Ausstellungsbesprechungen

Eckersberg – Faszination Wirklichkeit. Das goldene Zeitalter der dänischen Malerei, Hamburger Kunsthalle, bis 16. Mai 2016

Christoffer Wilhelm Eckersberg (1783 – 1853) ist ein in Deutschland nur wenig bekannter Maler, aber mit einer großartigen Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle und einem sehr schönen Katalog wird sich das ändern. Stefan Diebitz hat sich die Werke des großen Dänen angeschaut.

Der Umbau der Hamburger Kunsthalle geht in die letzte Phase, und für die nächste Zeit ist fast das ganze Haus geschlossen – fast, denn in seiner Mitte, im Hubertus-Wald-Forum, wird eine große Übersichtsausstellung über den dänischen Malerfürsten Christoffer Wilhelm Eckersberg gezeigt. Eckersberg hat nicht allein ein ebenso umfangreiches wie vielseitiges Werk vorgelegt, sondern auch als akademischer Lehrer und Buchautor großen Einfluss ausgeübt: Mit seinen Arbeiten wie mit seiner Lehre hielt die Moderne Einzug in Kopenhagen.

Die Ausstellung ist auch deshalb so empfehlenswert, weil sie zwar alle Phasen und Interessen des Künstlers als eine Einheit präsentiert, aber gleichzeitig schön getrennt aufzeigt; so viel Klarheit war selten, aber auch soviel Einheit, denn allen Werken ist der nüchterne, unaufgeregte, vielleicht auch etwas trockene Charakter eines handwerklich und konzeptionell überragenden Künstlers abzulesen. Eckersberg wurde in Kopenhagen zum Historienmaler ausgebildet, setzte seine Studien in Paris und Rom fort und wurde nach seiner Rückkehr erst ein erfolgreicher Porträtist und später ein Marinemaler. Aber er malte ebenso die dänische Landschaft wie eine Reihe von Akten, und endlich unterrichtete er an der Akademie und legte ein wichtiges Lehrbuch der Perspektive vor. Mit alldem übte er in Dänemark einen gewaltigen Einfluss aus, und der Aufschwung der dänischen Malerei im 19. Jahrhundert ist ganz wesentlich sein Verdienst: sie alle, die nach ihm kamen, waren seine Schüler.

Nach seinem Studium in Kopenhagen erhielt Eckersberg ein großzügiges Stipendium, das ihm einen insgesamt sechsjährigen Aufenthalt in Paris und Rom für den Abschluss oder sogar die Krönung seiner Ausbildung erlaubte. In Paris arbeitete er bei keinem Geringeren als Jacques-Louis David und studierte dessen Arbeitsweise vor allem mit Blick auf die Historienmalerei, die zunächst sein Schwergewicht zu werden schien. In Rom dagegen lernte er bei und mit seinen zahlreichen durch Stadt und Umgebung streifenden Kollegen die Freiluftmalerei kennen, die von vornherein dem der Wirklichkeit zugewandten Temperament des Künstlers nahe gekommen sein muss.

In seinem den Katalog eröffnenden biografischen Essay schildert Kaspar Monrad, wie Eckersberg in Rom arbeitete: Zunächst zeichnete er vor Ort Skizzen, wobei er auf eigenwillige Perspektiven und einen sorgfältigen Bildaufbau achtete. Denn einerseits waren schon damals die großen Denkmäler der ewigen Stadt bis zum Überdruss gemalt oder gestochen worden, andererseits war der durchdachte Bildaufbau – meist mit einem Zug in die Weite – von vornherein einer der Schwerpunkte seines künstlerischen Schaffens und wurde es je mehr, je besser er als Künstler wurde. In seinem Katalogbeitrag spricht der Kurator Markus Bertsch von »einer rigiden perspektivischen Konstruktion der Bildräume«.

Anders als bei anderen Künstlern waren seine Ölskizzen schon mehr, sogar weit mehr als flüchtig getuschte Bilder. Zunächst fertigte er vor Ort Kompositionszeichnungen an, die er später im Atelier zu Ölskizzen ausarbeitete. Monrad nennt sie sorgfältig ausgeführte Bilder und schreibt, dass »seine Vorarbeiten zu größeren Gemälden […] fast immer bildmäßig durchgearbeitet« waren. Dann ging Eckersberg noch einmal zu dem Standort zurück, weil es ihm immer auch auf die Details ankam. Er malte sehr genau, oft sogar filigran und penibel, und diese Genauigkeit ist neben dem durchdachten oder vielleicht besser durchkalkulierten Spiel der ins Weite zielenden Linien ein sein Gesamtwerk auszeichnendes Charakteristikum.

Ein anderes ist die Nüchternheit, denn es scheint, dass Eckersberg ein verhältnismäßig trockener Mensch gewesen ist, der zumindest als Künstler großen Gefühlen ganz konsequent aus dem Wege ging. Mehrfach sprechen die Autoren des Kataloges die Möglichkeit an, dass auch Eckersberg Bilder im Stile der Dresdner Romantik hätte malen können, aber ganz offensichtlich entsprach das nicht seinem künstlerischen Willen, wie besonders auch der Vergleich seiner Marinebilder mit Gemälden von Caspar David Friedrich zeigt. Wo sich bei Friedrich ein symbolträchtiges Abend- oder Morgenrot zeigt, da findet sich bei Eckersberg ein neutrales, manchmal geradezu kaltes Licht.

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Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Monrad, wenn er die Wiedergabe des Kolosseums durch Eckersberg mit einem Bild von Franz Ludwig Catel vergleicht, der das Kolosseum im unsteten Mondschein darstellt und so der Fantasie des Zuschauers breiten Raum lässt, wogegen Eckersberg die Details fokussiert und das Rund des Theaters im hellen Tageslicht präsentiert.

Die Ablehnung großer Gefühle und Gesten findet sich bereits bei einem seiner frühen Hauptwerke, das er im Auftrag seines jüdischen Mäzens Mendel Levin Nathanson malte. Sein Gemälde zeigt die »Rast der Israeliten nach dem Durchzug durch das Rote Meer« und wurde bereits 1815 in Rom fertiggestellt. Dem Wunsch seines Auftraggebers, den Durchzug durch das Rote Meer zu malen, mochte er nicht nachkommen, weil er nichts Übernatürliches abbilden wollte, und den Untergang von Pharaos Heer kann man nur in der rechten unteren Bildecke aus großer Entfernung sehen. Bertsch spricht davon, dass in den Werken des Meisters »die Vorstellung von existentieller Not aus der Darstellung verbannt ist« – und das ist zweifellos ein Moment, das eine emotionale Betrachtung erschwert. Von seinen Veduten heißt es, dass »die absolute Ruhe [herrscht], das Lautlose, die Stille. Alles wirkt unbewegt, die Luft scheint zu stehen.«

Ein besonders schönes Beispiel seiner frühen Malerei zeigt Odysseus, wie er sich nach der Blendung des Polyphem aus dessen Höhle schleicht. Auch hier wählte der Künstler einen wenig dramatischen Moment (also zum Beispiel nicht den Augenblick, in dem Polyphem geblendet wird), und gleichzeitig entschied er sich für eine überraschende Perspektive: wir schauen nicht etwa in die Höhle hinein, sondern aus ihr hinaus.

Von Nüchternheit geprägt sind auch die zahlreichen Porträts, die er in seiner ersten Zeit nach der Rückkehr nach Kopenhagen malte und mit denen er große Erfolge hatte. Viele Betrachter werden seine offensichtlich sehr treffenden und genauen, aber nicht unbedingt einfühlsamen Bilder eher kalt lassen. In der Einleitung zu ihrem Beitrag, der sich mit den Bildnissen beschäftigt, schreibt Anna Schram Vejlby, dass der Maler manchen seiner Modelle »eine wenig liebevolle Behandlung zuteilwerden ließ.« So verschweigt sein Bild auch keineswegs das Doppelkinn von Frau Schmidt…

Kalt und akademisch wirken auch einige der sehr großen Akte, die sich in Hamburg an einer Wand versammeln, Kniestücke von ungefährer Lebensgröße. Allerdings: Sie waren tatsächlich als akademische Lehrstücke gedacht und gelangten deshalb auch in den Besitz der Akademie. Einige der kleineren Aktbilder scheinen dagegen viel wärmer: mit mehr Liebe gemalt und vielleicht ja auch mit mehr Liebe angeschaut. In Kopenhagen führte Eckersberg, nachdem er schon bald Professor geworden war, das Zeichnen nach weiblichen Aktmodellen ein. In diesem Punkt ebenso wie in der ebenfalls von ihm in Kopenhagen eingeführten Freiluftmalerei befand er sich an der Speerspitze der Bewegung. In seinem Beitrag schreibt Monrad aber, dass sich der Künstler seit 1826 einer Weiterentwicklung widersetzte, denn damals verlor sich »seine Offenheit gegenüber neuen, von ausländischen Kunstpositionen ausgehenden Impulsen nahezu völlig. Stattdessen verlegte er sich ganz auf das von ihm geschaffene künstlerische Fundament, das für immer Bestand haben sollte.«

Allerdings kam noch ein neues Sujet dazu: die Marinemalerei, in der er es zu ebensogroßer Meisterschaft wie in der Landschaftsmalerei bringen sollte. Besonders interessant in jenen Jahren muss die Begegnung von Dampf- und Segelschiffen gewesen sein, denn nicht allein, dass ein Dampfschiff einen Sprung in der technischen Entwicklung darstellte, seine Abbildung stellt den Maler auch vor ganz andere Aufgaben. Eckersberg hat auch Dampfschiffe gemalt, aber sein Interesse galt der Takelage (er war ein Meister der Perspektive!) sowie den Wetter-, besonders aber den Wolkenverhältnissen. Und so stellen seine präzisen, klaren und detailverliebten Bilder den Kontrapunkt zu den Bildern eines William Turner dar: unterschiedlicher hätte man diese Thematik nicht bearbeiten können, hier wirbelnde und sausende Dynamik, dort schockgefrostete Wellen.

Der hochwertigen Ausstellung entspricht ein hochwertiger Katalog, der nicht allein mit acht wissenschaftlichen Beiträgen, sondern auch mit seinen schönen Abbildungen überzeugen kann.