Porträts

Ebénistes mécaniciens du Roi et de la Reine: David und Abraham Roentgen

Mit den Namen David und Abraham Roentgen verbindet sich deutsche Möbelkunst des Rokoko und Klassizismus von allerhöchster Qualität. Von ihren bescheidenen Anfängen 1742 bis zur ihrer Schließung um 1800 sorgte die Roentgen-Manufaktur mit außergewöhnlichen Einlegearbeiten, innovativen Designs, visionärer Produktionsmethoden und vorausschauenden Marketingstrategien für Aufsehen. Rowena Fuß hat einen Blick auf das erfolgreiche Unternehmen geworfen.

Sogenannter Apollo-Schreibtisch, 1783 von David Roentgen für Katharina die Große gefertigt © Foto: Eremitage, Sankt Petersburg
Sogenannter Apollo-Schreibtisch, 1783 von David Roentgen für Katharina die Große gefertigt © Foto: Eremitage, Sankt Petersburg

Roentgen-Möbel besitzen seit jeher einen ganz eigenen Kreis an Liebhabern. Nicht jeder kann etwas mit den verspielten und reich verzierten Möbeln anfangen. Doch wer es sich leisten kann, erwirbt ein Exemplar der raffinierten Verwandlungstische, der Zylinderbureaus und Standuhren, der Kommoden und Fauteuils oder der Marketerie-Bildern, die aus Holzintarsien die kompliziertesten Malereien nachbildeten. Bereits Zarin Katharina II. gehörte genauso wie Ludwig XVI. und Marie Antoinette zum erlauchten Kundenkreis der Neuwieder Manufaktur und gab ein Vermögen für die Möbel aus. Für ihren Apollo-Schreibtisch bezahlte sie beispielsweise 20.000 Rubel – soviel wie für einen Landsitz.

Was an den Objekten fasziniert, illustriert das Hauptwerk der Roentgen-Werkstatt: der große Kabinettschrank für Friedrich Wilhelm II. (1773–79 entstanden und erste Jahre später vollständig bezahlt). Auf Knopfdruck offenbaren sich bei diesem Wunderwerk frühmoderner Technik geheime Fächer, schwenken Schubladen zur Seite oder senkt sich eine Schreibplatte herab. Im Zentrum des Aufbaus öffnet sich hinter malerischen Einlegearbeiten die Miniatur einer klassizistischen Theaterbühne. Dazu ertönt die Musik einer verborgenen Spieluhr.

Der Gründer dieses Unternehmens Abraham Roentgen (1711–93) hatte wesentliche Impulse für seine Manufaktur in London erhalten, wo sich der Tischlergeselle aus Köln-Mülheim in den 1730er Jahren aufhielt. Hier gab es, im Gegensatz zu Deutschland, wo die Zunftordnungen nur kleine Werkstätten erlaubten, Großbetriebe, die mit Hilfe von serieller Produktion und Zulieferern von vorgefertigten Teilen Möbel in einer hohen Stückzahl herstellten. Auch stilistisch gesehen schlug sich der Englandaufenthalt in den Arbeiten Roentgens nieder. Da ist zum einen die Art der Einlegearbeiten, das raffinierte Innenleben der Schreibtische, die typischen „Lippenränder“ von Schubladen, exzentrische Füße in Kugelklauen- oder Polsterform, zum anderen ist es die Vorliebe für verwandelbare Möbel – mit all diesen englischen Elementen machte Abraham Roentgen in Deutschland Furore.

Noch mehr als sein Vater Abraham war es jedoch David Roentgen (1743–1807), der der Manufaktur zu Weltruhm verhalf. Das lag an seinem geschickten Marketingkonzept: Mit Lotterien fachte er die Nachfrage an, auf Reisen quer durch Europa suchte er immer wieder Fürstenhäuser auf und machte Angebote, bot langfristige Zahlungsfristen an, entwarf Prospekte für die Auftritte auf der Frankfurter Messe und richtete in Paris eine Dependance ein. Dieselbe Strategie verfolgen auch heutige Designer mit verschiedenen Showrooms in aller Welt.

Ein Umbruch kam mit der Französischen Revolution. Schlagartig fielen die Kunden in Frankreich weg und auch die russische Zarin verlor die Lust am teuren Spaß. David Roentgen konnte jedoch durch Lagerverkäufe und dem Eintreiben alter Schulden zunächst ausreichende Einnahmen sichern. Nichtsdestotrotz sah er sich 1793 zur Schließung seiner Werkstatt gezwungen, denn die höfische Gesellschaft, an die er bisher seine Luxuswarern verkauft hatte, existierte nicht mehr. Parallel zur Auflösung der Manufaktur ging die Gründung von selbstständigen Tochter- bzw. Nachfolgeunternehmen durch ehemalige Mitarbeiter einher, die aber den sagenumwobenen Ruhm der ursprünglichen Werkstatt nicht erreichen konnten. Es sollte sich herausstellen, dass selbstbewusste, profit- und unternehmensorientierte Persönlichkeiten wie David Roentgen, die den Markt beobachteten und zugleich versuchten, die Nachfrage nach den eigenen Produkten aktiv zu beeinflussen, erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts auf Dauer erfolgreich waren.

Die Popularität der Roentgen-Produkte hat indes keine Patina angesetzt. Während etwa Rokoko-Möbel ihre große Zeit als begehrte Antiquitäten hinter sich haben und zu oft erstaunlich niedrigen Preisen den Besitzer wechseln, erzielen Roentgen-Möbel immer noch Höchstpreise. So ging ein Verwandlungstisch David Roentgens 2010 bei Van Ham für rund 240.000 Euro an den Käufer. Der Schätzpreis lag bei 60.000 Euro.