesetzt. Bezüglich der Großen Revolution von 1789 beschränken sich Veranstalter und Herausgeber auf lokale Vorkommnisse, z.B. in Straßburg; ein bekannteres Beispiel wäre viellicht die Enthauptung von Figuren an einer vermeintlichen Königsgalerie der Kathedrale zu Chartres gewesen. Umso bemerkenswerter werden die politischen Bilderstürme der Nachkriegs- und "Wende"-Zeit dokumentiert, etwa anhand der gespenstischen Umarbeitung einer Hitler-Büste in ein Adenauer-Porträt oder der buchstäblich umstürzlerischen Aktivitäten in ostdeutschen Städten, bei denen Bildnisse sozialistischer oder kommunistischer Persönlichkeiten vom Sockel geholt wurden - ein Verfahren der "damnatio", mit dem übrigens schon in der Zeit der Antike politische Gegner entehrt und abgestraft wurden.

Der Katalogteil überzeugt insgesamt durch die Abbildungsauswahl und die Qualität der Reproduktionen; hier hätte man sich allenfalls ein etwas originelleres Layout wünschen mögen. Neben einer äußerst umfangreichen Bibliographie wartet der Katalogteil mit einem durchaus brauchbaren Glossar auf, dessen integriertes Personenverzeichnis als Register allerdings nur eher eingeschränkt zu gebrauchen ist.
Als Manko hinsichtlich der Ausstattung sei noch angemerkt, daß der Band mit seinem erheblichen Papiergewicht untrainierte Handgelenke recht stark belastet. Ein verdienstvoller Schwerpunkt der Dokumentation besteht darin, die überaus große Bedeutung von kultischen Bildwerken, ihre Herstellung, Verbreitung und Anwendung überhaupt erst vor dem heutigen Leser zu entfalten. Ein eigenes Kapitel ist interessanterweise Exponaten gewidmet, die demonstrieren, wie der Bildersturm selbst wieder zu einem Bildthema für Künstler geworden ist.

Das schriftliche Quellenmaterial läßt die ambivalente Haltung einer durchaus verunsicherten Christenheit des 16. Jahrhunderts deutlich werden, die sich dem Konflikt ausgesetzt sah, Bilder anbeten oder verdammen zu sollen. Ein anrührendes Beispiel ist etwa die Episode der Heiligenbilder, die in einem Heringsfaß versteckt vor dem Zugriff der Bilderstürmer gerettet werden sollen. Angesichts solcher unfreiwilligen Komik bleibt einem das Lachen doch im Halse stecken.

Bibliographische Angaben

Dupeux, Cécile/ Jezler, Peter/ Wirth, Jean (Hrsg.): Bildersturm. Wahnsinn oder Gottes Wille? Verehrung, Schändung und Untergang des mittelalterlichen Kultbildes, Katalogbuch Bern, Straßburg 2000/01.
454 Seiten, 700 Abbildungen, gebunden.