Ausstellungsbesprechungen

Eat Art. Vom Essen in der Kunst, Kunstmuseum Stuttgart, bis 9. Januar 2011

Quasi als Dessert zum großen Weihnachtsschmaus gedacht, hat sich Günter Baumann einmal der Eat Art-Ausstellung in Stuttgart gewidmet.

Die im Prinzip auf Kulinaria aller Art gebaute Ausstellung »Eat Art« tourte schon ein ordentliches Wegstück durch ein Viertel Europa – Essen auf Rädern, sozusagen: Gestartet in Düsseldorf Ende 2009, ging die Schau mit dem verlockenden Titel nach Innsbruck, bevor sie 2010 – zeitlich etwas versetzt mit der Direktorin Ulrike Groos, die von Düsseldorf nach Stuttgart ans Kunstmuseum wechselte – in der Maultaschen- und Spätzle-Metropole ankam. Begleitet wurde die Ausstellung jedes Mal von besorgten Chören, die sich über den Einsatz von Lebensmitteln im Dienste einer letztlich nur optisch genießbaren Kunst beklagten. Das Kunstmuseum war da ordentlich präpariert und nahm Diskussionsrunden und Vorträge ins Programm auf, die sich des heiklen Themas annahmen. So blieb der große Protest in Stuttgart aus (wo es offenbar mit dem sündhaft teuren und höchst unbeliebten Bahnhofprojekt wichtigere Streitthemen gibt), wobei selbst die verhaltene Reaktion für sich spricht: In einer Wohlstandsgesellschaft wie der unseren fällt ein unterkühlter barocker Butter- bzw. Ziehmargarine-Engel (Sonja Alhäuser) oder eine atemberaubend intensiv riechende Rauminstallation (Anya Gallaccio) im guten wie im kritischen Sinne gerademal ästhetisch auf, und selbst die an die Wand genagelten Reibekuchen (Judith Samen) führen weder in Versuchung, noch geben sie das Treibmittel zu einer Verfluchung ab, zumal für beide Sichtweisen wenig Handhabe ist, weil die Bestandteile wohl aus verfallenen Lebensmitteln bestehen. Und tatsächlich überzeugen allzu harte Urteilssprüche nicht, wenn sich gerade zur Vorweihnachtszeit getrocknetes Obst und dekorative Nüsse um die Adventskränze winden und sowieso nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit das ganze Jahr über Unmengen von Lebensmitteln zur Marktregulierung vernichtet werden. Schon das ist Argument genug, dass Essen potentiell auch für künstlerische Positionen taugt – nicht der tägliche Verzehr oder der kleine Hunger zwischendurch stehen zur Debatte, sondern die ungerechte Verteilung der Nahrung in der Welt sowie die Selbstverständlichkeit, mit der wir mit Essen umgehen. Das sollte uns beim Betrachten der Ausstellung bewusst werden. Stuttgart hat da den Vorgängerstationen der Ausstellung sogar einen Künstler voraus, der hier mit seiner Eat Art lange schon gut präsent ist: Dieter Roth, der seit den 1960er Jahren mit Nahrungsmitteln experimentierte und zum festen Sammlungsbestand des Kunstmuseums gehört.

Von Daniel Spoerri, dem »Bocuse« der Essensresteverwertung, stammt der auf ein Handtuch gestickte Spruch: »Wenn alle Künste untergehen, die edle Kochkunst bleibt bestehen«. Was als großmütterliche Halbweisheit daherkommt, ist hier schon fast ein sich selbst ad absurdum führender Dadaschwur: Die Verfallszeit liegt immerhin auf Seiten der allenfalls theoretisch, sprich ästhetisch-künstlerisch konsumierbaren Speisen: Vieles wird zur Kunst, weil sie – als Eatware – untergeht. Die Ausstellung in Stuttgart hat manch Zumutbares und Unzumutbares für die Sinne parat, und unterm Strich liegt die Ursuppe, in der Kunst und Leben gemeinsam plantschen. Rund hundert Arbeiten verteilen sich auf die Etagen des Kunstkubus, teils historisch orientiert – die so genannten »Fallenbilder« Spoerris geben die Wegmarke vor – , teils im zeitgenössischen Rundblick – mit einer erstaunlichen Bandbreite an quasi-kulinarischen Positionen. Einer der Höhepunkte ist eine komplette Kücheneinrichtung von Zeger Reyers, die in unermüdlicher, ja unerbittlicher Rotation zu einem Abfallcontainer mutiert. Die schönste Installation, wenn man das überhaupt so sagen darf, ist Thomas Rentmeisters Zuckerberg, in dem ein Einkaufswagen stecken geblieben ist, ein Relikt der wahnwitzigen Konsumgesellschaft. Doch wird man die Ästhetik als Begleiterscheinung werten müssen, die zwar über mehr Sinne als üblich vermittelt wird – man denke an die Gerüche – , aber im Dienste ernster sozialer und psychischer Themen steht, die die Ausstellung zu einem Meilenstein der gegenwärtigen Ausstellungslandschaft macht. Vor allem die Stuttgarter Roth-Sammlung bereichert die Exponateliste ungemein.

Unter den weiteren Künstlern seien genannt: Arman, Christine Bernhard, Joseph Beuys, Michel Blazy, John Bock, Paul McCarthy, César, BBB Johannes, Deimling, Arpad Dobriban, Dustin Ericksen / Mike Rogers, Thomas Feuerstein, Lili Fischer, Karl Gerstner, Carsten Höller, Christian Jankowski, Bernd Jansen, Elke Krystufek, Claude / François-Xavier Lalanne, Roy Lichtenstein, Richard Lindner, Gordon Matta-Clark, Antoni Miralda / Dorothé, Selz, Tony Morgan, L. A. Raeven, Philip Ross, Mika Rottenberg, Carlo Schröter, Shimabuku, Daniel Spoerri, Jana Sterbak, André Thomkins, Rirkrit Tiravanija, Günther Uecker, Ben Vautier, Andreas Wegner, Günter Weseler.

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