Ausstellungsbesprechungen

Edvard Munch. »…aus dem modernen Seelenleben«

Mit der Ausstellung "Edvard Munch '…aus dem modernen Seelenleben'" ist der Hamburger Kunsthalle – um dies gleich vorweg zu sagen – eine wunderbare, bisweilen sehr ergreifende Ausstellung gelungen, die ihre Besucher wie in einen Strudel von Munchs emotionalem Ausdruck in seinen Gemälden und Druckgrafiken zieht.

Der norwegische Maler Edvard Munch (1863-1944) zählt zu den bedeutendsten Wegbereitern der Moderne. Seine vom Symbolismus geprägte Kunst um 1900 stellt unter anderem eine der Quellen für den Expressionismus der „Brücke“ in Deutschland dar. Bedeutend für Munchs künstlerisches Schaffen war neben seinen symbolistisch geprägten malerischen Schlüsselwerken der „Madonna“ oder dem „Schrei“ die Druckgraphik, die er 1894 für sich entdeckte. Er experimentierte mit Möglichkeiten dieser Technik, um durch einen variierenden Form- und Farbduktus immer wieder neue Ausdrucksmöglichkeiten zu erhalten. So gelang es Munch mit nur einem Motiv eine Vielzahl vollkommen unterschiedlicher Stimmungen zu evozieren. Dabei spielten die Themen seiner malerischen Hauptwerke, wie das Verhältnis zwischen Mann und Frau, Angst, Melancholie und Tod, erneut eine wichtige Rolle, indem er  sie in die graphische Form übertrug.

Es war eine beinahe manische Auseinandersetzung mit diesen Motiven. Edvard Munch erklärte selbst, dass er sich auf der Suche nach dem ersten erlebten Eindruck einer Szene befunden habe und sich stets als gescheitert empfand. Er sah jedes Bild als einen erneuten Versuch, sich malerisch an das selbst gesehene Urbild anzunähern: „In meiner Erinnerung suchte ich nach dem ersten Bild, dem ersten Eindruck. Ich versuchte dieses Bild ‚zurückzubekommen‘.“ (Kat. S. 15.) Stanislaw Przybyszewski interpretierte 1894 die Bilder von Edvard Munch so, dass sie „die feinsten und subtilsten Seelenvorgänge […] wie sie spontan, völlig unabhängig von jeder Gehirntätigkeit in dem reinen Individualitäts-Bewusstsein erscheinen“ abbilden. „Seine Bilder sind geradezu gemalte Präparate der Seele […] Präparate der tierischen, vernunftlosen Seele, wie sie sich windet und in wilden Stürmen aufwirbelt, und in düsterem Schmerzenkrämpfen schreit und vor Hunger heult.“ [Anm. 1]

Munchs Kunst ist besonders geprägt von persönlichen Schicksalsschlägen, wie den frühen Tod der Mutter und den Tod seiner fünfzehnjährigen Schwester. Diese leidvollen Erfahrungen kompensierte Munch in seiner Kunst, die ein „Mehr“ an Aussagekraft und Intensität spüren lässt. Munchs Leiden war jedoch nicht nur individueller Natur, sondern auch kulturell stark rückgebunden an die Endzeitstimmung des Fin de Siècle, wie sie auch in anderen Werken der europäische Avantgarde zu finden ist. Man wollte dekadent und leidend zugleich sein. (Vgl. Kat. S.10)

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Schon früh zeigte sich ein reges Interesse an Munchs Arbeiten vor allem von privaten Hamburger Sammlern. Einer dieser Sammler war der Landgerichtsdirektor Gustav Schiefler, der mit Munch eine enge Freundschaft pflegte. Schiefler war begeistert von Munchs Werk, das ihm wie eine neue Entwicklungsphase der Kunst erschien: „Sein Griffel versteht Dinge zu sagen, welche Geheimnisse der Seele künden und bisher unausdrückbar schienen.“ [Anm. 2] Im Dezember 1904 beschloss Schiefler das Werkverzeichnis der Druckgraphik zu bearbeiten und herauszugeben. Schiefler selbst empfand sich zwar nie anders, als ein Dilettant im besten Sinne, seine überaus sorgfältig erstellten Œuvre-Kataloge und präzisen Beschreibungen sind aber bis heute richtungweisend.

Vor 1937, also bevor das NS-Regime die Aktion „Entarte Kunst“ inszenierte, war die künstlerische Arbeit Munchs auch in der Sammlung der Hamburger Kunsthalle mit zwei Gemälden und einer großen Anzahl druckgraphischer Blätter vertreten. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es Carl-Georg Heise, der von 1945 bis 1955 Direktor der Hamburger Kunsthalle war, eine Munch-Sammlung für das Museum aufzubauen, die außerhalb Norwegens heute zu den bedeutendsten zählt. So beherbergt die Kunsthalle Hamburg Schlüsselwerke wie die in der Ausstellung gezeigte „Madonna“ (1894), die in partiell leuchtendem Kolorit und in vitalem Pinselduktus gestalteten „Mädchen auf der Brücke“ (um 1900) oder die in weiße Kleider gehüllten, eng beieinander in einer Gruppe stehenden Mädchen „Mädchen am Meer“ (1903/04). Im Zentrum der Ausstellung steht vor allem das graphische Werk Munchs, wobei die Hamburger Kunsthalle dabei auf ihren Schatz von 190 Graphiken zurückgreift, der alle wichtigen Werkphasen des Künstlers umspannt. Ergänzt werden die Bestände der Kunsthalle durch weitere Gemälde sowie herausragende Beispiele der Druckgraphik aus Privatsammlungen und anderen Museen.

Zur Ausstellung ist ein komplexes 192 Seiten umfassendes Katalogwerk erschienen, das durch vier umfangreiche Fachbeiträge den Künstler Edvard Munch dem Leser näher bringt, indem seine Biographie in sein Kunstschaffen immer wieder eingebunden wurde. Zudem werden die Arbeitstechniken, seine Faszination für die Druckgraphik und die daraus entstandenen Ausdrucksmöglichkeiten in einer sehr ansprechenden, verständlichen Sprache dargeboten. Darüber hinaus rufen die zahlreichen, farblich sehr gut wiedergegebenen Abbildungen dem Leser die Ausstellung immer wieder ins Gedächtnis.

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Der Hamburger Kunsthalle ist mit „Edvard Munch '…aus dem modernen Seelenleben'“ eine absolut sehenswerte Präsentation gelungen, die den Betrachter die Auseinandersetzung des Künstler mit den Abgründen und Höhen des Seelenlebens vor Augen führt. Ein Besuch der Hamburger Ausstellung ist ein „Muss“ für jeden Kunstliebhaber!

 

Weitere Informationen

 

Öffnungszeiten
Di-So 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr
Mo geschlossen
1. Mai 12-18 Uhr

Eintritt
8,50 € (Ausstellung inkl. Museumsbesuch), ermäßigt 5 €


Anmerkungen
1. Stanislaw Przybyszewski: Das Werk des Edvard Munch. Vier Beiträge, Berlin 1894, S. 16.
2. Tagebuch Gustav Schiefler, 11.2.1903

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