Ausstellungsbesprechungen

DYNAMIK! Kubismus / Futurismus / Kinetismus, Unteres Belvedere Wien, bis 29. Mai 2011

Geht es um die Wiener Moderne, so denkt man spontan an die Gründung der Secession 1897 und der Wiener Werkstätte 1903, an Otto Wagner, Joseph Maria Olbrich, Josef Hoffmann und Koloman Moser, an den geometrisch-konstruktiven Wiener Jugendstil, an Klimt, Schiele und Kokoschka. Doch schon nach dem 1. Weltkrieg regte sich in Wien mit dem so genannten Kinetismus eine zweite Moderne, die sehr bald in einen tiefen Dornröschenschlaf versank und über Jahrzehnte nur noch Insidern vertraut war. Der Ausstellung im Unteren Belvedere in Wien ist es gelungen, diese zweite Wiener Moderne dem Vergessen zu entreißen und in den Kontext der europäischen Avantgarden der Zehner und Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts zu stellen. Rainer K. Wick hat sich mit dem Wiener Kinetismus beschäftigt.

Der Titel der Ausstellung – »Dynamik!« – bringt auf den Punkt, was zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend die alltägliche Lebenswelt zu bestimmen begann: das Tempo der modernen Maschine, die industrielle Produktion, die neuen Kommunikationsapparaturen, der Straßen-, Bahn- und Flugverkehr. Zur Erfahrung der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen trat die Einsicht in die grundlegende existentielle Bedeutung von Bewegung und Rhythmus hinzu. Das alles fand auch in der bildenden Kunst seinen Niederschlag, so im Kubismus und mehr noch im italienischen Futurismus. Schon 1909 hatte Marinetti den denkwürdigen programmatischen Satz formuliert: »Ein aufheulender Rennwagen ist schöner als die Nike von Samothrake«. Ausgehend von den Methoden pointillistischer Farbzerlegung (Divisionismus), bedienten sich die futuristischen Künstler bald der kubistischen Prinzipien der Formzerlegung und der mehransichtigen Wiedergabe von Objekten, auch der seriellen Wiederholung einzelner Formkomplexe, um Bewegung und Schnelligkeit, Dynamik und Simultaneität zum Ausdruck zu bringen.

Das alles machte europaweit sehr schnell Schule. In Wien gelangte der Schweizer Maler Johannes Itten zu Formlösungen, die jenen der Futuristen – zumindest äußerlich – durchaus nahestanden. In seiner eigenen künstlerischen Praxis wie in seinem Unterricht betonte er stets die herausragende Bedeutung von Bewegung und Rhythmus, und die allererste Eintragung in seinem Wiener Tagebuch des Jahres 1916 lautet: »Rhythmus. [...] Alles Lebendige, Seiende lebt, das heisst, ist in Bewegung«.

Wichtig zu wissen ist nun, dass einige seiner Privatschüler auch an der Wiener Kunstgewerbeschule in der Klasse für »Ornamentale Formenlehre« des schon damals berühmten und weltweit anerkannten Reformpädagogen Franz Cizek lernten und ganz offensichtlich künstlerische Konzepte aus dem Itten-Unterricht in die Cizek-Klasse importierten.

Neunzig Jahre danach erinnert nun die umfassende Schau im Unteren Belvedere an die Inkubationszeit und die Jahre der Entfaltung des so genannten Wiener Kinetismus. Zu Recht stellt Patrick Werkner, einer der Kuratoren der Ausstellung, fest, dass die Einflussfaktoren, die nach dem Ersten Weltkrieg zum Wiener Kinetismus geführt haben, zu komplex seien, als dass man vereinfachend von einem „Futurismo Viennese“, einer Wiener Variante des Futurismus, sprechen könne. Und auch eine unilineare Herleitung des Kinetismus von Johannes Itten und seinem Privatunterricht dürfte der komplizierten Gemengelage nicht ganz gerecht werden. Vielmehr waren es der Kubismus, der Futurismus und der Konstruktivismus als die dominierenden, in der Ausstellung mit hochkarätigen Belegstücken von Picasso über Boccioni bis hin zu El Lissitzky gut dokumentierten Zeitströmungen, die Cizek in der Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts inspirierten und die er zu einer ganz eigenartigen und eigenständigen zweiten Wiener Moderne zu amalgamieren verstand.

Mit einer Fülle von kaum bekanntem Material – Gemälden, Zeichnungen, Grafiken, Plastiken – ist es den Ausstellungsmachern gelungen, endlich die historische Bedeutung dieses Wiener Kinetismus in das öffentliche Bewusstsein zu katapultieren.

Mit ihrem umfangreichen, formal äußerst konsequenten Œuvre kann Erika Giovanna Klien als die Leitfigur des Wiener Kinetismus gelten. Ihr mehrteiliges Tableau »Gang durch die Großstadt« von 1923 zeigt die Disparatheit und Inkohärenz fragmentarischer Seherfahrungen in einer von moderner Technik und hektischem Tempo bestimmten Metropole, und Kliens energiegeladene, vor Dynamik scheinbar berstende »Lokomotive« von 1926 mit ihren pointillistischen und kubo-futuristischen Elementen kann geradezu als Programmwerk des Wiener Kinetismus betrachtet werden.

Unter der Überschrift »Esoterik und Moderne« erinnert eine hochinteressante Abteilung der Ausstellung daran, dass es indes nicht nur um die Sichtbarmachung äußerer Bewegungsabläufe ging, sondern auch um die bildnerische Thematisierung von Bewegung als eines fundamentalen Lebens- und Gestaltungsprinzips und um die Darstellung innerer Prozesse und spiritueller Phänomene, also – zeittypisch für die frühen Zwanziger Jahren – um die Suche nach dem „Geistigen in der Kunst“ im Sinne Kandinskys und anderer Künstler der klassischen Moderne.